Morgengrauen

Wie das Leben leichter wird

Gastkommentar / von Peter Strasser / 22.09.2016

Er war ein Geschäftsmann, und ein erfolgreicher dazu. Sein ganzes Leben lang hatte er nach einer Maxime gelebt, die er auch seinen Kindern und Kindeskindern mit auf den Weg zu geben versuchte. Sie war einfach und klar und lautete: „Wenn du die Dinge nicht zu schwer nimmst, wird das Leben leichter.“ Dann begegnete er mir.

Es war nach einem Vortrag, den ich zum Thema „Lebenskunst“ gehalten hatte. Er trat auf mich zu und gratulierte mir zu meinen „lebensnahen Ausführungen“, um schließlich mit seiner eigenen Maxime herauszurücken. Gleichzeitig ließ er mir einen sanften Tadel zukommen, weil ich sie, zu seinem Erstaunen, überhaupt nicht erwähnt hätte: „Wenn Sie die Dinge nicht zu schwer nehmen, wird Ihnen auch Ihr Leben leichter, nicht wahr?“ Darauf tat ich etwas, was für Philosophen ebenso typisch wie menschlich unentschuldbar ist. Ich desillusionierte ihn. Ich setzte ihm auseinander, dass er sein ganzes Leben auf die Weisheit eines Satzes gestützt habe, dessen Aussagegehalt gegen Null gehe. Er hätte es genauso gut andersherum sagen können, nämlich, dass die Dinge leichter würden, wenn man das Leben nicht zu schwer nehme.

Tags darauf wachte ich mit einem schlechten Gewissen auf: Lebenskunstverderber! Schließlich aber dachte ich: Ach was, ich werde in Zukunft eben die Dinge nicht zu schwer nehmen, dann wird auch mir das Leben leichter – et vice versa. Jawohl, so und andersherum. Und schon war’s beschlossen, zumindest an diesem Morgen des Erwachens zu mehr Menschenfreundlichkeit.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.