Lilly Panholzer

Häusliche Gewalt

Wenn Frauen Männer prügeln

von Wolfgang Rössler / 12.03.2016

Häusliche Gewalt von Frauen an Männern wird in der Öffentlichkeit immer noch fälschlicherweise belächelt. Umso größer ist die Scham der Opfer, die sich zusätzlich rechtfertigen müssen. 

Er könne alles beweisen, sagt Ilhan Temiz.

Am Nachmittag habe es erneut Krach gegeben. Er sei im Internet über aufreizende Fotos seiner minderjährigen Stieftochter gestolpert und habe seine Frau zur Rede gestellt. Ob sie davon wüsste, ob sie die Bilder am Ende selbst ins Netz gestellt habe. Sie sei ausgerastet. Dann habe sie ihm aber versichert, dass sie damit nichts zu tun habe.

Temiz, 54 Jahre alt, verwitwet und schwer krank am Herzen wollte ihr einmal mehr glauben. Er liebte die Frau. Auch wenn sie ihm mitunter Angst machte.

Abends habe er zwei Gläser Wein getrunken, dann versöhnlich ihre Nähe gesucht. Weil aber sein Atem nach Alkohol roch, sei es erneut zum Streit gekommen. Sie habe gestichelt. Er sei dann laut geworden. „Hör endlich auf“, habe er gesagt. „Ich bringe dich um“, habe sie entgegnet. Sie sei an ihm vorbei in die Küche und mit einem Nudelholz zurückgekommen. Damit habe sie ihm erst von hinten auf den Kopf geschlagen, später auf die Nase. Temiz, geschwächt von einer Herzoperation, sei zu schockiert gewesen, um sich zu wehren: „Irgendwann habe ich sie weggeschubst.“ So schildert es Temiz. Vieles spricht für seine Variante.

Bald darauf sei die Polizei gekommen. Nachbarn hätten Lärm gehört und Alarm geschlagen.

Die beiden wurden in unterschiedlichen Zimmern einvernommen. Temiz’ Lebensgefährtin gab zu Protokoll, dass er sie gewürgt, sie sich nur verteidigt habe. Bloß konnte die Polizei bei ihr keine Würgemale feststellen. Er hingegen hatte eine gebrochene Nase und eine Gehirnerschütterung.

Als NZZ.at vor einigen Wochen über häusliche Gewalt berichtete, kam von einigen Postern auf Facebook grundsätzliche Kritik. Immer sei nur von Tätern die Rede, nie von Täterinnen. Mit diesem Vorwurf sind viele Journalisten und Journalistinnen konfrontiert, wenn sie über Handgreiflichkeiten von Ehemännern und Lebensgefährten berichten. Oft kommt er von Männerrechtlern, die gegen Frauenhäuser und vermeintlich zu frauenfreundliche Gesetze mobilisieren. Sie behaupten, dass es gleich viele handgreifliche Frauen wie Männer gebe.

Belege für diese These bleiben sie schuldig. Alle vorliegenden Zahlen weisen darauf hin, dass häusliche Gewalt in den meisten Fällen von Männern ausgeht. Nach Angaben der Wiener Polizei richten sich weniger als fünf Prozent aller Anzeigen dieser Art gegen Frauen. Ähnliche Schätzungen kommen aus den Bundesländern.

Aber ja: Es gibt prügelnde Frauen.

Männer schämen sich

Richtig ist auch, dass das vorliegende Zahlenmaterial die Realität nur unzureichend abbildet. Denn nicht jeder Fall von häuslicher Gewalt – egal ob er von Mann oder Frau ausgeht – wird zur Anzeige gebracht. Und einiges spricht dafür, dass bei handgreiflichen Frauen die Dunkelziffer größer ist. Männer würden sich eher scheuen, zur Polizei zu gehen, erzählt Hubert Steger von der Wiener Männerberatung. „Da ist viel Scham dabei.“

Steger begleitet seine Klienten auf Wunsch auch zum Polizeirevier. Manche Beamten, erzählt der Psychologe, würden verständnislos reagieren. Sie würden den Männern kaum zuhören, ihren Schilderungen weniger Glauben schenken als jenen von Frauen. Das männliche Opfer werde im Alltagsstress voreilig zum Täter abgestempelt. In anderen Fällen habe er bei Polizisten auch unverhohlenen Spott erlebt: Was sei das für ein Mann, der sich gegen eine Frau nicht zu wehren wüsste? So werde der Gang zur Polizei für viele zur zweiten Demütigung.

Die Frage liegt natürlich auf der Hand. Männer sind Frauen in den meisten Fällen körperlich überlegen. Wie kann es sein, dass sie sich nicht zu verteidigen wissen? Und warum sollte eine Frau auf einen Mann losgehen, der mehr Kraft hat?


Credits: Lilly Panholzer

Das, sagt der Konfliktforscher Joachim Lempert, sei eine falsche Grundannahme. „Die Körpergröße spielt keine Rolle. Die Frage ist, ob jemand die Schwelle überwinden kann, einen anderen zu verletzen.“ Die allermeisten Menschen – ob Mann oder Frau – hätten Hemmungen, zuzuschlagen. Und auch: zurückzuschlagen.

Lempert leitet ein nach ihm benanntes Institut zur Gewaltprävention, er ist einer von wenigen Experten in Österreich, die sich auch mit weiblicher Gewalt auseinandersetzen. Frauen, sagt er, würden oft härter zuschlagen als Männer.

Die Körpergröße spielt keine große Rolle. Die Frage ist, ob jemand die Schwelle überwinden kann, einen anderen zu verletzen

Joachim Lempert

Den Grund dafür sieht er in der Kindheit: Buben rangeln sich meist mit anderen Buben, das schärft ihr Gefühl für die Auswirkungen von Gewalt. Im spielerischen Kampf erkennen sie die Grenzen zwischen Spaß und Ernst. „Mädchen wachsen nicht mit dieser Erfahrung auf. Wenn sie später zuschlagen, dann kann das hemmungslos brutal sein.“

Buben dürfen keine Mädchen schlagen. Mädchen Buben schon

Auch das Unrechtsbewusstsein sei bei prügelnden Frauen ein anderes. Den Grund dafür sieht Lempert in der Erziehung. Buben würden schon im Kindergarten lernen, dass man Mädchen nicht weh tut. „Männer, die Frauen schlagen, prahlen nicht damit. Sie wissen, dass das ein Fehler ist.“ Umgekehrt gebe es dieses Tabu nicht.

Diese Ungleichbewertung männlicher und weiblicher Gewalt zeigt sich auch in der Öffentlichkeit. Männer, die Frauen schlagen, werden gesellschaftlich geächtet. Prügelnde Frauen sorgen eher für Erheiterung.

Doch für die Betroffenen macht es keinen Unterschied. Der Schmerz und die Hilflosigkeit sind bei beiden Geschlechtern gleich. Und auch die Rechtfertigungen des Opfers für den Täter. Das zeigt sich, wenn Temiz von seiner gewalttätigen Exfrau spricht.

„Ich habe sie geliebt“, sagt er. „Ich habe gehofft, dass ich sie durch meine Liebe und mein Vertrauen zu ihr ändern kann.“ Er habe übergroßes Verständnis für seine Lebensgefährtin aufgebracht, die ihrerseits in früheren Beziehungen geschlagen worden sei. Die Gewaltausbrüche seien über sie gekommen, wenn sie sich nervös gefühlt habe. Das hänge mit den Wechseljahren zusammen, habe sie gesagt. Sie habe sich eben nicht im Griff.

Einmal habe sie gusseiserne Kerzenständer nach ihm geworfen. Ein andermal eine Zigarette an seinem Handgelenk ausgetötet. Ganz zu schweigen von den seelischen Verletzungen, der Lust daran, jenem Menschen wehzutun, der bereit war, alles für sie zu tun. „Wo ich herkomme, lässt man einen Menschen nicht im Stich. Man kämpft um eine Beziehung“, sagt Temiz.

„Ich glaube an das Gute im Menschen“

Der Deutschtürke Temiz ist zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Als Siebenjähriger zog er mit seinen Eltern von der Türkei nach Deutschland, Oldenburg. Das war der Wunsch der Mutter, sie wollte nach Deutschland, damit es die Kinder einmal besser hätten. Die Mutter liebte Deutschland, der Vater fügte sich widerwillig. Der Sohn geriet nach der Mutter. All seine Freunde waren Deutsche. Temiz freundete sich mit einem Pfarrer an, organisierte christliche Flohmärkte.

Das ging dem muslimischen Vater zu weit. Er begann den Sohn zu schlagen. Wie könne dieser seine türkische Herkunft verleugnen? Wie bloß die Religion seiner Eltern missachten? Die Schläge wurden immer schlimmer.

Als das Jugendamt anklopfte, zog der Vater mit dem aufmüpfigen Sohn in einer Nacht- und Nebelaktion zurück in seine Heimatstadt Adana. Da war Temiz 14. Lange hielt es der Heranwachsende nicht in der Türkei aus. Temiz riss aus und trampte zurück nach Oldenburg, wo er in einem Jugendheim Obdach fand.

Vielleicht liegt in dieser turbulenten Jugend sein Wunsch nach Harmonie begraben. Temiz ist ein leiser, zurückhaltender Mann. Es ist ihm unangenehm, über sich selbst zu sprechen. „Ich glaube an das Gute im Menschen“, sagt er. Diese Gutmütigkeit hat ihn später zu einem leichten Opfer gemacht.

Ilhan Temiz
Ilhan Temiz

Credits: Wolfgang Rössler

Temiz schlug sich in Deutschland durch, er arbeitete später als Fremdenführer in der Türkei, dann zog er nach Wien. Er studierte, heiratete. Sein Leben schien eine glückliche Wendung zu nehmen. Dann starb seine Frau. Er wurde schwer herzkrank und teilweise arbeitsunfähig.

Dennoch wollte er 2012 mit 50 Jahren noch einmal durchstarten. Temiz eröffnete ein Imbisslokal am Schwendermarkt.

Dann trat sie in sein Leben. Eine gebürtige Serbin. Sie war Kellnerin in einem Nachbarlokal und hatte ein Auge auf ihn geworfen.

„Ich hatte keine Frau, es hat irgendwie gepasst“, sagt Temiz.

„Sie soll zur Hölle gehen“

Nach wenigen Monaten heirateten die beiden. „Sie hat enorm Druck gemacht“, sagt Temiz. Den mutmaßlichen Grund dafür erfuhr er erst viel später: Die Heirat brachte ihr die dringend benötigte Aufenthaltsbewilligung in Österreich. Er habe herausgefunden, dass es neben ihm einen zweiten Mann in ihrem Leben gab. Dass sie kaufsüchtig war und unfähig, ihre Rechnungen zu begleichen. Dass sie ihre Tochter verwahrlosen ließ. Und dass sie aggressiv reagierte, wenn er sie darauf ansprach.

Und doch blieb er mehr als drei Jahre bei ihr. Er habe ihr helfen wollen, sagt er: „Ich bin kein Mensch, der halbe Sachen macht“, sagt er. Erst als sie ihm im September 2015 mit dem Nudelholz die Nase brach, zog er einen Schlussstrich, auf das Schmerzensgeld verzichtete er. „Ich will mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben. Sie soll zur Hölle gehen“, sagt er.

Seine schlechten Erfahrungen prägen ihn. Vor einigen Wochen, erzählt Temiz, habe er eine neue Frau kennengelernt. Sie würde ihn gerne näher kennenlernen. Sie würde ihn wohl auch ganz gerne küssen. Sie verstünde nicht, warum er von einer einzigen Frau auf alle anderen schließe.

Mit all dem, meint er, habe sie völlig recht. „Aber was soll ich machen? Ich habe das Vertrauen in die Menschen verloren.“