Gabi Kopp

Wer Kolumnen schreibt, kann etwas erleben

Meinung / von René Scheu / 16.12.2015

Klar erntet ein Kolumnist lieber sachliche Kritik als persönliche Anwürfe. Noch schlimmer ist aber nur etwas: gar keine Regung – meint der Philosoph

René ScheuRené Scheu (1974) promovierte an der Universität Zürich in zeitgenössischer Philosophie, danach war er als Journalist und Redakteur tätig. Seit 2007 wirkt er als Herausgeber und Chefredakteur für die „Schweizer Monatshefte“, deren erfolgreichen Relaunch unter dem Titel „Schweizer Monat“ er 2011 verantwortete. Seit 2013 begleitet er das Zeitgeschehen auch als Kolumnist der NZZ am Sonntag. Mit Jahreswechsel übernimmt er die Leitung des Feuilletons der Neuen Zürcher Zeitung. .

Ich bin ein interessierter Leser von Leserbriefen, die meine eigenen veröffentlichten Meinungen betreffen. Ist dies Ausdruck eines narzisstischen Grundcharakters, den nicht publizierende Zeitgenossen den publizierenden Zeitgenossen gerne unterstellen? Bestimmt. Anderseits gehört zu jedem Sprach- und Schreibakt, dass er auf Resonanz abzielt – jenseits aller gewollten oder ungewollten Provokation. Wenn ich für eine größere Zeitung in die Tasten greife, so wende ich mich – anders als in der direkten Kommunikation des Alltags – an eine breite, vorwiegend anonyme Leserschaft, die zu kennen ich mir bloß einbilden kann. Bleiben danach die Reaktionen aus, ist es, als existierte der Text nicht. Als hätte ich ihn nie geschrieben.

Dies ist vorerst meine letzte Kolumne. Die Empfänger können mit der Flaschenpost, wie immer, anstellen, was sie wollen. Denn sobald der Text in publizierter Form vorliegt, hat der Autor die Deutungshoheit – die Verfügungsgewalt – darüber verloren. Es zählt nicht mehr, was ich sagen wollte. Es zählt, was die anderen darin lesen. Was sie darin zu lesen glauben. Was sie darin zu lesen glauben wollen.

Die Erfahrung zeigt: Lob ist still, Kritik ist schrill. Meine umstrittensten Themenfelder waren der Egalitarismus und alle modernen Formen zivilreligiösen Lebens. Wenn ich es wagte, materielle Gleichheit als Leitwert infrage zu stellen, wurde ich vorhersehbar harsch zurechtgewiesen. Schrieb ich über Ökologismus, Vegetarismus und andere neue Lebensformen von militanten Selbst- und Fremderlösern, waren die Kommentare ebenso unerbittlich wie zahlreich. Die Leserreaktionen lassen sich, frei nach Arthur Schopenhauers Traktat „Die Kunst, recht zu behalten“, in drei Kategorien einteilen: 1) argumentum ad rem (Argumente zur Sache), 2) argumentum ad hominem (Zurückführung der Argumentation auf die unterstellten Umstände des Autors) und 3) argumentum ad personam (persönlicher Angriff auf den Autor).

Was stelle ich nach gezählten 30 Kolumnen fest? Die sachliche Auseinandersetzung mit dem Text war – und ist! – zwar sehr erwünscht, aber eher dünn gesät; der ebenfalls seltene Abgleich von Inhalten mit dem gerne phantasierten Hintergrund des Autors („libertär“, „elitär“) ist langweilig, bleibt aber immerhin mit der Toleranzforderung der meisten Leserbriefschreiber vereinbar. Es dominiert ganz klar Kategorie 3, und zwar in zwei bewährten Ausprägungen: Wahlweise wurde ich als dumm (3.1) oder als unmoralisch (3.2) abqualifiziert. Hier ein paar Charakterisierungen der intellektuellen Schwäche im Originalwortlaut: „Phrasen“, „primitiv“, „Denkarmut“, „beispiellose Ignoranz“. Besonders einprägsam sind die Attribute zur moralischen Defizienz: „Schandfleck“, „Schmach“, „jenseits von Gut und Bös“, „Ich bedaure Herrn Scheu zutiefst“.

Auf Ihr Mitleid, liebe Leser, habe ich nie aspiriert, ich ziehe den gepflegten Disput auf Augenhöhe vor. Aber vielleicht haben Sie es auch bemerkt: Die Trollisierung der Öffentlichkeit, also deren Prägung durch destruktive und provozierende Kommentare, hat ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr nur vor dem Hintergrund eines bildungsbürgerlichen Diskursideals zum Heulen ist. Der herausposaunte „Bauchstalinismus“ – wie mein verstorbener Kollege und hochgeschätzter Kritiker Kurt Imhof gesagt hätte – gehört zum veröffentlichten Alltagston. Natürlich habe ich mich dennoch über jede einzelne noch so boshafte Reaktion gefreut. Denn jede ausformulierte Rückmeldung zeugt in Zeiten totaler Reizüberflutung von der intakten intellektuellen Erregbarkeit der Mitmenschen. Darauf lässt sich aufbauen. Solange die Menschen halbwegs kritisch lesen, ist die Welt nicht verloren.