Regula Pfeifer

Umwidmung

Wenn die Kirche nicht mehr heilig ist

von Gordana Mijuk / 22.02.2016

Viele Kirchen stehen leer. Der Unterhalt ist teuer. Das Zauberwort heißt umnutzen. Aus Kirchen könnte man fast alles machen: Kinderhorte, Autowerkstätten, Discos, Moscheen. Doch was ist angebracht für den sakralen Ort?

Grau und kalt ist es an diesem Tag. Die Frau tritt in Flipflops und mit Kopftuch aus der Kirche und läuft eilig zur provisorischen Waschküche. Im Eingang der Kirche steht Maher. Er ist 47 Jahre alt. Die Strapazen sieht man ihm nicht an, die Flucht aus Syrien, die gefährliche Bootsfahrt. Vor zwei Wochen ist er angekommen mit seiner Frau und drei kleinen Kindern, gestrandet in der Kirche Rosenberg in Winterthur. „Gott ist überall, in der Kirche, in der Moschee, auf der Straße“, sagt er und lächelt.

Auch Pfarrer Arnold Steiner lächelt. Noch vor kurzem wusste er nicht, was mit seiner Kirche geschehen sollte. Es braucht sie nicht mehr. Rosenberg war als Zweitkirche in den Sechzigern gebaut worden im Glauben an eine wachsende Gemeinde – es kam anders. Als Quartierkirche genügt heute die alte Dorfkirche ein paar hundert Meter entfernt.

Die Rosenbergkirche hätte in eine Kulturkirche umgewandelt werden sollen. Geplant war, hier kulturelle Anlässe durchzuführen, Ausstellungen und Diskussionen zum Thema Flüchtlingselend etwa. Doch eine Mehrheit der reformierten Stimmberechtigten von Winterthur sagte Nein, sie wollte dafür kein Geld ausgeben. Lieber sollte die Kirche leer stehen. Nun wohnen 20 Flüchtlinge in der Kirche. Bald werden es 70 sein. Aus Spanplatten hat man Wohnboxen in das Kirchengebäude gestellt. Die Nutzung als Asylunterkunft ist allerdings auf zwei Jahre befristet. Was danach kommt, ist offen. Pfarrer Steiner denkt jeden Tag darüber nach. Bald stehen auch Sanierungsarbeiten in Millionenhöhe an. Eine Lösung sieht er noch nicht.

Als Asylunterkunft dient die Kirche Rosenberg.
Credits: ENNIO LEANZA / KEYSTONE

Er ist nicht allein mit dem Problem. In der Schweiz werden Kirchen ihren Gemeinden immer mehr zur Last. Eine Vielzahl von Kirchen steht leer oder wird kaum genutzt – reformierte und katholische. Der Unterhalt der Gebäude ist teuer, für notwendige Investitionen fehlt das Geld. Die Finanzen sind knapp, immer mehr Mitglieder treten aus der Kirche aus. Heute sind bereits 23 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz konfessionslos. 1970 waren es gerade einmal 1,2 Prozent. Hinzu kommt: Fast 60 Prozent haben sich von der Kirche distanziert. Sie besuchen Kirchen höchstens noch an Weihnachten.

In der reformierten Kirche Kappel in Ebnat-Kappel herrscht Unordnung. Mitten im Raum steht eine Hebebühne. Auf dem Abendmahltisch liegen Kabel und Papierrollen. Scheinwerfer und Lautsprecher stapeln sich am Boden. Unter der Kanzel steht André Keller und fingert an seinem Smartphone herum. Er ist das neue Oberhaupt hier. Keller ist kein Pfarrer. Er ist Unternehmer, mit einer Leidenschaft für Musicals. Zur Kirche kam er aus Zufall. Als er vor zwei Jahren in der Nähe Land erstand, hörte er, dass die Kirchgemeinde ihr Gotteshaus verkaufen wollte. Keller schaute es sich an und wusste: Hier werden künftig Theatervorstellungen und Konzerte stattfinden, Partys und Hochzeiten. Er kaufte die Kirche für 230.000 Franken – ein Schnäppchen.

Religion wird in der Kirche Kappel keine Rolle mehr spielen. Die Kirchenbänke sind bereits weg. Orgel, Kanzel und Kirchenfenster bleiben. „Die Kirche soll architektonisch eine Kirche bleiben“, sagt Keller. Je nach Nutzung könne man die Kanzel und die Orgel auch abdecken. Keller geht ein unternehmerisches Risiko ein, der Umbau in ein Theater kostet viel Geld. „Wenn das Publikum ausbleibt, schauen wir weiter. Der Raum könnte auch als Lager dienen oder als Beiz.“ Keller hat praktisch freie Hand. „Im Vertrag steht nur, dass wir kein Erotikzentrum errichten und den Raum nicht sektiererischen Glaubensgemeinschaften zur Verfügung stellen dürfen.“ Am 18. April wird Eröffnung gefeiert. Danach läuft ein Musical über Zwingli. Wie passend.


Credits: MARKUS FORTE

In der katholischen Kirche Don Bosco in Basel steht ein gewaltiges Holzkreuz. Es verbindet den Boden mit der Decke und die beiden Längsseiten. Das Kreuz scheint die Kirche zusammenzuhalten. Auch hier ist schon seit Jahren kein Gottesdienst mehr durchgeführt worden. Der nächste wird wohl der letzte sein: der Abschiedsgottesdienst, bei dem Tabernakel und Reliquie im Altar entfernt werden und die Kirche in einem liturgischen Akt zum profanen Raum erklärt wird.

Schweiß statt Weihrauch

Derzeit wird in der Kirche eine Ausstellung gezeigt. Fotografien zum Thema „The mass is ended“ – die Messe ist vorbei. Die Bilder zeigen Kirchen, die zu Banken, Lagerhallen, Kinos, Bibliotheken und Nightclubs umfunktioniert wurden. Wo früher Weihrauch gen Himmel stieg, stemmen heute Bodybuilder Gewichte und wechseln Automechaniker Motorenöl. Hier ist nichts mehr heilig. Fast nichts. Auf einem Bild sieht man eine Kirche, die heute als Moschee dient.

Ist das auch die Zukunft für Schweizer Kirchen? McDonald’s statt Mutter Gottes? Körperkult statt Gottesfurcht? Koran statt Bibel?

Der Basler Bischof Felix Gmür ist in oberster Instanz auch für die Kirche Don Bosco zuständig. Anlässlich der Ausstellung meldete er sich zu Wort. Nein, der Anblick der Bilder mache ihn nicht traurig, sagte er der „Tagesschau“ des Schweizer Fernsehens. „Es ist schön. Man sieht, wie multifunktional Kirchengebäude sind.“

Kirchen sind für immer weniger Menschen sakrale Orte. Was heilig ist, wird heute nicht mehr gesellschaftlich, sondern individuell bestimmt. Der Kult hat sich verschoben zum Geld, zum Körper, zum Konsum. Das weiß auch Bischof Gmür. Er würde es dennoch nicht zulassen, dass auch aus Don Bosco eine Pizzeria wird. Am liebsten wäre dem Bischof, die Kirche könnte weiterhin von einer christlichen Glaubensgemeinschaft genutzt werden. Von der orthodoxen Kirche etwa. Solche Umnutzungen kommen in der Schweiz immer wieder vor. Allerdings ist die Nachfrage begrenzt. Das Problem der überzähligen Kirchen können Orthodoxe nicht lösen. Allein in Basel hat die katholische Kirche eine Infrastruktur für 90.000 Katholiken gebaut. Heute zählt die Gemeinde nur 30.000 Mitglieder. Diese gehen ab und zu in die Kirchen. Wenn überhaupt. Die Kirchen an Muslime zu verkaufen, die nach Gebetshäusern suchen, kommt für Gmür nicht infrage. Die Umwandlung in eine Moschee „käme einer Eroberung, ja einer Übernahme gleich“, sagt er.

Die Landeskirchen sind in einer schwierigen Lage. Sie sehen, wie ihre Gemeinden schrumpfen – ihre Kirchen aufgeben wollen sie dennoch nicht. Die Bischofskonferenz wie auch der Evangelische Kirchenbund raten in Empfehlungsschreiben an die Kirchgemeinden, die Kirchen wenn nötig zu vermieten, nicht jedoch zu verkaufen oder abzureißen. Wird ein Gebäude verkauft, kann man über kurz oder lang nicht mehr über die Nutzung bestimmen. Wie die finanziellen Probleme zu lösen sind, darüber steht in den Empfehlungsschreiben jedoch wenig.

In der Herz-Jesu-Kirche in Rorschach am Bodensee versucht man diesen gordischen Knoten mit einem unkonventionellen Projekt zu durchschlagen. Die neugotische Kirche ist seit zehn Jahren leer und müsste teuer saniert werden. Um einen Verkauf zu verhindern, sollen in die Kirche Wohnungen und Geschäfte eingebaut werden. Die Herz-Jesu-Kirche im deutschen Mönchengladbach hat eine solche Idee erfolgreich umgesetzt und gilt Rorschach als Vorbild. Größtes Hindernis ist hier aber der Denkmalschutz. Er könnte das Projekt zu Fall bringen.

Noch passiert es selten, dass Kirchen abgebrochen werden, um an ihrer Statt Wohn- oder Geschäftshäuser zu erstellen. Zu groß ist der Widerstand. Nicht nur bei Kirchgemeinden. Auch längst aus der Kirche Ausgetretene wehren sich gegen den Abbruch. Nicht aus religiösen Gründen. Sie hängen an Kirchen wie an alten Türmen, die Teil des Stadtbildes sind.

Johannes Stückelberger vom Kompetenzzentrum Liturgik an der Universität Bern beobachtet die Entwicklung der Kirchenumnutzungen genau. Vor einem Jahr hat er den ersten Schweizer Kirchenbautag organisiert. Das Fazit: Obwohl es zu immer mehr Umnutzungen kommt, sind spektakuläre Projekte selten. Zwar werden Kirchen schon heute in luxuriöse Wohnhäuser, Geschäfte oder Büros verwandelt. Allerdings gehörten diese meist kleineren Religionsgemeinschaften. Die Landeskirchen bemühen sich, Umnutzungen zu finden mit einem öffentlichen Charakter und einem sozialen oder kulturellen Zweck.

In größeren Städten hat sich als Folge der veränderten Religiosität eine neue Form von Kirchen entwickelt: die City-Kirchen. Hier finden sonntags zwar wie gewohnt Gottesdienste statt, unter der Woche sind die Kirchen aber ebenfalls geöffnet und dienen als eine Art Kultur- und Gemeinschaftszentren. Im Kirchenraum wurden die Bänke herausgenommen – zum Teil nach langen Debatten mit dem Denkmalschutz –, um Platz zu schaffen für Neues. Hier finden heute Zen-Meditationen statt, Kinoabende, Partys. Die Elisabethenkirche in Basel war die erste City-Kirche im Land. Häuser in Zürich, Bern, St. Gallen folgten.

Die Umwälzungen in der Kirchenlandschaft der Schweiz haben erst begonnen. Jörg Stolz, Religionssoziologe an der Universität Lausanne, sagt: „Künftig wird vermehrt das ökonomische Argument zählen, das Geld und der Markt. Die Grundstücke, auf denen Kirchen stehen, sind zentral und wertvoll.“ Kirchen könnten gezwungen werden, sie zu verkaufen. „Natürlich will die Kirche heute lieber ein Quartierzentrum in ihren Kirchengebäuden sehen als eine Pizzeria. Es ist aber möglich, dass am Ende doch eine Pizzeria hineinkommt.“ Die Bevölkerung würde sich auch daran gewöhnen.

Christoph Sigrist hat kein Problem mit leeren Kirchenbänken. Allein im vergangenen Jahr kamen 600.000 Menschen in seine Kirche. Sigrist ist Pfarrer am Zürcher Grossmünsters. Menschen aller Art suchen seine Kirche auf, um zu beten, um Ruhe zu finden, um die kunstvollen Fenster von Giacometti und Polke zu bestaunen. Oder ganz einfach, um zu sein. „Die Kirche ist ein zweckfreier Raum“, sagt Sigrist. Den reformierten Pfarrer treibt die Frage dennoch um, wie leere Kirchenräume heute umgenutzt werden können. Als Dozent der Diakoniewissenschaft der Universität Bern hat er dazu intensiv geforscht. Das hört man. Sigrist sagt Sätze wie: „Kirchenräume, Tempel, Moscheen sind Heterotopien, Räume, in denen Utopien konkret werden.“ Kirchen sind für Sigrist auch Kraftorte.

Im Gegensatz zu den Katholiken, für die das Heilige der Kirche durch einen geweihten Altar, eine Hostie oder Reliquie repräsentiert wird, entsteht Sakralität für Reformierte durch die Menschen, die sich im Raum zum Gottesdienst versammeln. Das gebe der reformierten Kirche große Freiheiten in der Nutzung, erklärt Sigrist. Schon zu Zwinglis Zeiten wurden reformierte Kirchen als Spitäler oder Kornkammern benutzt. Laut Sigrist müssen der Nutzung allerdings auch Grenzen gesetzt werden. Seiner Meinung nach sollten Kirchen Gast- und Schutzräume sein, in denen jeder Mensch egalitär und solidarisch behandelt wird. Hier dürfe keine Form der Gewalt ausgeübt werden, hier sollten Menschen in ihrer Verletzlichkeit geschützt sein.

Ein kommerzielles Restaurant in eine Kirche zu bauen, wäre für Sigrist denkbar. Bloß müsste es sozial sein. Der Pfarrer schwärmt von der „Blinden Kuh“, einem Restaurant in einer ehemaligen methodistischen Kirche im Zürcher Seefeld. Hier servieren Blinde im Dunkeln. „Sie führen die Sehenden“, sagt er. Das Gasthaus ist ein Besuchermagnet, seit Jahrzehnten.

Kirchen religiös umnutzen

Wäre es möglich, Kirchen muslimischen Glaubensgemeinschaften zur Verfügung zu stellen, die Räume brauchen? Schwierig, sagt Sigrist. Eine solche Umnutzung würde die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzen. Sigrist hält es für möglich, dass Kirchen künftig von mehreren Religionsgemeinschaften genutzt werden könnten. „Dafür braucht es aber noch Generationen“, sagt er und erzählt ein Erlebnis. Kürzlich an einem Freitagnachmittag sei ein Mann ins Grossmünster gekommen und habe in der 12-Boten-Kapelle seinen Gebetsteppich ausgerollt, just als Sigrist die Treppe hinunterstieg. Er sei Türke, Muslim, sagte er zum Pfarrer und fragte, ob er hier beten dürfe. Ja, sagte Sigrist und fing seinerseits an, für eine Frau zu beten, die er seelsorgerisch betreut. „Ein Muslim und ein Christ beten zur selben Zeit am selben Ort zum selben Gott! Das ist der Anfang des Weges, der zu gehen ist“, sagt Pfarrer Sigrist.