Wenn Ökonomen zu Philosophen werden

von Jürg Müller / 04.03.2015

Ökonomen wird oft vorgeworfen, mit ihren Statistiken das Falsche zu messen. Als Lösung wird eine breite Vermessung des Glücks propagiert. Diese Idee ist auf den ersten Blick durchaus reizvoll, birgt aber auch Gefahren. NZZ-Redakteur Jürg Müller über Glück und was es für uns bedeutet.

„All die guten Dinge, die nicht gemessen werden können“, so lautet der Titel eines kurzen Video-Interviews mit Yanis Varoufakis, dem gegenwärtigen Finanzminister Griechenlands. In dem vor knapp zwei Jahren aufgenommenen Gespräch geht der griechische Ökonom auf die Problematik ein, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) nur eine beschränkte Aussagekraft hat. Die Kritik am BIP ist nicht neu. In den letzten Jahren wurde allerdings vermehrt auf sie eingegangen – Statistiker begannen, neue Daten zu erheben.

Indikatoren des guten Lebens

Anlässlich des 50. Geburtstags der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wurde 2011 die Initiative „Better Life“ lanciert. Dabei sollten neue Indikatoren entwickelt und erhoben werden, welche die Lebensqualität umfassend wiedergeben. Das Ziel ist, gegenwärtige und zukünftige Wohlfahrt zu messen. Auch die Forscher des Bundesamts für Statistik (BfS) haben unlängst ihr „Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung“ vorgestellt, das ein ähnliches Ziel für die Schweiz verfolgt.

Da die Statistiker Wohlfahrt als ein multidimensionales Konzept auffassen, muss zwischen einer Vielzahl von Indikatoren unterschieden werden. Gewisse Variablen wie die Lebenserwartung können der Politik konkrete Handlungsanweisungen geben. Auch weisen Indikatoren – beispielsweise zur Luftqualität – auf mögliche externe Effekte des Wirtschaftens hin. Sobald es um konkrete Aussagen zum Wohlbefinden der Bevölkerung geht, ist aber sowohl bei objektiven als auch bei subjektiven Werten Vorsicht geboten.

Zum einen ergeben sich bei subjektiven Variablen wie der persönlichen Lebenszufriedenheit methodische Probleme. Aber auch objektive Variablen sind in ihrer Aussagekraft zur Wohlfahrt beschränkt. Als Beispiel kann die Dauer der Ausbildung ins Feld geführt werden. Auch wenn diese Statistik für gewisse Fragestellungen durchaus interessant ist, ist es schwierig, daraus Folgerungen für die Wirtschaftspolitik abzuleiten oder Aussagen zur Wohlfahrt zu gewinnen. Sowohl über den ökonomischen Nutzen einer Ausbildung als auch über den persönlichen Genuss eines Studiums kann die Ausbildungsdauer wenig aussagen.

Bei aller Kritik an der Messung der Wohlfahrt steht außer Frage, dass auch das Konzept des BIP mit Mängeln behaftet ist. Es ist wichtig, dass man sich der Grenzen dieses Wirtschaftsindikators bewusst ist. Allerdings ist das BIP nur ein kleiner Teil der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Wenn man diese international standardisierte Zusammenstellung verschiedener Statistiken in Betracht zieht, wird beispielsweise die Problematik der externen Effekte wie auch jene der Veränderung von Kapitalbeständen entschärft. Zusammen mit Zahlen zur Verteilung ergibt sich mit der VGR bereits ein differenziertes Bild der Wirtschaft.

Natürlich hat die OECD recht, wenn sie auf ihrer Website schreibt: „Im Leben geht es um mehr als nackte Zahlen wie das BIP und andere Wirtschaftsdaten.“ Auch wenn Qualitäten des persönlichen Netzwerks keine Wirtschaftsdaten im klassischen Sinne sind, so sind sie doch auch nur nackte Zahlen. Interessanterweise gilt gerade Varoufakis’ Kritik am BIP noch stärker für die Messung der Wohlfahrt: Dinge, die nicht gemessen werden können, können eben nicht gemessen werden.

Politisierung des Glücks

Das Glück ist zur Hauptsache eine persönliche Angelegenheit. Für eine Leseratte bedeutet Glück etwas anderes als für einen Sportler. Damit macht sich aber jeder Versuch, Glück zu messen, einer gewissen Willkür schuldig. Soll die Anzahl der Bibliotheken registriert werden oder die Anzahl der Sportanlässe? Wenn Statistiker eine Variable instrumentalisieren, ist das eine methodische Entscheidung. Wenn aber die Variable Glück instrumentalisiert wird, um damit der Politik ein sogenannt umfassenderes Bild der Wirtschaft zu geben, ist das nicht ohne Gefahr. Denn mit der Auswahl der Variablen entscheiden die Statistiker, was überhaupt für die Messung des Glücks infrage kommt.

Dass sich die Statistiker internationaler Organisationen und staatlicher Ämter an die Vermessung des Glücks machen, hat wohl auch mit einer Verschiebung des Politikverständnisses zu tun. Traditionell galt es, staatliche Machtansprüche und Willkür so gut wie möglich zurückzubinden. Der Staat hatte dafür zu sorgen, dass jeder seines Glückes Schmied werden konnte. In jüngster Zeit wird vom Staat aber vermehrt gefordert, das Glück doch gleich selber mitzuschmieden. Dies mag auf den ersten Blick bequem erscheinen, doch der Preis von weniger Freiheit und staatlicher Willkür ist hoch.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, das Messen von Wohlfahrt nicht zu verklären. Wohl warten die alternativen Indikatoren – aber auch das BIP – mit interessanten Erkenntnissen auf. Doch solche neuen Einsichten in gewisse Lebensbereiche sollten nicht über die Gefahr politischer Instrumentalisierung von Glück hinwegtäuschen.