Justin Tang/The Canadian Press via AP

Digitale Kluft

Weshalb uns das Internet ungleicher macht

von Adrian Lobe / 09.06.2016

Die Hälfte der Weltbevölkerung hat keinen Internetzugang. Aber auch im Westen leben immer mehr Bürger in einer Informationsblase. Es droht ein digitales Kastensystem. 

In Paris demonstrieren die Nachtwächter der Bewegung „Nuit debout“ gegen die verknöcherten Strukturen im Bildungssystem und die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. In den USA feiert der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, der sich als Sozialist bezeichnet und aus der globalisierungskritischen Occupy-Bewegung hervorgeht, beachtliche Erfolge in den Vorwahlen. Und in Spanien trugen die Studentenproteste gegen Sozialkürzungen die Partei Podemos bis ins Parlament. Unter der Jugend Europas und der Vereinigten Staaten macht sich ein diffuses Gefühl breit, wonach der Kapitalismus aus den Fugen geraten sei. Die Reichen, so der Verdacht, hätten immer mehr und schleusten ihr Vermögen am Fiskus vorbei, die Armen hätten immer weniger, und der kleine Bürger zahle am Ende die Zeche.

Dies mag auf einzelne Länder zutreffen, insgesamt jedoch trügt der Eindruck. Die Analysten Tomas Hellebrandt von der Bank of England und Paolo Mauro vom Internationalen Währungsfonds zeigen in einem neueren Working Paper (2015), dass die globale Ungleichheit seit Jahren sinkt. 2003 lag der Gini-Koeffizient, ein Maß für Einkommensverteilung, bei 0,69. Ein Wert von null bedeutet totale Gleichheit der Einkommen, ein Wert von eins wäre totale Ungleichheit. 2013 war der Gini-Koeffizient auf 0,65 gesunken, bis 2035 soll er nach der Projektion von Hellebrandt und Mauro auf 0,61 fallen. Seit 1980 passiert etwas Bemerkenswertes, das linke Apologeten nicht wahrhaben wollen: Die globale Kluft zwischen Arm und Reich schließt sich. Wahrnehmung und Realität fallen auseinander.

Über die methodische Kritik am Gini-Koeffizienten ist hinreichend diskutiert worden. Manche Länder vergleichen das Einkommen vor Steuern, andere jenes nach Steuern. Steuern haben in der Regel einen signifikanten Umverteilungseffekt, so dass die Vorher-Nachher-Frage von erheblicher Relevanz sein kann. Auch lassen sich manche Arten von Einkommen wie Essensmarken oder Bildungstransfers monetär kaum erfassen. Aber vielleicht misst der Index gar nicht, was für die Perzeption der Ungleichheit entscheidend ist: Informationen.

Die Hälfte ist ohne Zugang

In der heutigen Informationsgesellschaft sind Informationen nach Jan van Dijk und Kenneth Hacker Primärgüter wie Rechte, Chancen oder Gesundheit (in der Terminologie des Philosophen John Rawls könnte man auch Freiheit als Primärgut bezeichnen). Die Industrie betont bei jeder Gelegenheit, dass Daten den Rohstoff der Wirtschaft darstellen, wobei Daten das Vorprodukt von Informationen sind und erst durch die Herstellung von narrativen Strukturen zu ebendiesen werden. Und hier gibt es Ungleichheiten, die schon mit dem Zugang anfangen: Weltweit haben nach Angaben der International Telecommunication Union (ITU) 4,2 Milliarden Menschen keinen Internetanschluss.

Das ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. In Gabon und Guinea ist laut Weltbank gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung ans Internet angeschlossen, der afrikanische Kontinent ist mit Ausnahme von Ägypten und Südafrika jenseits städtischer Gebiete ein weißer Fleck auf der Internetlandkarte. In Indonesien, dessen Hauptstadt Jakarta wegen der hohen Durchdringung des Kurznachrichtendiensts als „Twitter-Hauptstadt“ bezeichnet wird, lag die Zahl der Internetnutzer zwischen 2011 und 2015 bei durchschnittlich lediglich 17,1 Prozent. Facebook und Google buhlen um die Offline-Gemeinde, die ja eine Marktlücke darstellt, und wollen mit Ballons das Internet zur Erde funken.

Informationsgüter weisen besondere ökonomische Eigenschaften auf, die ihre Marktfähigkeit einschränken. Ein Buch in einer Bibliothek zum Beispiel kann im Gegensatz zu einer Tafel Schokolade von vielen Personen nacheinander genutzt werden, ohne dass es dadurch verkonsumiert wird. Der Kölner Ökonom Frank Linde schreibt im „Praxishandbuch Bibliotheks- und Informationsmarketing“: „Ein Informationsgut wird nicht weniger, wenn es genutzt wird. Wenn eine Person sich durch die Verarbeitung von Information ein bestimmtes Wissen aneignet, schmälert das nicht die Chancen eines anderen, dasselbe Wissen zu erwerben.“ Es gibt aus Sicht des Empfängers auch keine Konkurrenz bei der Nutzung: Ob 50.000 oder 600.000 Menschen einen Eintrag auf Wikipedia lesen oder zwei oder zehn Millionen ein Fußballspiel im Fernsehen anschauen, hat für den Einzelnen keine Nachteile. Gleichwohl kommt es zu Abnutzungseffekten, wenn Informationen ihren Wert aus der Exklusivität beziehen. Der Geheimtipp für das Ferienhaus in der Toskana verliert schnell an Wert, wenn ihn alle haben.

So weit die Theorie. Es gibt indes massive Ungleichheiten in der Qualität der Informationen, die sich in der Empirie feststellen lassen. Facebook hat im Rahmen seiner Initiative Internet.org in Indien die mobile App Free Basics lanciert. Der Nutzer kann kostenlos ein paar Seiten im Internet (Wikipedia, BBC News, AccuWeather, Facebook) aufrufen. Wer innerhalb der App einen Link anklickt, der zu den restlichen Seiten im Netz führt, muss draufzahlen. Die App stieß auf heftigen Widerstand. 750.000 Inder protestierten per E-Mail gegen das Projekt. „Poor Internet for Poor People“ lautete der Haupttenor der Kritik. Die indische Telefonaufsichtsbehörde (TRAI) hat den Dienst wegen Verstoßes gegen das Prinzip der Netzneutralität – den Grundsatz, wonach alle Daten gleich behandelt werden müssen – verboten. Auch Google steht in der Kritik, in den eigenen Stammlanden. In einigen US-Städten wie etwa Kansas City, in denen der Internetkonzern Glasfaserkabel verlegt hat, bezahlen die Bewohner für eine 1000-Megabit-Leitung und 150 HD-TV-Kanäle rund 130 Dollar im Monat. Wer dies nicht aufbringen kann, schaut in die Röhre. Die Sorge ist, dass ärmere Viertel von der digitalen Infrastruktur abgeschnitten werden und ein Internet der zwei Geschwindigkeiten entsteht. Das widerspricht glasklar dem erklärten Credo von Google, Informationen allen zugänglich zu machen.

Verbriefte Verzerrungen

Das Internet ist die bedeutendste Infrastruktur zur Herstellung von Informationen und Netzwerken, eine Allokationsmatrix für alles, was informatisierbar ist. Die Herausforderung besteht darin, dass Internetkonzerne wie Facebook oder Google heute zu Gatekeepern der Informationen geworden sind. Ihre Algorithmen filtern das, was sie für relevant erachten und am besten mit unseren Präferenzen korrespondiert. Anders als in einer Bibliothek, in deren Suchmaschine wir angezeigt bekommen, wonach wir suchen, zeigt uns Google das an, wovon es glaubt, dass wir es suchen. Im Grunde ist dies eine epistemologische Inversion. Die Erkenntnis kommt vom Gegenstand selbst. Und das kann in der Praxis zu erheblichen Verzerrungen führen. Wenn man bei Googles Bildersuche nach dem Stichwort „CEO“ sucht, erscheinen mit Ausnahme einer Barbie ausschließlich Männer – was die Realität zum einen nicht korrekt widerspiegelt (in den Fortune-500-Unternehmen gibt es „immerhin“ 4,4 Prozent Frauen und nicht 0 Prozent), zum anderen dieses Zerrbild wiederum zementiert, weil wir meinen, dass das, was Google anzeigt, der Wirklichkeit entspreche.

Auch die Newsfeeds auf Facebook, das für viele seiner weltweit 1,6 Milliarden Nutzer zum Fenster zur Welt geworden ist, sind verzerrt. Im Sommer 2015 verfolgte die Soziologin Zeynep Tufekci die Unruhen in Ferguson. Während ihre Twitter-Feeds von Berichten überquollen, las sie auf ihrem Facebook-Profil nichts von den Protesten – obwohl sie mehrere Nachrichtenseiten gelikt hatte. Stattdessen zeigte ihr Facebook Videos und Einladungen zur Ice Bucket Challenge. Erst am nächsten Tag erfuhr sie auf Facebook von den Ereignissen. Facebooks Algorithmen bestimmten autoritativ, was Tufekci zu interessieren hatte. Die Wissenschaftlerin sprach von „algorithmischer Zensur“ – und schrieb später in einem Beitrag für das Portal „Medium“ sarkastisch: „In einer offenen Rebellion fühlt sich mein Newsfeed wie Disneyland an.“ Es ist schon paradox: Wir wissen in der Informationsgesellschaft nicht, woher die Informationen kommen, wie sie selektiert und aggregiert werden. Die angewandten Algorithmen ähneln letztlich einer Blackbox.

Sind die Facebook-Nachrichtenkonsumenten womöglich eine Art abgehängtes digitales Prekariat (ebenso wie die Nichtkonsumenten)? Kann es sein, dass es im Zeitalter des Informationsüberflusses so etwas wie Informationsarmut gibt? An Informationen scheint es ja heute nicht zu mangeln. Im Internet prasseln die Neuigkeiten – textlicher und bildlicher Natur – geradezu auf uns ein, auf der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist das Wissen der Menschheit einen Mausklick entfernt.

Digitales Gefälle

Die Frage nach der Bereitstellung von Informationen ist von großer politischer Tragweite, konstituieren die zu Wissen verdichteten Informationen doch erst den mündigen Bürger. Nur wer informiert ist, kann auch legitimerweise am Gemeinwesen partizipieren. Der „digital divide“, das digitale Gefälle zwischen Vernetzten und Nichtvernetzten, wird von der Forschung zunehmend als Gerechtigkeitsproblem erkannt. In seinem Buch „A Normative Theory of the Information Society“ entwickelt der schottische Philosoph Alistair Duff das sogenannte Rawls-Tawney-Theorem. Es besagt grob, dass manche Informationsressourcen wie Wahlinformationen oder Impfinformationen arithmetisch gleich verteilt werden müssen, andere wie News ungleich verteilt werden können, aber nur bis zu einem gewissen Grad. „Die Hauptgrenze ist, dass informationelle Ungleichheit nicht in eine Klasse oder ein Kastensystem degenerieren darf“, erklärt Duff auf Anfrage. In der Tat: Im Zeitalter von Big Data, wo Daten Rohstoffe sind, dürfte die Frage nach der Herstellug informationeller Gleichheit den politisch aufgeladenen Gleichheitsdiskurs bald dominieren.

Lässt sich der digital divide durch eine „Weltrechtsordnung mit einer gewissen Weltstaatlichkeit, also eine Weltrepublik“ überwinden, wie der deutsche Philosoph Otfried Höffe meint? Kaum. Eine Weltrepublik ohne Weltöffentlichkeit würde wenig Sinn ergeben, ganz abgesehen davon, dass die Idee eines Weltstaates – die Verkörperung der Alternativlosigkeit – auch ziemlich angsteinflößend ist. Und es werden tatsächlich immer mehr Weltregionen digital abgehängt. Ein Bericht des UNO-Menschenrechtsrats zum Schutz der Meinungsfreiheit nannte Internetzugang – sowohl zu Inhalten als auch zur Infrastruktur – ein elementares Menschenrecht. In Finnland und Estland wurde dies bereits in der Verfassung verankert. Die Frage ist, ob Entwicklungsländer künftig in der Lage sein werden, einen Breitbandausbau voranzutreiben, oder ob sie auf die Dienste der Tech-Giganten rekurrieren müssen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca C. Reisdorf, die sich an der Michigan State University mit Fragen digitaler Ungleichheit beschäftigt, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir erleben derzeit nicht nur eine Kluft zwischen Online und Offline, sondern auch digitale Ungleichheiten in der Qualität des Zugangs, der Geschwindigkeit und Zahl der Geräte, mit denen Nutzer online gehen können.“ Viel ist schon gewonnen, wenn das Problem der informationellen Ungleichheit ins öffentliche Bewusstsein der avancierten Gesellschaften tritt. Denn auch deren Bürger müssen fürchten, abgehängt zu werden – vielleicht geschieht dies bereits, und sie haben es bloß noch nicht gemerkt.