Nackter Protest in Madrid: Nachdem sie unbekleidet durch die spanische Hauptstadt geradelt sind, um gegen den Autoverkehr zu demonstrieren, kühlen sich drei junge Frauen in einem Brunnen. AP/Daniel Ochoa De Olza

Kulturgeschichte der Kleiderordnungen

Wer bestimmt, was untragbar ist?

von Barbara Vinken / 06.10.2016

Wie frei sind wir, wenn es um die Kleidung geht? – Ein kulturgeschichtlicher Streifzug aus gegebenen Anlässen. Ein Beitrag von Barbara VinkenBarbara Vinken lehrt allgemeine Literaturwissenschaft und romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2013 ist (bei Klett-Cotta) ihr Buch „Angezogen. Das Geheimnis der Mode“ erschienen. .

Kleiderordnungen sind wieder in aller Munde. Der französische Verfassungsgerichtshof sah sich diesen Sommer genötigt, kommunale Verbotsdekrete gegen den Burkini aufzuheben: hatte doch der Bürgermeister von Cannes verfügt, dass man – und vor allen Dingen: frau – am Meer nicht verhüllt erscheinen dürfe. Das Bild, das zeigt, wie uniformierte Polizisten am Strand von Nizza eine Frau dazu nötigen, ihr langärmliges Oberteil coram publico auszuziehen, reiste um die Welt. Prompt wurden aus den Archiven Fotos der fünfziger Jahre ausgegraben, auf denen ein ebenfalls voll bekleideter Polizist einer nur mit einem Bikini bekleideten Schönheit ein Strafmandat ausstellt. Alles irgendwie sittenwidrig, einmal zu viel, einmal zu wenig. Die Staatsgewalt beschämt und bestraft Frauen, Polizisten verfügen, wie viel Haut frau zu zeigen, wie viel sie zu bedecken hat.

Selbst wenn uns der Burkini stört, steht das Verbot doch gegen eine der modernen, liberalen Grundüberzeugungen: dass wir uns nämlich nach Lust und Laune kleiden können. Gewisse Schamgrenzen müssen gewahrt werden; als Erwachsene dürfen wir nicht nackt durch die Stadt ziehen, in die Strassenbahn steigen (Erregung öffentlichen Ärgernisses). An der Côte d’Azur dürfen wir „oben ohne“ baden, anderswo weniger – und am wenigsten an amerikanischen Stränden. Verschleiern wie in vielen arabischen Ländern müssen sich Frauen jedenfalls im Westen nicht. – Aber sollten sie es nicht dürfen?

Kleider machen Leute

Natürlich gab und gibt es für bestimmte Institutionen und Berufe immer Kleidervorschriften. Flugkapitäne müssen im Dienst eine Mütze tragen, Militärangehörige Uniformen, Nonnen und Mönche ihre Ordensgewänder, Banker Anzug und Krawatte, Ärzte und Krankenschwestern kommen in Weiss. In den USA dürfen manche Restaurants und Klubs nur mit Krawatte und nicht mit Sneakers betreten werden, in der First- und der Businessclass dürfen Frauen in den USA nicht in zehenfreien Sandalen fliegen, und Mitglieder des Kongresses dürfen nicht im Hoodie kommen. Kirchen in Italien bestehen darauf, dass Frauen nicht in Minis und nicht mit tief ausgeschnittenem Décolleté oder mit nackten Oberarmen, Männer nicht in Shorts herumspazieren. In vielen Schulen ist eine Schuluniform Pflicht. Sodann gibt es endlose Stilberater in puncto erfolgversprechender Kleidung im Büro: keine Spaghettiträger, keine zu kurzen Röcke, keine nackten Beine und, in den USA, das ein Land der Fussfetischisten sein muss, auf gar keinen Fall nackte Zehen, keine zu hohen und zu dünnen Absätze, geschweige denn ein nackter Bauch oder Shorts, aus denen die Pobacken lächeln.

Im öffentlichen Raum müssen wir bekleidet sein, aber wie wir unsere Nacktheit verhüllen, ist unsere Sache. Hier haben wir keine Kleidervorschriften der Obrigkeit zu befolgen, wir dürfen uns lustvoll der Tyrannei der Mode unterwerfen, ihr heroisch widerstehen oder ihr einfach die kalte Schulter zeigen. Polizeilich durchgesetzte Kleidervorschriften erscheinen uns heute wie eine Sache der Vergangenheit.

Schon der alte Cato sah den Untergang der Republik im weibischen Prunk der römischen Senatoren beschlossen; zu viel Purpur, zu viel Gold und manchmal gar geölte und parfümierte Haare! In der frühen Neuzeit wimmelt es von präzisen Kleidervorschriften. In der Ständegesellschaft machten Kleider Leute; auf den ersten Blick trennten sie die Stände, bestimmten die Geschlechter, bezeichneten ein Sein und mit dem Sein einen wohlgeordneten, gottgewollten Kosmos. Den Männern war es verboten, Frauenkleider, den Frauen, Männerkleider zu tragen, wie schon im 5. Buch Mose festgelegt. Gold, Silber und Perlen, kostbare Pelze, Atlas, Damast, Seidensamt waren oft dem Adel vorbehalten.

Was bemängelt, ja was unter Androhung von Strafen verhindert wurde, war das, was heute trickle-down effect heisst: Die niederen Stände sollten nicht mehr scheinen wollen, als sie waren. Mit dem Prunk der höheren Stände durften sie sich nicht schmücken. Wie man an der Kleiderordnung der Stadt Schweinfurt von 1780 sieht, muss das ungeachtet der Vorschriften tagaus, tagein besonders beim putzsüchtigen weiblichen Geschlecht passiert sein: „Dieweil man auch öffentlich wahrgenommen hat und noch täglich wahrnimmt, dass diejenigen Weibspersonen, die in der dritten Classe sich befinden, Kleider aus Damast, Taft, Seidenstoffen, Samt und andere kostbare Stoffe, auch teure Spitzen, ungescheut tragen und viel Geld darein stecken. Hält man ihnen dies vor, so führen sie zur Entschuldigung an, dass ihnen die kostbaren Stoffe, die schon fertigen Kleider von ihren Freunden verehrt oder auch von ihren Verwandten geschenkt worden seien.“

Wer hat die Hosen an?

Ludwig XIII. war der letzte französische König, der durch Luxusdekrete auch den Adel von übertriebenem Protz und Prunk abzuhalten suchte. Zur Zeit Ludwigs XV. waren dann die Financiers reicher als der Hof, der sich etwas anderes einfallen lassen musste: Das bescheidene Raffinement ausgesuchter Einfachheit war viel „angesagter“ als dumm prunkender Reichtum. Nach der Revolution der Sansculotten – immerhin nach den Beinkleidern der Aristokraten benannt – wurden alle Männer oder jedenfalls alle Bürger gleich durch den Anzug. Von der Mode war man nicht mehr streng in Stände geteilt, wie in Schillers Ode „An die Freude“ besungen. Die Frauen wurden, wie wir sie kennen: unbeschreiblich weiblich.

Forthin trennte die Mode weniger die Klassen als die Geschlechter. Prompt sah sich Napoleon veranlasst, durch eine letzte Kleidervorschrift, die bis heute nicht aufgehoben wurde, aber stillschweigend übergangen wird, festzulegen, wer die Hosen anhat: Den Frauen wurde das Tragen von Hosen per Gesetz verboten. Fast wäre den Priestern im hundertjährigen Kampf, den die französische Republik im 19. Jahrhundert gegen die Kirche führte, das Tragen der Soutane per Gesetz verboten worden. 1789 kam es tatsächlich zum Verbot der Soutane, einem Verbot, das die Revolution nicht überlebte, das aber 1905, zum Zeitpunkt der Trennung von Kirche und Staat, erneut diskutiert wurde. Der Sozialist Aristide Briand verhinderte ein erneutes Verbot mit dem Argument, die Soutane sei ein Kleid wie alle anderen.

Während die Europäer von Kleidervorschriften im öffentlichen Raum relativ verschont blieben, hagelte es im Zuge der Modernisierung und der Säkularisierung in den Ländern, die endlich westlich und modern werden wollten, nur so Verbote – und die Kleidervorschriften betrafen durchaus nicht nur den Frauenkörper, obwohl dieser zu ihrem Lieblingsschlachtfeld wurde und es bis heute geblieben ist.

Der globale Siegeszug der westlichen Mode in der Türkei, in Ägypten, in Iran verdankte sich nicht freier Wahl, sondern gesetzlichen Verordnungen. Das Verbot, das Schah Reza Khan gegen den Tschador als Symbol der Rückständigkeit erliess, wurde auf den Strassen Teherans gewaltsamer durchgesetzt als das Burkiniverbot heute an französischen Stränden: Auf offener Strasse riss man Frauen den Tschador herunter. Die berühmte „Hutrede“ Atatürks, die gegen die traditionelle männliche Kopfbedeckung 1925 den westlichen Hut propagierte, mündete in eine gesetzliche Verfügung. Im gleichen Atemzug wurde das Kopftuch in Schulen, Universitäten und staatlichen Institutionen verboten.

Heute wird in Iran unter Androhung härtester Strafen darüber gewacht, dass jede Frau verschleiert ist. Das sollte aber nicht vergessen lassen, dass der Tschador, mit dem die iranischen Studentinnen nach der iranischen Revolution von 1979 in Frankreich triumphierend in die Hörsäle strömten, dass das Kopftuch, das heute die Frauen – Richterinnen oder Ärztinnen – in der Türkei tragen, weniger Indizien für eine neue Islamisierung und eine Unterdrückung der Frau waren und sind als vielmehr Protest gegen den autoritären, laizistischen Staat, als der sich die Türkei und der Iran aufführten.

Katholische Kirche – Islam

Angesichts der von Frantz Fanon beschriebenen Zwangsentschleierungen der Algerierinnen auf öffentlichen Plätzen, die die französischen Kolonialherren unter Rufen wie „Vive l’Algérie française“ unternahmen, könnte man aus der Geschichte doch eines gelernt haben: Es ist keine wirklich gute Idee, Leute mit Gewalt zur Freiheit zu zwingen. Aber ebendies geschieht wieder: 1989 wurden drei Mädchen von der Schule verwiesen, weil sie sich weigerten, ihr Kopftuch abzunehmen, seit 2004 gilt in Frankreich ein allgemeines Kopftuchverbot für Schülerinnen, 2010/11 wurde die Burka im öffentlichen Raum verboten – alles mit dem Hinweis auf die nötige Befreiung der Frau durch den säkularen Staat.

Im säkularen Frankreich scheint der Islam an die Stelle und in die Rolle zu geraten, in der die katholische Kirche vor hundert Jahren war. In dieser Neuauflage des heute wie damals erbitterten Laizitätsstreites muss man befürchten, dass die Laizität in einer Perversion der eigenen Prinzipien zu einem Fundamentalismus wird, der umständehalber noch radikaler und verbitterter ist als 1905.

Dass heute die Sicherheit aller auf dem Spiel stehe und mindestens die totale Verschleierung verboten gehöre – schön finden muss man sie ja nicht, und sehr fremd und unheimlich kann sie einem schon vorkommen –, verschiebt die Lage noch weiter zurück, ins Zeitalter der europäischen Religionskriege, als die Religion zur Chiffre für nationale Interessenlagen wurde und Paranoia zur ersten Bürgerpflicht. – Glaubten wir nicht, wir hätten das hinter uns?