Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Wenn Schlitzaugen schlitzen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 21.02.2016

Gestern habe ich mir im Fernsehen einen uramerikanischen Schlitzaugenfilm angesehen.

Das Weiße Haus wurde von Schlitzaugen besetzt, und der Präsident wurde samt seinem Mitarbeiterstab als Geisel genommen. Die Schlitzaugen schlitzten die engsten Vertrauten des an eine Eisenstange gefesselten Präsidenten auf, um einen strenggeheimen Raketenabwehrcode herauszupressen. Das wäre den Schlitzaugen auch fast gelungen, wenn da nicht ein uramerikanischer Held gewesen wäre, der den Schlitzaugen das Schlitzerhandwerk gelegt hätte.

Als ich heute Morgen alle mir erinnerlichen Schlitzaugendetails meiner Frau beim Frühstück vor Augen führe, nicht ohne ihr die moralisch bedenkliche Seite der uramerikanischen Schlitzaugenschlitzersicht nahezubringen – meine Frau hatte sich gestern schon während der Abendnachrichten weggeschlichen, während die Innenministerin schlitzmündig ins Mikrofon kalauerte, dass alles seine Untergrenzen habe, nur nicht die Flüchtlingsobergrenzen –, da sieht sie mich an, als ob ich altersblödsinnig geworden wäre, und sagt dann: „Schlitzaugen schlitzen eben.“

Das leuchtet mir ein. Was sollten Schlitzaugen auch anderes tun, als schlitzen? „Ist nicht das ganze Leben ein Kalauer?“, frage ich daraufhin, pfiffig, zurück, worauf mir meine Frau versichert, dass ich beim Anschauen eines uramerikanischen Schlitzaugenschlitzerfilms offenbar altersweise geworden sei. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie’s ernst meint … schon wegen der Obergrenzen, die keine Untergrenzen haben.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.