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Darum hassen Menschen Werbung

Wenn ihr kommt, bin ich tot

Gastkommentar / von Lukas Grossebner / 30.11.2015

„Wenn ihr kommt, bin ich tot“, seine für diesen Artikel gewählte Headline sei so pietätlos wie der jüngste Edeka-Weihnachtsspot, der es zu einfach mache, Werbung zu hassen. Der Spot sei pathetisch und anbiedernd. Auch wenn er die Klickzahlen in die Höhe schnellen lässt. Das meint zumindest Gastautor Lukas GrossebnerLukas Grossebner arbeitet seit über 10 Jahren für verschiedene Agenturen in Österreich und Deutschland und gilt als einer der international am höchsten dekorierten Kreativen des Landes.

Klickzahlen lügen nicht. Fünf Millionen Views auf Facebook, 1,2 Millionen Views auf Youtube, und das alles in 24 Stunden. Die Werbeagentur Jung von Matt hat mit ihrem Weihnachtsspot auf dem virtuellen Papier gute Arbeit für seinen Kunden, die deutsche Supermarktkette Edeka, geleistet. Wieder einmal. Gilt doch die „Super-geil“-Kampagne immer noch als Benchmark für den Mitbewerb.

Hier sehen Sie angesprochenen Weihnachtsspot:

Prinzipiell alles richtig gemacht, gilt es in der modernen Werbung doch als oberste Maxime, den Kunden dazu zu bringen, sich mit dem Produkt freiwillig auseinanderzusetzen. Fernsehwerbung funktioniert heute dank Netflix und Co. nur mehr bedingt durch Mediapower. Die Inhalte müssen überzeugen, die Menschen müssen Gezeigtes auch sehen wollen. Anders geht es heute nicht mehr. Eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist und die in drei bis vier Jahren bestimmt auch hierzulande angenommen und verstanden werden wird.

Soweit, so erfolgreich. Edeka punktet. Doch was bleibt, ist nicht nur für mich als sogenannten Experten ein bitterer Nachgeschmack. Ein Mann inszeniert seinen eigenen Tod, um mit seiner Familie Weihnachten feiern zu können. Da ist aber schon einiges schief gelaufen zwischen den Protagonisten – so rein zwischenmenschlich. Dann setzt man sich an einen reich gedeckten Tisch und freut sich im wahrsten Sinne des Wortes des Lebens. Ernsthaft? Und als Absender eine Supermarktkette.

Was wird verkauft? Emotionales Scheitern in Reinkultur?

Abgesehen von seiner absoluten Vorhersehbarkeit ist der Spot in meinen Augen naiv und hat ein grundsätzliches Verständnisproblem in seiner Machart. Ein rein handwerkliches. Ist das noch keinem aufgefallen? Die Familie geht auf den Friedhof, am 24. Dezember, und anschließend zum allein gelassenen Vater – und sie ist überrascht? Wie bitte? Warum?

  • Am 24. gestaltet es sich grundsätzlich äußerst schwierig, ein Begräbnis zu feiern. Das ist der Tag der Geburt Christi und die katholische Kirche nimmt das recht ernst. Begräbnisse finden nur in Ausnahmefällen statt. Außerdem arbeitet die Bestattung an diesem Tag naturgemäß auch äußerst ungern. Wird also niemand misstrauisch bei dieser Parte?
  • Wenn die Familie sich am Friedhof trifft, erfährt sie spätestens dort, dass es kein Begräbnis gibt. Warum dann also die große Überraschung beim Eintreten ins Haus? Natürlich kann es auch sein, dass die vermeintliche Friedhofsmauer nur irreführend ist und die des elterlichen Hauses darstellen soll. Ist dem so, dann ist die Location äußerst schlecht gewählt.

Das sind für mich persönlich rein inhaltlich zwei äußerst schwierige Punkte im Skript.

Für sich genommen ist der Spot pathetisch, anbiedernd und in meinen Augen völlig pietätlos. Er steht für sehr viel, was unsere Branche so unsympathisch macht. Große Gefühle sehen anders aus. Zum Beispiel so, wie die britische Handelskette John Lewis zeigt und damit beweist, dass Werbung doch gar nicht so scheiße sein muss. Schon gar nicht zu Weihnachten:

 

Zu Grossebners Kunden zählten unter anderem: Hornbach, Mercedes, McDonald’s, T-Mobile, Volkswagen. Im Sommer hat er mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Franz Merlicek die Werbeagentur Merlicek&Grossebner mit Sitz in der Kirchengasse in Wien gegründet. Einige seiner Arbeiten finden Sie hier: www.grossebner.com