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Gastkommentar der Friedensnobelpreisträgerin

Wenn Mädchen lernen

von Malala Yousafzai / 10.11.2015

Malala YousafzaiFriedensnobelpreisträgerin des Jahres 2014 und Mitgründerin der Stiftung „Malala Fund“. und Jim Yong KimPräsident der Weltbankgruppe möchten sicherstellen, dass jedes Mädchen weltweit erwarten kann, eine qualitative hochwertige Primär- und Sekundarschule abzuschließen, egal wo es lebt.

Sie fragen sich vielleicht, was eine 18-jährige angehende Studentin und der Präsident der weltweit größten Entwicklungsbehörde gemeinsam haben. Einer von uns liebt den koreanischen Spruch „Yeolsimhi gongbu hay“ (Lernt mit Feuer im Herzen), und die andere fordert Mädchen weltweit auf, ihre Worte mit Feuer zu äußern und vehement das Recht auf Bildung einzufordern. Was uns verbindet, ist unsere Leidenschaft für Bildung. Wir sind besonders ehrgeizig, wenn es um Bildung für Mädchen geht, weil es sich dabei um eine der sichersten Methoden handelt, um gleiche Rechte durchzusetzen und Armut zu bekämpfen.

Die von den Vereinten Nationen im September verabschiedeten Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (SDG) sind ein guter Anfang. Ziel Nummer vier besagt, dass alle Mädchen und Knaben bis 2030 kostenlos und gleichberechtigt in den Genuss einer qualitativ hochwertigen Primär- und Sekundärbildung kommen sollen. Das ist ein großer Schritt weiter vom bisherigen globalen Ziel einer universellen Primärbildung. Aber alle Versprechen sind wertlos, wenn sie nicht eingehalten werden. Mehr als eine Million Menschen haben eine Petition auf Change.org unterzeichnet, um das Recht jedes Mädchens auf eine zwölf Jahre dauernde, kostenlose, sichere und qualitativ hochwertige Primär- und Sekundärbildung zu unterstützen. Diese Woche werden Tausende von Menschen „Malala – Ihr Recht auf Bildung“ sehen, einen Dokumentarfilm, der auf die Millionen von Mädchen hinweist, denen das Recht auf Bildung verweigert wird. In zu vielen Teilen der Welt können Mädchen immer noch nicht mit ihren Brüdern zur Schule gehen oder verhindern, bereits als Kinder verheiratet zu werden, oder Gewalt und Belästigung entgehen, wenn sie lernen möchten.

Obwohl bei der Schuleinschreibung von Mädchen in den vergangenen zehn Jahren beträchtliche Fortschritte erzielt werden konnten, gingen in Entwicklungsländern weiterhin 32 Millionen Mädchen im unteren Sekundarstufenalter nicht zur Schule. Die Situation ist für die ärmsten Mädchen in ländlichen Gebieten am schwierigsten: Nur 13 Prozent der ärmsten heranwachsenden Mädchen in ländlichen Gegenden in Süd- und Westasien schließen die untere Sekundarstufe ab. In vielen Ländern ist die Anzahl der Mädchen, die die obere Sekundarstufe abschließen, so niedrig, dass es nicht möglich ist, sie zu erfassen. Wenn Mädchen aber eine gute Sekundärbildung erhalten, entwickeln sie Selbstvertrauen und Fähigkeiten, die erstaunliche gesellschaftliche Auswirkungen haben können. Wenn Mädchen lernen, wandelt dies Länder und Generationen um. Südkorea beispielsweise rettete sich buchstäblich durch Bildung aus der Armut und konnte die Zerstörungen eines schrecklichen Krieges hinter sich lassen.

Wichtig ist dabei nicht nur, dass jedes Mädchen in Entwicklungsländern den Übergang von der Primär- zur unteren Sekundarstufe schaffen sollte. Zwölf Jahre Schulbildung sollten für jedes Kind in jedem Land die Norm sein. Das neue globale Ziel gibt auch vor, dass alle Kinder auch wirklich eine qualitativ hochwertige Schulbildung erhalten müssen. Leider ist das für viele Länder schwierig umzusetzen. Mehr als 250 Millionen Kinder in Entwicklungsländern können weder lesen noch schreiben, obwohl sie mehrere Jahre eine Schule besucht haben. Was hilft es, wenn Mädchen so viele Barrieren überwinden, um eine Schule zu besuchen, aber dort nichts lernen? Es sind also vor allem mehr Mittel erforderlich, um das enorme finanzielle Loch im Bildungssektor von Entwicklungsländern zu stopfen. Sowohl Geberländer als auch nationale Regierungen müssen ihren Teil tun, indem die Entwicklungshilfen für Bildung erhöht werden und gleichzeitig ein größerer Anteil der staatlichen Haushalte für Bildungssysteme verwendet wird.

Eine weitere riesige Lücke besteht bei den Daten oder wie Malala sagt: „Wenn wir sagen, dass Mädchen zählen, müssen wir die Mädchen zählen.“ In der Sprache der Weltbank heißt das: Wir müssen desaggregierte Daten erfassen. Wir müssen den Fortschritt der Mädchen während des gesamten Schulbesuchs bis zur 12. Klasse beobachten und messen, damit die nationalen Regierungen entsprechend planen und auf den Bedarf der Mädchen eingehen können.

Wie kann der Fortschritt beschleunigt werden? Internationale Partner wie die Weltbankgruppe können Wissen, finanzielle Mittel und technische Unterstützung beisteuern. NGOs wie die Stiftung „Malala Fund“ können bei der Finanzierung von Schulen helfen und nationale Regierungen sowie Geberländer dazu ermutigen, mehr zu tun und die Mädchen dabei zu unterstützen, in ihren eigenen Ländern Fürsprecherinnen zu werden. Regierungen müssen die Führung übernehmen, um mehr in ihre öffentlichen Bildungssysteme zu investieren und diese zu verbessern, damit alle Schüler und Schülerinnen eine Schulbildung hoher Qualität genießen und die ärmsten Mädchen die gleichen Chancen haben wie ihre Altersgenossinnen in den reichsten Regionen.

Wir möchten sicherstellen, dass jedes Mädchen weltweit erwarten kann, eine Primär- und eine Sekundärschule abzuschließen, egal, wo es lebt. Wir werden alles dazu Nötige tun, mit Leidenschaft in unseren Worten und in unseren Herzen.