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Psychosomatik

Wie Einsamkeit krankmacht

von Alan Niederer / 04.12.2015

Wer sich sozial isoliert fühlt, hat ein erhöhtes Risiko, krank zu werden und vorzeitig zu sterben. Über welche Mechanismen die Einsamkeit ihre Wirkung entfaltet, haben Wissenschaftler erforscht.

Wer sich sozial isoliert fühlt, hat ein erhöhtes Risiko, krank zu werden und vorzeitig zu sterben. Das weiß man schon länger. So ist etwa bekannt, dass einsame Menschen vergleichsweise häufig unter Schlafstörungen, Bluthochdruck oder Depressionen leiden. Über welche Mechanismen das Gefühl der Einsamkeit seine schädliche Wirkung entfaltet, dazu haben amerikanische Forscher interessante Erkenntnisse publiziert.¹

Man weiß seit längerem, dass Personen, die unter ihrer Isolation leiden, in einem permanenten Stresszustand sind. Damit einher geht eine Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Und es werden vermehrt Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin gebildet. John Cacioppo von der University of Chicago und seine Kollegen haben bereits in früheren Arbeiten eine Verbindung zwischen dem Gefühl der Einsamkeit und einem biologischen Phänomen nachgewiesen, das sie CTRA nennen (Conserved Transcriptional Response of Adversity). Dieses Phänomen, das sich nicht nur beim Menschen, sondern auch bei sozial lebenden Tieren wie den Rhesusaffen nachweisen ließ, zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: In den Körperzellen ist die Aktivität von Genen, die bei Entzündungsprozessen involviert sind, erhöht und die Aktivität von Erbanlagen, die zur Abwehr von Viren dienen, erniedrigt. Beide Veränderungen führen letztlich zu einem geschwächten Immunsystem und einem Zuviel an Entzündung im Körper.

Dass sich das CTRA-Phänomen auch in den weißen Blutzellen von einsamen Personen nachweisen lässt, haben Cacioppo und seine Kollegen in ihrer neusten Studie zeigen können. Für die Arbeit bestimmten sie bei 141 älteren und stark einsamen Personen in regelmäßigen Abständen und über Jahre hinweg in den weißen Blutzellen die Aktivität der Gene. Dabei zeigte sich, dass die empfundene Einsamkeit und die Stärke des CTRA-Phänomens sich gegenseitig beeinflussten. Zudem waren die biologischen Veränderungen laut den Forschern spezifisch für das Gefühl der Einsamkeit. Das heißt, die Ergebnisse ließen sich nicht durch Stress oder eine Depression alleine erklären.

In weiteren Untersuchungen konnten die Forscher bei den einsamen Probanden und den sozial isolierten Rhesusaffen zeigen, wie sich der – stressbedingte – Adrenalinanstieg auf die Blutbildung im Knochenmark auswirkt. Demnach finden sich in dieser Situation besonders viele unreife weiße Blutzellen (Monozyten) mit CTRA-Phänomen im Blut. Das führte bei den Rhesusaffen dazu, dass sich nach einer Infektion mit Affen-HIV die Viren schneller vermehrten als bei Kontrolltieren. Damit haben die Forscher ein Krankheitsmodell vorgelegt, das erklären könnte, wie das Gefühl von Einsamkeit – über eine erhöhte Stressreaktion und die Produktion unreifer Blutzellen – die Abwehrfähigkeit gegen krankmachende Einflüsse reduziert.

¹ PNAS, Online-Publikation vom 23. November 2015