Morgengrauen

Wie das Sinnlose Sinn ergibt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.05.2016

Kein Schlaf. Ziellos umtriebig im Bett. Sinnlose Fragen gehen mir im Kopf herum. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wohinein dehnt sich das Universum aus? Was ist der Sinn des Lebens, der Sinn des Sterbens? Was ist der Sinn all der sinnlosen Fragerei?

Plötzlich, wie zum Hohn, der Gemeinspruch: „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Woher kommt dieser Unsinn? Jetzt bin ich hellwach, jetzt will ich’s wissen. Hin zu meinem Notebook, rein ins Netz und ausgegoogelt das Mysterium! Da steht, es handle sich um ein Sprichwort, das besage, dass sich frühes Aufstehen lohne, weil sich am Morgen gut arbeiten lasse und Frühaufsteher mehr erreichten. Aha. Und warum Gold im Mund? Endlich stoße ich auf den lateinischen Ursprung: Aurora habet aurum in ore. Ach, Aurora, die Göttin der Morgenröte ist es, von welcher der Mythos zu berichten weiß, dass sie Gold im Mund und in den Haaren trage …

Das ist ein schönes Bild, und daher eines, das mich beschwingt. Die Frühstücksbrötchen, die ich heute aufbacken werde, mögen golden werden, auf dass sie uns munden, mir und meiner Frau, die gerade nach mir schauen kommt, indem sie sich über meine Bettflucht mokiert: „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Und so ergibt das Sinnlose schließlich doch noch Sinn, wenn auch einen, der – wie mir scheint, falls ich das Zwinkern in den Augen meiner Frau richtig deute – irgendwie auf meine Kosten geht. Macht sich etwa die Göttin der Morgenröte über meine Frühstücksbrötchenpoesie lustig?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).