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Ohne Tabus – der britische Humor

Wenn man trotzdem lacht

von Marion Löhndorf / 21.08.2016

Krieg, Tod, Verhängnis: Nichts ist sicher vor den Spässen der Engländer. Der Humor ist der Stolz der Nation – und auch ein hochgeschätzter Exportartikel.

In England gehören der schnelle verbale Schlagabtausch unter Freunden und Fremden, die verbale Komik und der Humor zum Alltag. Smalltalk gilt als Kunstform und ist keineswegs verpönt; man zeigt sich (fast) immer offen für ein Gespräch. Das federt die Zumutungen des Alltags ab und fördert den Gemeinschaftsgeist, denn verbale Komik entfaltet sich so richtig erst im Dialog. In den beliebten Comedy-Shows von Eddie Izzard, Reginald Hunter, Micky Flanagan, Sarah Millican und unzähligen anderen ist der Gesprächspartner das stets direkt angesprochene Publikum.

Niemand, der sich scherzhaft über einen Gegenstand äussert, wird in Grossbritannien als unseriös angesehen, im Gegenteil. Während andernorts – in deutschsprachigen Ländern zum Beispiel – Souveränität von Seriosität abgeleitet wird, ist es in England umgekehrt: Witz und Humor dienen als Quellen unerschöpflicher Überlegenheitsgefühle, die mit einigem Ehrgeiz verteidigt werden.

Weltmeister des Witzes

Im Vergleich zum Rest der Welt betrachten sich die Briten selbst als Weltmeister des Witzes und multiplizieren diese Haltung auch international mit Erfolg: Englischen Humor abzulehnen oder ihm mit Verständnislosigkeit zu begegnen, gilt in der westlichen Welt als wenig gesellschaftsfähig. Allgemein gerühmt wird die Trockenheit des englischen Humors in all seinen Einfärbungen: dem Sarkasmus, der Ironie, dem Paradoxon, dem Understatement, der Antiklimax, dem Hang zum Makabren, seiner gelegentlichen Albernheit und Absurdität.

Der Mensch ist unzulänglich, und darüber lässt sich lachen, ebenso wie über Leben und Tod im Allgemeinen.

Tatsächlich ist englischer Humor ein Exportartikel. Dafür sorgen Comedians wie Rowan Atkinson mit Figuren wie Mr Bean und Blackadder: der eine dumm, der andere gerissen und bösartig, aber trotzdem unablässig scheiternd und daher komisch. Auch Komödianten und Komikerinnen wie Catherine Tate und Ricky Gervais mit seiner Bürosatire „The Office“ und „Extras“, dem ironischen Loblied auf die Verlierer dieser Welt, bahnen sich ihren Weg auf die Bildschirme des Kontinents. Die Serienklassiker „Monty Python’s Flying Circus“ und „Fawlty Towers“ gehören zum festen Kanon jedes Comedy-Fans, während ein TV-Format wie „Little Britain“ mit seinen anarchischen Überzeichnungen britischer Typologie etwas für Fortgeschrittene und Hartgesottene ist. Auf dem Kontinent weniger bekannt ist „Jeeves and Wooster“, eine Serie aus den neunziger Jahren, in der Stephen Fry und Hugh Laurie als Butler-und-Herren-Gespann auftraten. Erfinder der titelgebenden Figuren war der in England sehr geschätzte Schriftsteller P. G. Wodehouse, der in seinen Werken die Schwächen der Klassengesellschaft aufspiesste, ohne sie je vollständig niederzumachen.

Gelebtes Understatement

Die englische Neigung zur Komik ist mit der Geisteshaltung der Nation eng verflochten: Eine humorvolle Sicht auf die Welt mildert die negativen Seiten der Wirklichkeit ab. Damit einher geht die Einsicht, dass nichts und vor allem niemand perfekt sei. Der Mensch ist unzulänglich, und darüber lässt sich lachen, ebenso wie über Leben und Tod im Allgemeinen. Ein alter Mann auf dem Friedhof wird von einem jüngeren Bekannten mit den Worten begrüsst: „Für dich lohnt es sich ja kaum noch, nach Hause zu gehen.“ In England findet man das witzig, und auch der Angesprochene reagiert erheitert. Das Erscheinen des einsatzbereiten Todes auf einer Party im Monty-Python-Film „The Meaning of Life“ quittiert einer der Gäste mit der Bemerkung: „Well, that’s cast rather a gloom over the evening, hasn’t it?“ („Nun, das verdüstert den Abend ein wenig, oder?“). Das ist gelebtes Understatement.

Die Häufigkeit, mit der verbale Komik im Alltagsleben eingesetzt wird, findet ihre Parallele in der Literatur. Da gehören Werke wie Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“-Bände mit ihren tiefsinnigen Absurditäten und sein Nonsens-Gedicht „The Hunting of the Snark“ zu den Klassikern des Humorgenres. Auch Kinderbücher wie A. A. Milnes „Winnie-the-Pooh“ sind nicht ohne – als Naivität getarnten – Witz. Grossbritanniens National- und Lieblingsautoren Charles Dickens undWilliam Shakespeare kamen ohne Komik nicht aus, und die grossen, in England lebenden Iren Oscar Wilde und George Bernard Shaw setzten noch einmal neue Massstäbe, was den Spott und paradoxe Spässe anging, vor allem auf Kosten der Klassengesellschaft – wie ja überhaupt die Komödie immer soziale Verhältnisse zum Thema hat.

Aber auch die Briten sind menschlich, und manchmal vergeht selbst ihnen das Lachen. Die Brexit-Kampagne zum Beispiel war kein Auslöser für rasend komische Eingebungen. Die Macher der Show „Power Monkeys“ im Fernsehsender Channel 4, die sich mit dem EU-Thema befasste, mussten sich vom „Guardian“ die Frage gefallen lassen, ob die Politik so grotesk geworden sei, dass sie sich jenseits der Parodie befinde. Die Comedians bestätigten das: Um komische Effekte zu erzielen, reiche es aus, die Geschehnisse im Vorfeld des Referendums aufzugreifen.

Auch die „Financial Times“ beschlich im Zusammenhang mit dem Brexit – als die Diskussion darüber noch tobte – das Gefühl, dass das Leben die Satire imitiere. Die Zeitung erinnerte an eine Titelseite des Satiremagazins „Private Eye“: Darauf war David Cameron zu sehen, der im Falle eines Brexit einen Weltkrieg prognostizierte. Seinem Schatzkanzler George Osborne wurde die Antwort in den Mund gelegt: „Oder noch schlimmer: Die Immobilienpreise könnten fallen!“ Schliesslich werden im eigenheimbesessenen Grossbritannien hohe Hauspreise mit einer starken Wirtschaft gleichgesetzt. Kurz nach Erscheinen des Hefts hatte der echte George Osborne die Warnung geäussert, dass die Immobilienbranche im Fall des Brexit einen massiven Einbruch erleben werde. Die „FT“ nannte dies „an extraordinary case of life imitating satire“.

Britischer Humor – oder eigentlich Witz – zeigt nur gelegentlich seine gutmütige Seite.

Im politischen Nachbeben des Brexit nahmen die Comedians wieder an Fahrt auf. Britischer Humor darf, was er tut, vor allem, weil er britisch ist. Die Bestimmung der Nachfolge von Premierminister Cameron etwa bezeichnete der schottische Comedian Frankie Boyle im „Guardian“ als „eine Art von ‹X Factor› auf der Suche nach dem Antichrist“: Der Artikel wurde mehr als 37 000 Mal auf Facebook geteilt. Darin drehte er alle Kandidaten mit haarsträubenden Vergleichen, die auch Nazi-Tabus nicht scheuten, durch die Mangel: Im restlichen Europa, vor allem in Deutschland, wären Scherze dieser Art kaum ohne anschliessende Debatten denkbar. Allerdings darf auch Boyle seine Spässe nicht immer ungehindert drauflospublizieren: Einige seiner Texte wurden, laut der „Huffington Post“, aus Gründen des guten Geschmacks vom „Guardian“ nicht zur Veröffentlichung zugelassen.

Aber bitte mit Biss

Britischer Humor – oder eigentlich Witz – zeigt nur gelegentlich seine gutmütige Seite. Ausgeprägt ist dagegen seine Respektlosigkeit, die Freude an der Demontage von Autoritäten und dem Spiel mit sozialen Normen. Wie gern britischer Humor seine Grenzen ausreizt und taxiert, wie weit er gehen kann, das weiss auch der britische Comedian-Manager und Wahlschweizer Guy Stevens, der dem Schweizer Radio die Unterschiede zwischen kontinentalem und britischem Humor erklärte: „Ein Schweizer würde einen Bundesrat doch nie öffentlich als ‹kleinen Schleimer› bezeichnen. Spike Milligan hingegen, der Vater der modernen britischen Komödie, hat bei der Ehrung für sein Lebenswerk den Prince of Wales so genannt. Ein Schweizer würde wohl auch kaum die Gäste einer Beerdigung zum Lachen bringen wollen, wie das John Cleese bei der Abdankung seines Freundes und Kollegen Graham Chapman 1989 tat.“

Die genannte Grabrede von Monty-Python-Mitglied John Cleese war tatsächlich eindrucksvoll geraten. In ihr durfte sich der britische Humor in seiner ganzen Schwärze zeigen. Angesichts der Trauergemeinde würdigte der Redner den Co-Autor des unsterblichen Parrot-Sketches, indem er ein paar Sätze über den toten Papagei in der Tierhandlung zitierte und sagte, Chapman hätte ihm nie vergeben, wenn er diese glorreiche Gelegenheit verstreichen liesse, „ohne Sie alle in seinem Namen zu schockieren“. Da lachten und weinten die Menschen auf den Kirchenbänken schon. Chapman, so Cleese weiter, habe ihm die Idee eingeflüstert, als Erster bei einem britischen Trauergottesdienst das Wort „fuck“ zu benutzen. Was auch geschah. Bevor dann alle Monty-Python-Mitglieder die Notenblätter für den berühmtesten Song aus dem Film „Life of Brian“ vornahmen und sich, schlecht singend, mit der Parole trösteten – „Always look on the bright side of life“.