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Isländische Bräuche zu Weihnachten

Wie böse Zwerge zahm wurden

von Rudolf Hermann / 24.12.2015

Vor der Hexe Gryla fürchten sich Kinder auf Island bis heute. Anders steht es um die 13 Weihnachtszwerge. Einst böse, sind sie inzwischen geradezu politisch korrekt geworden. Von NZZ-Korrespondent Rudolf Hermann aus Stockholm.

„Wir haben es eben besser“, sagt Anton Örn Ivarsson mit breitem Schmunzeln. „Wir bekommen dreizehnmal Geschenke, andere nur einmal.“ Das geht so: Ivarsson ist Isländer, und während in vielen anderen Ländern der Welt im Dezember das Christkind oder Santa Claus nur einmal Gaben hinterlassen, hat Island seine dreizehn „Weihnachtszwerge“.

In jeder Nacht in den letzten zwei Wochen vor Heiligabend geht einer von ihnen vom Berg in die Stadt und bringt etwas mit. Den braven Kindern legt er ein Geschenk in den Stiefel vor dem Fenster, den nicht so braven eine faule Kartoffel.

Wegen Gryla gar ein Dekret

Nicht immer jedoch war es so, dass diese Zwerge so nett und freundlich waren. Das sind sie im Übrigen auch heute nicht nur; einigen von ihnen wird ein Hang zum Stibitzen, anderen zum Schabernack nachgesagt. Davon erzählen ihre Namen. So heißt etwa einer Löffelschlecker, ein anderer Würstchendieb, ein dritter Topf-Auslöffler. Immerhin ist das mit dem Stehlen in den letzten Jahren besser geworden. Doch wenn man ihre Mutter kennt, die Gryla, dann wundert man sich nicht mehr über die schlechten Sitten.

Gryla nämlich ist eine Menschenfresserin, die in der isländischen Wildnis wohnt. Zusammen mit ihrem Mann Leppaludhi, den gemeinsam gezeugten dreizehn Zwergen und einer schwarzen Katze raubt sie Kinder. Wenn Gryla und die Zwerge in alten Zeiten von ihrem Berg stiegen und zu den Leuten kamen, dann, um Angst zu verbreiten, Unruhe zu stiften und ungehorsame Kinder zu finden.

Diese wurden der Erzählung nach von Gryla in einen Sack gesteckt, mitgenommen und in einem großen Topf gekocht, um verspeist zu werden. Wer seine Ungezogenheiten jedoch bereute, konnte dem Kessel in letzter Minute entrinnen. Brave Kinder durfte die Menschenfresserin nicht anfassen.

Schon 1746 wurde in Island aber ein Dekret erlassen, das es Eltern verbot, ihren Kindern mit Monstern wie Gryla oder deren Zwergen Angst einzujagen, um damit Folgsamkeit zu erzwingen. Die alte Hexe ist bis heute allerdings eine furchteinflößende Figur geblieben. Im Unterschied zu ihren Zwergenkindern, die über die letzten paar Jahrzehnte geradezu politisch korrekt geworden sind.

Der Zwerge neues Kleid

Ganz abgelegt haben diese die Unsitten des Randalierens und Stehlens zwar noch nicht. Doch durch den zunehmenden Kontakt Islands mit der Außenwelt passten sich die Weihnachtszwerge mindestens teilweise europäischem Advents-Brauchtum an. Die Idee mit den Stiefeln zum Beispiel ist laut Informationen des isländischen Nationalmuseums durch den Kontakt isländischer Seeleute mit den Niederlanden auf die große Insel im Nordatlantik gelangt.

Zudem, so schreiben Experten des Museums augenzwinkernd, schickte Gryla offenbar ab einem gewissen Zeitpunkt ihre Zwerge nicht mehr in schäbigen Kleidern zu den Leuten, sondern es gab in der Familie plötzlich einen roten Anzug mit weißen Bordüren, den der jeweils im Ausgang befindliche Zwerg zu tragen hatte. Wenn wundert’s: Der globalisierte Onkel, der andernorts mit dem Rentierschlitten geflogen kommt und durch den Kamin in die Häuser eindringt, lässt grüßen!