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Nahostkonflikt

Wenn die Wörter das Denken verstellen

Gastkommentar / von Etgar Keret / 11.07.2016

Wenn es um den Nahostkonflikt geht, sind die Grenzen verhärtet, die Feindbilder schnell zur Hand. Aber was soll das eigentlich heißen: „antipalästinensisch“ oder „antiisraelisch“? Ein Gastkommentar von  Etgar KeretEtgar Keret, 1967 im israelischen Ramat Gan geboren, wurde mit seinen prononcierten, witzigen Storys und Romanen zu einem der bekanntesten israelischen Gegenwartsautoren. Im Frühling erschien sein autobiografisches Buch „Die sieben guten Jahre“ in deutscher Übersetzung. .

Unlängst erhielt ich die Mitteilung, dass ich den Charles-Bronfman-Preis erhalten sollte. Er honoriert humanitäre Leistungen, die von jüdischen Werten inspiriert sind, und ich fühlte mich geehrt, ja überwältigt, dass mir diese Auszeichnung zuteilwurde. Etliche Nachrichtenportale berichteten darüber, und an einer Schlagzeile blieb mein Blick hängen: „Der antiisraelische Autor Etgar Keret erhält den Bronfman-Preis“, verkündete „Frontpage Mag“, eine konservative Website.

Während ich den Artikel und die Online-Kommentare studierte (auf die Frage, wie am besten mit meinen Büchern umzugehen sei, schlug ein Leser vor, man solle sie ins Klo werfen und mit Urin wegspülen), drehte und wendete ich in Gedanken den Begriff „antiisraelisch“. Offenbar kann sich niemand mit der politischen Lage im Nahen Osten auseinandersetzen, ohne dass ihm binnen kurzem das Etikett „antiisraelisch“ oder „antipalästinensisch“ verpasst wird (und gelegentlich, wenn die Ansichten der betreffenden Person etwas komplizierter sind, gleich beide aufs Mal).

Mit dem Präfix „anti-“ sind wir alle vertraut. Wir verstehen, was es bedeutet, wenn jemand antisemitisch, antikommunistisch oder anti AKW ist. Aber was genau heißt „antiisraelisch“? Israel ist schließlich ein Staatswesen, und wir begegnen kaum je Leuten, die wir als „antischweizerisch“ oder „antiniederländisch“ beschreiben würden. Im Gegensatz zu Ideologien, die wir gegebenenfalls in Bausch und Bogen von uns weisen können, sind Staaten komplexe, facettenreiche, heterogene Gebilde – und das müsste jedem klar sein, der sich daranmacht, einen Staat zu verteidigen oder zu attackieren.

Beispielsweise können wir gegenüber den Niederländern Dankbarkeit empfinden, die Anne Franks Familie während ihrer Zeit im Hinterhaus unterstützten, und gleichzeitig an denjenigen ihrer Landsleute Kritik üben, die sich freiwillig der SS anschlossen. Wir können uns vor den Fußballtalenten verneigen, die dieses Land hervorgebracht hat, überreifen niederländischen Käsesorten aber unsere Wertschätzung entschieden vorenthalten.

Was mich angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen „proisraelisch“ und „provollbusig“. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen verengt und chauvinistisch. Ich finde es zutiefst verstörend, dass gerade bei den Themen, die mir am wichtigsten sind und am meisten am Herzen liegen, meine Ansichten so häufig auf das nächstbeste Schlagwort reduziert werden. Ich liebe meine Frau, aber ich bin deswegen nicht „pro Ehefrau“ – besonders nicht, wenn sie mir zu Unrecht die Leviten liest. Ich habe eine etwas angespannte Beziehung zu der neuen Nachbarin, deren Hunde sich vorzugsweise genau vor unserer Haustür erleichtern, aber das bedeutet nicht, dass ich die Dame oder ihre hübschen Vierbeiner in Bausch und Bogen ablehne.

Das bringt mich zurück zu meiner ersten Frage: Warum verbitten sich die meisten Menschen eine derart reduktive Sicht auf die Dinge in ihrem eigenen Leben, praktizieren sie aber selbst und ohne Wimpernzucken, wenn es um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht? Warum gibt es Leute, deren Entsetzen über den Tod palästinensischer Kinder bei einem israelischen Bombenangriff auf Gaza durch ihre Sympathie für die Palästinenser motiviert ist, und andere, die aufgrund ihrer Solidarität mit Israel um die Kinder trauern, die einem Terroranschlag zum Opfer fallen – statt dass beide sich ganz grundsätzlich gegen die Vernichtung unschuldiger Leben stellen?

Meine Theorie geht dahin, dass auf beiden Seiten dieser Kluft viele Menschen stehen, die es müde geworden sind, sich ernsthaft mit Einzelheiten auseinanderzusetzen, und die deshalb einen einfacheren, auf die Gemeinschaft bezogenen Diskurs fordern – eine Einstellung, die der bedingungslosen Unterstützung eines Fußballfans für seine Lieblingsmannschaft ähnelt.

Eine solche Haltung schließt Kritik an der Mannschaft, die man unterstützt, weitgehend aus, und wenn man sie mit der notwendigen Konsequenz umsetzt, befreit sie einen auch von der Pflicht, Mitgefühl für die andere Seite zu empfinden. Eine Reduktion des Nahostkonflikts auf die Begriffe „anti“ und „pro“ zielt darauf ab, anstrengende Themen wie „Besetzung“, „Koexistenz“ oder „Zweistaatenlösung“ aus dem Weg zu räumen und sie durch ein simples binäres Modell zu ersetzen: Wir gegen sie.

Die Tendenz der israelischen Gesellschaft, der Komplexität und den Ambivalenzen einer ehrlichen Introspektion auszuweichen, wurde jüngst während des Gerichtsverfahrens gegen den Soldaten Elor Azaria besonders stark spürbar. Azaria hatte nochmals auf einen bereits verwundeten Terroristen geschossen und ihn getötet. Seine Fürsprecher scharten sich hinter den Slogan „Der Soldat ist der Sohn von uns allen“. Genau wie die Parteigänger des „pro“ und „anti“ verweigerten sich viele dieser Unterstützer den Feinheiten einer moralischen oder juristischen Erörterung jener Tat; man begnügte sich damit, den Soldaten zu unserem virtuellen Kind zu erklären, denn wenn es um unsere Kinder geht, dann zählen die Fakten wenig – unsere erste Pflicht ist, ihnen zur Seite zu stehen.

Allerdings bleibt eine Frage unvermeidlich – auch wenn das Etikett „antiisraelisch“ umso fester an mir haften wird, wenn ich sie stelle. Nämlich: Ist das wirklich so? Wenn Ihr Sohn einen unbewaffneten Terroristen erschießen würde, sähen Sie dann seine Tat durch Ihre Liebe zu ihm gerechtfertigt? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten; aber diejenigen, die ihren Sohn nicht minder lieben, aber sein Handeln dennoch missbilligen würden, würde man wohl nicht unbedingt als „anti Sohn“ bezeichnen.

Ich möchte aber auch denjenigen eine Handreichung anbieten, die ohne vereinfachende Etiketten nicht auszukommen glauben. Deshalb schlage ich eine dritte Option vor. Nennen wir sie „ambi“. Der Begriff „ambiisraelisch“ oder „ambipalästinensisch“ würde dann einfach bedeuten, dass wir zwar eine prononcierte Meinung zu den Problemen des Nahen Ostens haben, dass sie aber komplex ist. Diejenigen, die sich dem „ambi“-Lager zurechnen, dürfen ein Ende der Besetzung verlangen, aber die Hamas trotzdem ablehnen; sie können weiterhin die Ansicht vertreten, dass das jüdische Volk einen eigenen Staat verdient, jedoch auch den Finger darauflegen, dass Israel keine fremden Territorien besetzen soll. Wenn wir uns ernsthaft auf eine solche Haltung einließen, könnten wir auch tiefer in die Debatte über den Konflikt und mögliche Lösungsansätze eintauchen, statt uns lediglich am seichten Ende des Pools gegenseitig anzuspritzen.