Wenn der Christ dem Muslim gratuliert

von Andreas Ernst / 03.02.2015

Im Gegensatz zu anderen Regionen in Europa ist auf dem Balkan der Friede zwischen Muslimen und Christen derzeit stabil. Religiöse Zugehörigkeit wurde jetzt das zentrale Ordnungsprinzip der Gesellschaft. Mancherorts ist es üblich, dass Christen und Muslime sich gegenseitig an Feiertagen besuchen und beglückwünschen. Das muss aber nicht immer so bleiben. NZZ-Korrespondent Andreas Ernst berichtet für uns aus Belgrad. 

In den Straßen von Paris und Brüssel patrouilliert dieser Tage die Armee zum Schutz von Gotteshäusern. In Deutschland wird gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ protestiert. Nach den Bluttaten in Paris sprachen auch besonnene Zeitgenossen davon, dass sich Europa in einem Krieg gegen den Terrorismus befinde. Ganz Europa? Nein, im Südosten spürt man davon wenig. Die Wogen der Erregung erreichten den Balkan nur als kleine Wellen. Und dies, obwohl hier die Reibungsfläche zwischen den Religionen potenziell am größten ist.

Spirituelle Verzierung

Auf dem westlichen Balkan sind ein Drittel der 22 Millionen Bewohner Muslime. Ihre religiösen Führer verurteilten die jüngsten islamistischen Gewalttaten einstimmig. Husein Kavazovic, der Großmufti der bosnischen Islamischen Gemeinschaft, geißelte den Terror als zutiefst unislamisch. Nie sei der Prophet seinen vielen Beleidigern mit Gewalt entgegengetreten. Unterstützung erhielt der Mufti von der serbisch-orthodoxen Kirche: Sie warnte die Medien davor, die Mohammed-Karikaturen aus Charlie Hebdo abzudrucken. Diese seien blasphemisch und verletzten die Gefühle „unserer Brüder und muslimischen Mitbürger“. Auf dem Balkan, sagte ein ehemals in Frankreich akkreditierter serbischer Botschafter, sei man offensichtlich toleranter als im übrigen Europa. Arroganz gegenüber Muslimen sei gesellschaftlich unerwünscht.

Das klingt überraschend. Und der Einwand liegt auf der Hand, dass schließlich hier in den neunziger Jahren eine Serie blutiger Kriege wütete, in denen Moscheen gesprengt und Kirchen abgebrannt wurden. Auch segneten Geistliche damals Waffen.

Ist der Verweis auf den traditionellen Religionsfrieden des Balkans verlogen? Ein bisschen schon, wenn man an manche Äußerungen von Kirchenoberen denkt. Aber aufs Ganze gesehen, trifft er zu: Die jugoslawischen Kriege in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren keine Religionskriege. Sie hatten wirtschaftliche Ungleichheiten zur Voraussetzung und wurden fast ausschließlich ethnisch begründet. Die religiösen Argumente wurden dem Konflikt nur aufgepfropft und dienten als spirituelle Verzierung. Die religiösen Eliten nutzten die Krise, um über die Homogenisierung der serbischen (orthodoxen), kroatischen (katholischen) und der bosniakischen (muslimischen) Volksgemeinschaften ihre gesellschaftliche Geltung zu erhöhen. Das Tragen religiöser Symbole wurde Mode. Kinder wurden im neu eingeführten Religionsunterricht unterwiesen, und enteignete Kirchengüter wurden restituiert.

Friedliches Nebeneinander

Aber der Kampf war kein Kampf um die Religion. Zwar sprach man in Serbien in den neunziger Jahren von der Gefahr der „grünen Transversale“: Gemeint waren die muslimischen Siedlungsgebiete zwischen dem Sandžak Novi Pazar in Südserbien und der Stadt Tetovo in Mazedonien. Dort, so hieß es, drohe ein dschihadistischer Aufstand gegen die christlichen Völker und das Abendland insgesamt. Doch der Hauptadressat war das westliche Ausland. Wer den Landstrich kannte, wusste, wie abwegig ein balkanischer Panislamismus angesichts der ethnischen, sprachlichen und religiösen Unterschiede der Muslime auf dem Balkan war.

Im Umgang mit religiöser Verschiedenheit haben die balkanischen Gesellschaften lange Erfahrung. Das beginnt mit der Islamisierung von Teilen der Region durch die Osmanen. Religiöse Zugehörigkeit wurde jetzt das zentrale Ordnungsprinzip der Gesellschaft (Millet-System). Die Religionsgemeinschaften verwalteten sich selbst und lebten nebeneinander. Allerdings übertreibt das Lob der „Pax Ottomanica“, welches von der heutigen türkischen Führung gesungen wird, die multireligiöse Idylle und unterschlägt die Diskriminierung der Christen in wichtigen Lebensbereichen. Aber im Unterschied zur Zeit der Bildung von Nationalstaaten in Westeuropa, die später auf dem Balkan kopiert wurde, gab es keine gewaltsame obrigkeitsstaatliche Homogenisierung der Bevölkerung.

Das Bewusstsein, dieses meist friedliche Nebeneinander pflegen zu müssen, ist seit den neunziger Jahren wieder gewachsen. Mancherorts ist es üblich, dass Christen und Muslime sich gegenseitig an Feiertagen besuchen und beglückwünschen. Viele begnügen sich mit einer Textnachricht oder einem freundlichen Eintrag auf Facebook. Der religiöse Kalender der anderen, das Fastenbrechen nach dem Ramadan oder die Osterfeier, sind bekannt. Dieser Austausch ist Ausdruck von Nähe und Respekt, er macht aber auch immer wieder den Unterschied zwischen dem eigenen und dem fremden Glauben sichtbar.

Die Geschichte des Balkans zeigt zur Genüge, dass die Vertrautheit zwischen den alteingesessenen Gemeinschaften von Muslimen und Christen kein Garant ist gegen Übergriffe und Konflikte. Die Kriege der neunziger Jahre haben die Segregation zwischen Ethnien und Konfessionen massiv verstärkt. Im Unterschied zu westeuropäischen Einwanderungsgesellschaften gibt es hier aber keine Vorstädte mit religiös homogenen Unterschichten, die mit Mehrheitsgesellschaften konfrontiert sind, welche Integration verlangen, aber Ausschließung praktizieren. Das ist einer der Gründe, weshalb religiöser Fanatismus und Gewaltkriminalität auf dem Balkan wenig verbreitet sind. Städte wie Belgrad, Sarajevo oder Tirana zählen zu den sichersten auf dem Kontinent.

Hohle Versprechen

Bleibt das so? Viele Trends der Globalisierung erfassen auch die europäische Peripherie. Die steckengebliebene wirtschaftliche und politische Transformation hat viele junge Arbeitslose hervorgebracht. In ihren Ohren klingen die Versprechen der EU-Politiker hohl. Dagegen mag manchen jungen Menschen aus den stagnierenden Gesellschaften des Kosovo, Mazedoniens oder Bosniens das islamistische Angebot attraktiv erscheinen: Ein Kämpfer zu werden, statt ein „Niemand“ zu bleiben, verbunden mit einem Auftrag und Ansehen in der Gemeinschaft. Doch für die Militanten unter ihnen liegen die Schlachtfelder eben nicht in der Heimat, sondern im fernen Syrien oder im Irak. Bisher gab es im europäischen Dschihad keine Balkan-Verbindung. Einzig die tödlichen Patronen des Pariser Anschlags stammten aus der bosnischen Stadt Konjic.