NZZ/Karin Hofer

Wer den Islam kritisiert, ist noch lange nicht islamophob

Gastkommentar / von Kacem El Ghazzali / 29.05.2016

Viele nichtmuslimische Akademiker aus dem Westen verteidigen den Islam – im Gegensatz zu anderen Religionen – gegen jede Kritik. So stärken sie die islamischen Extremisten, meint Kacem El GhazzaliKacem El Ghazzali, 26, ist einer der wenigen Marokkaner, die ihren Atheismus öffentlich vertreten. Er lebt deswegen seit 2011 als Flüchtling in der Schweiz. Der Schriftsteller ist Vertreter der International Humanist and Ethical Union am UNO-Menschenrechtsrat in Genf sowie Ko-Direktor der Raif Badawi Foundation for Freedom.  

Unmittelbar nach den Attentaten in Paris letzten November rief mich meine Mutter an, die in einem kleinen Dorf in Marokko lebt. Sie ist eine tiefgläubige Muslimin, betet fünfmal am Tag. Sie rief mich aber nicht an, um den Terror zu rechtfertigen, sondern sagte, wie leid es ihr tue, was in Paris geschehen ist, und drückte ihre Anteilnahme für meine französischen Freunde aus.

Am Ende unseres Gesprächs erzählte sie mir von einem Imam aus ihrem Dorf, der junge Leute anstiftet, in Syrien für den IS zu kämpfen. Ich fragte sie, was sie von diesem Imam halte. Sie antwortete: „Ich habe die Polizei angerufen, damit sie eine Untersuchung gegen ihn einleiten.“ Das, sagte sie, sei ihr Weg, den Terror zu bekämpfen.

Der Anruf meiner Mutter ist für mich ein Schlüsselerlebnis; weil es auf den Punkt bringt, was ich hier in der Schweiz als Paradox feststelle: Nach jedem Attentat militanter Islamisten werden Muslime aufgefordert, sich vom Terror zu distanzieren. Mittlerweile tun dies die muslimischen Verbände bereits reflexartig, wiederholen gebetsmühlenartig, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Deshalb ergibt es wenig Sinn, Muslime aufzurufen, sich vom Terror zu distanzieren.

Es hilft nicht, sich zu distanzieren

Vielmehr müssen Muslime islamistische Bewegungen bekämpfen, die zum Terrorismus führen – so, wie es meine Mutter getan hat. Denn durch reines Sich-Distanzieren lässt sich Terror nicht bekämpfen, im Gegenteil: Distanz enthebt von der Verantwortung zu handeln. Die Crux ist, dass viele Muslime beschämt sind, zuzugeben, dass es ein Problem in ihrer Religion gibt; sich einzugestehen, dass islamistischer Terror in der Tat etwas mit dem Islam zu tun hat. Sich vom Terror zu distanzieren, ist einfach, sich gegen die herrschende fundamentalistische Auslegung des Korans zu stellen, die in Schulen gelehrt und via Fatwas und Prediger verbreitet wird, ist ein ganz anderer Kampf.

Vor fünf Jahren floh ich aus meinem Heimatland Marokko in die Schweiz, weil mein Leben in Gefahr war, nachdem ich mich öffentlich als Ex-Muslim bekannt hatte. Das gilt in Marokko für viele als Todsünde. Denn Ex-Muslim zu sein, bedeutet, nicht mehr an den Koran und seine Lehren zu glauben, den Glauben frei zu wählen, was ein grundlegendes Menschenrecht ist.

Und hier stelle ich ein zweites Paradox fest: Wenn ich die Scharia, die Stellung der Frauen oder der Apostaten in der islamischen Welt kritisiere, wenn ich darauf bestehe, den Islam in seinem historischen Kontext zu verstehen, und für eine islamische Aufklärung plädiere, wird mir vorgeworfen, islamophob zu sein. Und ich frage mich: Warum nehmen so viele Schweizer Kritik am Islam als islamophob wahr?

Islamophobie als Totschlagargument

Der Vorwurf der Islamophobie ist das bevorzugte Mittel muslimischer Fundamentalisten, um jegliche Kritik am Islam zu unterbinden. Indem auch einige meiner Schweizer Freunde auf Social Media diesen Vorwurf übernehmen, sabotieren sie jede Anstrengung für einen Wandel und eine Aufklärung in der islamischen Welt. Statt sich auf die Seite der säkularen Muslime und Ex-Muslime zu stellen, helfen sie dem islamischen (Rechts-)Extremismus.

Würden meine Schweizer Freunde dieselbe Position zum Christentum und Katholizismus einnehmen? Würden sie die Kritik am Christentum als Christianophobie bezeichnen? Weshalb sollte der Islam über jeglicher Kritik stehen?

Diese Verteidigung des Islams ist unter vielen westlichen, nichtmuslimischen Akademikern verbreitet – auch weil sie Toleranz gegenüber anderen Kulturen und das Ideal des Multikulturalismus hochhalten. Das ist durchaus positiv, doch tappen sie so in die Falle des Kulturrelativismus: Sie sind überzeugt davon, dass Europäer und Amerikaner kein Recht haben, nichtwestlichen Gesellschaften westliche Werte aufzuzwingen.

Dabei übersehen sie, dass sie so diese Gesellschaften nicht als gleichwertig und die universalen Menschenrechte nicht als für alle geltend ansehen. Sie vergessen, dass es Menschen in der islamischen Welt gibt wie mich, die sich für ihr Land ebenso die Freiheit einer säkularen Gesellschaft wünschen, dafür aber oft mit dem Tod bedroht werden.

Sobald eine Religion in Gesetze kodifiziert ist, verliert sie ihren Anspruch auf Göttlichkeit. Das ist das Problem des Islams heutzutage. Wenn die Mehrheit der Muslime Religion nicht als Privatangelegenheit zwischen sich und Gott betrachten, sondern als Regelwerk für ihr Leben, ja für die ganze Gesellschaft, dann sind Konflikte zwischen Glauben und Grundrechten unumgänglich. Umso mehr ist Kritik an diesem System eine Pflicht und ein effektiver Weg, um den Fundamentalismus an den Wurzeln zu bekämpfen.

Dies strebe ich mit meiner Kritik an. Das macht mich nicht zu einem islamophoben Menschen. Ich kritisiere, weil ich das Recht dazu habe. Denn dies ist immer auch ein Indikator dafür, dass man in einer freien Gesellschaft lebt, die Kritik als eine vitale Kraft versteht.