Octav Ganea / Inquam / Reuters

Der Störenfried

Wer macht uns das Leben schwer?

von Dieter Thomä / 10.09.2016

Irgendjemand stört immer, ganz besonders aber tun dies die Störenfriede, von denen es indes böse und gute gibt. Eine kleine Phänomenologie einer vielgesichtigen Figur aus Geschichte und Gegenwart.

Man will seine Ruhe. Man will nicht morgens die Zeitung aufschlagen und die nächste Hiobsbotschaft lesen – von Attentaten, Schiessereien, Brandstiftungen, Übergriffen. 2016 ist ein Hobbes-Jahr: ein Jahr, in dem die Menschen darauf warten, dass der Staat – wie in Thomas Hobbes’ „Leviathan“ von 1651 verheissen – „Frieden und Schutz“ gewährleistet. Es ist noch gar nicht lange her, da feierte man die Unruhe. Man las vom Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali, von Demonstrationen in Kairo, New York und andernorts. Auf einem Plakat von „Occupy Wall Street“ stand der Spruch „This Is What Democracy Looks Like“. 2011 war, so gesehen, ein Anti-Hobbes-Jahr: ein Jahr, in dem der faule Frieden aufgekündigt wurde und die „Rebellen“, die im „Leviathan“ ganz schlecht wegkommen, die Szene beleben.

Der „puer robustus“

Die Geschichte ist ein Wechselbad – und zwar nicht erst seit einigen Jahren. Mal klagen die Menschen, die Welt sei aus den Fugen. Mal wollen sie der Geschichte auf die Sprünge helfen. Mal liegen die Nerven der Verunsicherung blank, und man sehnt sich nach Ruhe und Ordnung. Mal fühlt man sich von einem stahlharten Gehäuse eingeschlossen und mobilisiert das „Chaos in sich, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ (Friedrich Nietzsche). Hinter dem Wechselbad der Geschichte steckt ein Wechselspiel von sehr unterschiedlichen Störungen, die bösartig oder aber wohltuend wirken können. Um sich in diesem Wechselspiel zurechtzufinden, hilft ein Blick zurück auf eine Figur, die einst als Störenfried par excellence gehandelt wurde, heute aber seltsamerweise vergessen ist. Sie trat in der politischen Theorie unter dem Namen puer robustus auf. Grosse Geister haben sich auf diesen kräftigen Knaben oder starken Kerl ihren eigenen Reim gemacht, ihn bekämpft oder begrüsst.

Den ersten Auftritt bekam er ausgerechnet bei Thomas Hobbes, also bei jenem Ordnungsfanatiker, dessen Kurs drastisch gestiegen ist. Mitte des 17. Jahrhunderts führte er den „kräftigen Knaben“ als „bösen Mann“ vor, den er gleich entlarven und von der Bühne der Geschichte hinunterstossen wollte. Gemeint war bei Hobbes ein Typ mit einem „kindischen Sinn“, der auf eigene Faust handelte und nichts von Regeltreue hielt. Hobbes sah in ihm die ultimative Bedrohung der friedlichen, vertraglichen Staatsordnung.

Den vorerst letzten auffälligen Auftritt hatte der kräftige Kerl in China, während einer kurzen Phase politischer Liberalisierung im Frühjahr 1957. „Lasst hundert Blumen blühen“ – so lautete der Aufruf Mao Zedongs. Die Studenten der Universität Peking nahmen ihn beim Wort, gründeten eine „Hundert-Blumen-Gesellschaft“ und taten auf Wandzeitungen ihre Meinungen kund. Tan Tianrong, einer ihrer Wortführer, gab seiner Botschaft die Überschrift „Giftiges Unkraut“, liess sie mit einem Heraklit-Zitat beginnen, wonach die „Regierung der Stadt an bartlose junge Männer übergeben werden“ solle, und unterzeichnete mit der lateinischen Formel „Puer robustus sed malitiosus“. Dieser Typ trat – ganz anders als bei Hobbes – als demokratischer Aktivist auf: als guter Störenfried.

Nicht ein, sondern viele Störenfriede verbergen sich also im puer robustus, und diese Wandlungsfähigkeit macht ihn so aufschlussreich. Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, Victor Hugo, Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Sigmund Freud, Leo Strauss und viele andere haben sich über der Frage entzweit, was mit dem puer robustus gemeint sei und von ihm zu halten sei. Das ganze Spektrum vom ultimativen bad boy bis zur Lichtgestalt wird dabei ausgeschritten. Der puer robustus erscheint als Dickschädel oder Leichtfuss, Barbar oder Narr, Trittbrettfahrer oder Künstler, Räuber oder Retter. Er wird zum Beinamen der Pariser Strassenjungen, der europäischen Proletarier, der kalifornischen Pioniere, der deutschen Halbstarken und anderer mehr. Immer ist er verwickelt in ein Spiel von Ordnung und Störung, Ausgrenzung und Grenzüberschreitung.

Vier Typen

Wenn man die Störenfriede, die unter dem Namen puer robustus firmieren, sortiert, so stösst man auf vier Typen – und da deren Nachfahren heute für Aufregung sorgen, taugt diese Geschichte als Lehrstück für den Umgang mit den Störenfrieden des 21. Jahrhunderts.

Der erste Typ ist Hobbes‘ Originalversion, also der egozentrische Störenfried, der meint, seinen Nutzen ohne oder gegen die staatliche Ordnung maximieren zu können. Er ist das Vorbild für zahllose Kriegsgewinnler und Trittbrettfahrer sowie auch für die Protagonisten der letzten Finanzkrise, die mit faulen Geschäften Menschen um ihre Existenz und Staaten an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Man kann nicht sagen, dass sie inzwischen abgedankt hätten.

Neben den Egozentriker tritt schon früh eine andere Version des Störenfrieds. Auch dieser Typ hält nichts von Regeln, aber er folgt dabei nicht seinem Eigeninteresse – und das hat einen ganz einfachen Grund: Er kann gar nicht auf sich fixiert sein, weil er noch nicht weiss, was er will, sondern erst zu einem anderen Ich und einem anderen Leben unterwegs ist. Die Geburt dieses Typs fällt in die Jahre um 1770, und sein geistiger Vater ist Denis Diderot. In dem Roman „Rameaus Neffe“ deutet er den puer robustus gegen Hobbes zu einem exzentrischen Störenfried um und feiert ihn als genialen Kindskopf, der die „gesellschaftlichen Konventionen“ wie „ein Krümchen Sauerteig“ durcheinanderbringt. Die Nachfolger dieses puer robustus treten heute als politische Rebellen auf, sie sind aber auch in der Kunstszene und in der Wirtschaft Kult. So feiert eine der erfolgreichsten Werbekampagnen der letzten Jahrzehnte, Apples „Think Different“, „Verrückte, Rebellen, Unangepasste“ und „troublemakers“. Auffällig ist allerdings, dass viele Nonkonformisten heutzutage versuchen, sich zu vermarkten und in den Mainstream der Gesellschaft zurückzuschwimmen.

Nicht jeder Störenfried ist auf dem Egotrip oder setzt auf Extravaganz. Manche haben eine grössere gesellschaftliche Vision. Dieser dritte Typ des Störenfrieds legt sich mit dem Status quo an, um eine andere, bessere Ordnung durchzusetzen. Jean-Jacques Rousseau macht sich fast zur gleichen Zeit wie Diderot zu dessen Fürsprecher und muss nicht lange nach einem Namen für ihn suchen: Er nennt ihn gleichfalls puer robustus. Rousseaus sperriger Held will anders als seine Verwandten das Gesetz (griechisch: „nomos“) nicht unterlaufen oder überspielen, und deshalb kann man ihn als nomozentrischen Störenfried bezeichnen. Friedrich Schiller hat ihn auf die Bühne gebracht und bei dieser Gelegenheit der Schweiz einen Nationalhelden geschenkt: Wilhelm Tell beginnt als Einzelkämpfer und wird zum Gründer eines neuen Bundes. Zu den legitimen Erben dieses Störenfrieds gehören heute die Verfechter einer „kreativen“, „agonistischen“ oder „rebellierenden“ Demokratie.

Unter den Störenfrieden, die zurzeit aktiv sind, gibt es noch einen vierten – abscheulichen – Typus. Wenn man die Geschichte des puer robustus heranzieht, dann kommt man diesem Kerl am nächsten, wenn man sich an Max Horkheimers Beschreibung der „kleinen Wilden“ aus den 1930er und 1940er Jahren hält. Diese Wilden – Horkheimer meinte unter anderem die faschistischen Schlägertrupps – stehen für so etwas wie eine gestörte Störung, denn in ihre Hetze und Härte mischt sich ein Motiv, das dem Selbstbild des Störenfrieds eigentlich zuwiderläuft: der unbedingte Gehorsam, das Aufgehen in der Masse, die Selbstpreisgabe für eine grosse Sache.

Wenn dieser Typus denn einen Namen verdient hat, so allenfalls den des massiven Störenfrieds. Heutzutage tritt er nicht nur als Faschist auf, sondern als Fundamentalist in allen möglichen Versionen und, mit besonderer Brutalität, als Islamist. Der IS-Experte Scott Atran spricht von einer „Identitätsfusion“, bei der sich der einzelne Terrorist in eine totale Einheit mit einer höheren Instanz hineinphantasiert.

Die Gesellschaft spiegeln

Angesichts dieser Gewaltausbrüche kommt der Wunsch nach einer störungsfreien Welt hoch – ein Wunsch, der ebenso verständlich ist wie vergeblich. Egal, wie politische Ordnungen aufgestellt sind, sie müssen Grenzen ziehen, also auch Ausgrenzungen vornehmen, und so schaffen sie selbst den Rand und das Abseits, wo Störenfriede heranwachsen. Was unsere heutigen westlichen Gesellschaften angeht, so fällt auf, dass sie zurzeit eine ziemlich üble Mischung egozentrischer und massiver Störenfriede produzieren. Die einen kümmern sich nur um sich und schlagen sich mehr oder minder gekonnt durch, die anderen haben von diesem Egotrip die Nase voll und werfen sich totalitären oder auch nur populistischen Bewegungen an den Hals.

Daneben gibt es noch jene andere Art von Störenfrieden, die der junge französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie in seinem Buch mit dem Titel „Die Kunst der Revolte“ beschrieben hat; eines seiner Beispiele ist Edward Snowden. Man darf in diesen Störenfrieden Leute sehen, die der westlichen Gesellschaft gewissermassen den Spiegel vorhalten. Zu ihr gehört nämlich nicht nur, Besitzstände zu wahren und Grenzen zu ziehen, sondern auch die Bereitschaft zum Experiment, die Lust an der Grenzüberschreitung. Thomas Jefferson notierte 1787, während seiner Zeit als Botschafter im vorrevolutionären Paris: „Der Geist des Widerstands gegen die Regierung ist bei gewissen Gelegenheiten so wertvoll, dass ich mir wünsche, er möge immer lebendig bleiben. Ich mag ein bisschen Rebellion dann und wann. Sie ist wie ein Sturm in der Atmosphäre.“ Wer nicht in bleiernen Zeiten leben will, muss an diesem Sturm seine helle Freude haben.

Von Dieter Thomä, Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen, erscheint Anfang Oktober im Suhrkamp-Verlag das Buch „Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds“.