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Generationenbilder

Wie die Jungen die Alten sehen

von Sarah Fluck / 18.09.2016

Zerstören sie die Zukunft der Jungen, oder sind sie Rebellen, die nach ihrer Pensionierung nochmals durchstarten? Die älteren Zeitgenossen durch die Brille der Jungen.

Ein Beben seltenen Ausmasses zog nach dem Brexit-Votum der Briten durch die sozialen Netzwerke. „Bin soeben zu den EU-Referendum-Resultaten aufgewacht, um zu realisieren, dass die ältere Generation gerade unsere Zukunft zerstört hat“, schrieb da beispielsweise jemand auf Twitter. Waren es doch gerade die Jungen, die für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hatten.

Auch in der Schweiz werden plötzlich Stimmen wie die der Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, 53, laut, die via Facebook vorschlug, die Stimmen der Jungen neu doppelt zu gewichten. Ist das Vertrauen der Jungen in die vorhergehenden Generationen so angeschlagen? Ist das Image der Älteren wirklich so angekratzt?

Wer ist alt?

Wirft man die Frage in die Runde, wie die Jungen die älteren Menschen wahrnähmen, kommt erstmals die Gegenfrage: „Ab wann ist man denn alt?“ Dass „Alter“ ein durchaus relativer Begriff ist, bestätigt auch Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb-Duttweiler-Institut: „Ab wann sich jemand selbst als alt sieht, ist eine Frage der Relation. Die meisten denken, alt sein beginne direkt nach ihrem nächsten runden Geburtstag.“ Oft wird das Alter an äusseren Merkmalen festgemacht: Dies erlebte Kevin Wettstein, frischgebackener Hortleiter, als ihn ein dreijähriger Knirps mit einem „Du bist ja so alt“ begrüsste. Dem Knirps schien sein 20-jähriger Hortleiter „alt“, weil dieser übers Wochenende einen Bart hatte spriessen lassen.

Nicht nur Kleinkinder, auch Junge definieren Alter oft über Äusseres. Wir sehen graue, struppige Haare, Lesebrille, einen gebückten Rücken vor unserem inneren Auge, wenn wir an ältere Menschen denken.

Klarer als die Definition des Altersbegriffs lässt sich hingegen festmachen, wie die Stereotype zustande kommen: „Altersbilder entstehen unter verschiedensten Einwirkungen. Unter anderem durch die Beziehung mit den Grosseltern, dann aber auch durch medial vermittelte Einflüsse“, sagt Samochowiec. Der erste Kontakt, den wir mit älteren Menschen haben, prägt unser Konzept des Altseins am markantesten. Es ist schwierig, aus dem Bann der Erstbegegnung wieder herauszukommen – er hält gefangen.

Typische Altersbilder

Sucht man genauer nach den Altersvorstellungen, die Junge haben, lassen sich die Altersbilder in drei Kategorien unterteilen. Ausgehend von den Daten der 15. Shell-Jugendstudie, hat ein Forschungsteam um Bernhard Schmidt-Hertha, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Tübingen, diese wie folgt zusammengefasst:

  • Der eigensinnige Privatier Die Mehrheit (48%) der befragten 12- bis 25-jährigen Jugendlichen charakterisiert die älteren Menschen eher negativ. Sie seien intolerant, unflexibel und liessen kaum Innovationen und Kreativität zu. Man unterstellt ihnen den Wunsch, nur noch in den eigenen vier Wänden zu sitzen und mit Lanze und Schwert die alten Traditionen und Werte zu bewahren. „Aufgrund der überwiegend negativen Zuschreibungen und des unterstellten Rückzugs aus dem gesellschaftlichen Leben haben wir den von dieser Gruppe Jugendlicher gezeichneten Typus älterer Menschen ‚eigensinnige Privatiers’ genannt“, sagt Schmidt-Hertha.
  • Die familienorientierten Grosseltern Die zweitgrösste Gruppe (35%) assoziiert die Alten mit dem Typus „familienorientierte Grosseltern“. Es sind dies die Wollsocken strickenden Grossmamis mit dem immer mit Schokolade gefüllten Schrank, den aber nur der Grosspapa öffnen darf. „Alter wird in diesem Typus überdurchschnittlich stark mit Pflichtbewusstsein, Fleiss und Ehrgeiz sowie einer sehr ausgeprägten Familienorientierung gleichgesetzt. Auch dieser Typus älterer Menschen zieht sich in der Wahrnehmung der Jungen aus dem gesellschaftlichen Leben zurück“, so Schmidt-Hertha.
  • Der edle Staatsmann Das Altersbild der kleinsten Gruppe (17%) hebt sich von den anderen ab. „Hier verbinden die Jugendlichen mit der älteren Generation vor allem gesellschaftliches und familiäres Engagement, Pflichtbewusstsein, Fleiss und Ehrgeiz, gepaart mit Kreativität und Einfluss“, sagt Schmidt-Hertha. Es sticht hervor, dass Jugendliche aus dieser Gruppe häufig sehr engen Kontakt mit den eigenen Grosseltern pflegen und auch über ein gutes Verhältnis mit den Eltern berichten.

Das Problem mit Vorurteilen gegenüber dem Alter sei, dass sich diese lange halten könnten. „Begegnen wir einer älteren Person, die nicht unserer geläufigen Vorstellung von Alter entspricht, dann verändern wir nicht unser Altersbild, sondern speichern die Person als Ausnahme zur Regel ab“, sagt Samochowiec. Das gängige Klischee wird dadurch gar verstärkt, anstatt dass eine neue Vorstellung geformt wird. Dabei sind viele Altersbilder längst überholt. Die heutigen Opas sträuben sich oft nicht mehr gegen Computer-Dinge, lachen über ähnliche Witze wie die junge Generation, interessieren sich für Pokémon Go und wohnen gerne in Alterswohngemeinschaften – gar im Zürcher Kreis 5.

Neue Wahrnehmungen

Ein Wandel der Klischees könnte kurz vor dem Durchbruch stehen: „Es ist anzunehmen, dass die Generation der Babyboomer, die schon in ihrer Jugend Pionierleistungen übernommen hat, dies nochmals für die Wahrnehmung von älteren Menschen in der Gesellschaft tun wird“, glaubt Samochowiec.

Den Prozess beschleunigen könnte auch der demografische Wandel: Mit der zunehmenden Zahl älterer Menschen steigen auch die Chancen, dass die Jungen mehr mit den älteren Generationen in Kontakt kommen werden. Es sind gerade diese direkten Begegnungen, die helfen, vorhandene Klischees an der Realität zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Diese Erfahrung macht auch Barbara Wipf, 25, Aktivierungsfachfrau und Alltagsgestalterin in einem Zürcher Altersheim. Da ihre Grosseltern früh verstorben sind, hatte sie vor ihrem ersten Arbeitstag im Heim kaum Kontakt zu älteren Menschen. Bereits in den ersten Tagen lernt sie, dass alt nicht gleich alt ist. „Die Heimbewohner erlebe ich als extrem unterschiedlich. Manche sind zufrieden, andere depressiv oder wütend, wieder andere sind dement oder schwer krank. Man trifft alles Mögliche“, sagt Wipf.

Im Zentrum ihrer Vorstellung des Altseins steht heute nicht mehr das Stereotypische, sondern die Person. Wipf hat gar die Erfahrung gemacht, dass sie sich manchmal selbst alt fühlt neben den Bewohnern: „Dann beispielsweise, wenn ich im Altersturnen eine Übung nicht so gut zustande bringe wie meine 85-jährigen Patienten.“

Alles beim Alten

Die Forderung nach dem doppelten Stimmrecht für die Jungen scheint vorerst in den Hintergrund gerückt zu sein. Hortleiter Wettstein hält das für richtig. Und findet klare Worte: „Der Herrschaftsanspruch der jüngeren Generation ist nicht in Ordnung. Wenn nämlich alle Jungen abstimmen gingen, dann hätten wir das Problem der Untervertretung der jüngeren Generationen gar nicht.“ Wer im September andere Generationen zu einer bestimmten Stimmabgabe motivieren möchte, täte am besten daran, viel Zeit mit diesen zu verbringen.

Der Drang, meine Oma anzurufen, wird während des Verfassens dieses Textes immer grösser. Und auch wenn da eine neue Generation von Grosseltern in den Startlöchern stecken mag: Ich verspüre den Wunsch, dass sie wie bisher von neuen Tootebeinli-Rezepten erzählen und über das Wetter lästern werden – dass einfach alles beim Alten bleibt, für noch sehr lange Zeit.