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Donald Trump

Donald Trump – Wie er wurde, was er ist

von Martin Helg / 06.08.2016

Wie verdiente er seine ersten Millionen? Woher kommt seine Verachtung für Verlierer? Wie prägten ihn die Frauen in seinem Leben? Und warum hat er einen so grässlichen Geschmack?

Ein Trump ist kein Leisetreter. Schon der Name macht es deutlich: Er geht vermutlich auf das mittelhochdeutsche „Trumpe“ zurück und bedeutet „Trommel“, „Trompete“. Genealogen lokalisieren den Ursprung des Geschlechts im Badischen und im Rheinland. Noch Donald Trumps Grossvater Friedrich lebte in der deutschen Provinz, im Winzerdorf Kallstadt. Bis es ihm 1885 dort zu eng wurde: 16-jährig, mit einem Coiffeur-Diplom im Sack, bestieg er ein Schiff nach New York. Den Grundstein zum Aufstieg Donald Trumps, der sich dereinst als Feind der Einwanderer profilieren sollte, legte ein Einwanderer.

Grossvater Friedrich folgte den Glücks- und Goldsuchern nach Seattle und weiter gegen Nordwesten bis Yukon. Sein Geschäft gründete er aber nicht auf das Edelmetall, sondern auf die Männer, die hinter diesem her waren: In seinen Gaststätten entlang den Schürf-Routen gab es zu essen, zu trinken und Frauen zum Entspannen (man nannte sie „sporting ladies“). Ähnlich wie später sein Enkel reizte Friedrich mit seinen Geschäftspraktiken Grenzen aus. Er bestand auf Schürfrechten, die er nicht besass, baute auf Land, das andern gehörte. Als er sein letztes Lokal verkaufte, kam er damit weniger dem Verebben des Goldrauschs zuvor als dem Zugriff der Moralhüter.

Donalds Vater Fred (1905–1999) erbte Friedrichs Ehrgeiz, tendierte aber zur Rappenspalterei. Auf Baustellen bückte er sich nach heruntergefallenen Nägeln, um sie wiederzuverwenden. Sein Vermögen machte er mit subventionierten Mietwohnungen und Häuschen für Arbeiter, die in die Mittelklasse strebten; dass sie aus billigem rotem Backstein waren, der weniger kostete als der braune, machte er mit schicken weissen Jalousien wett. Auch die eigene Herkunft übertünchte Fred: Als der Krieg die deutsche Abstammung suspekt machte, mutierte Vater Friedrich zum Schweden – ein Märchen, das auch Donald lange weiterverbreitete, bis er es irgendwann aufgab.

Fred Trumps Sinn für Gewinnmargen war so robust wie später Donalds. Er vermietete Baugeräte überteuert an sich selber und stellte sie der öffentlichen Hand in Rechnung. Sein Firmennetzwerk spann er so fein, dass nicht mehr zu erkennen war, was er mit dem Subventionsgeld anstellte. Umgekehrt verschenkte er Geld – als Folge davon musste er vor einem Untersuchungsausschuss zur Bekämpfung der politischen Korruption aussagen. Indem sie versuchten, Schwarze von ihren Wohnungen fernzuhalten, handelten sich Vater und Sohn zudem eine Bürgerrechtsklage ein. Donald klagte darauf gegen die Kläger: Man wolle ihn zwingen, Wohnungen an „Sozialhilfeempfänger“ zu vergeben. Das Verfahren endete mit einem Vergleich – es war nicht das letzte Mal, dass sich Donald Trump per Gegenangriff aus der Defensive befreite.

Im Übrigen war der Vater ein Mann von Prinzipien. Abgesehen von der Villa in Queens und dem Cadillac protzte er kaum, sein Büro glich einer Baracke, den Kindern verbot er Zwischenmahlzeiten. Nie war er so verwegen, seine Stammgebiete in Queens und Brooklyn zu verlassen und den Fuss in die heisse Spekulantenzone Manhattan zu setzen. Diese Erweiterung der Jagdgründe vollzog ein anderer mit seinem Unternehmen, sein viertes Kind: Donald.

Donald Trump sagt, sein Vater sei der wichtigste Mensch in seinem Leben gewesen. An ihm nahm er Mass, ihn wollte er übertreffen. In seinem autobiografischen Bestseller „The Art of the Deal“ (1987) schreibt er: „Ich wollte etwas Grösseres, Glamouröseres, Aufregenderes. Wenn ich jemals als jemand anderer bekannt werden wollte als als Fred Trumps Sohn, musste ich meine eigenen Marken setzen.“ Es gelang. Genauso gerissen wie Fred, war Donald verwegener und theatralischer als dieser. Der Vater bewunderte ihn dafür, war aber nicht frei von Neid: Für gemeinsame Fotos stellte der Ältere sich auf die Zehen, um grösser zu erscheinen. Doch es war Donald, der dafür sorgte, dass der Name Trump schliesslich auf Türmen, Kasinos und Flugzeugen prangte, sich in den Köpfen festsetzte und rund um den Globus Reflexe auslöste, als Donald im Juni 2015 verkündete: Ich will US-Präsident werden.

In der Militärakademie galt das Motto: ‚Gewinnen ist nicht alles, es ist das Einzige.‘ Der Drillmeister hatte den Hang, schwächeren Zöglingen an die Gurgel zu gehen.

Er? Präsident?! Donald Trump gilt als Paris Hilton der Geschäftswelt, berühmt fürs Berühmtsein. Man glaubt zu wissen, was man an ihm hat: einen rücksichtslosen Erfolgsmenschen und unbeirrbaren Selbstdarsteller. Einen Prediger schlichter Rezepte, einen Clown und Entertainer. Einen Tunichtgut, der an Kindergeburtstagen Kuchenstücke durch die Luft schleuderte und seinem Musiklehrer ein blaues Auge schlug. Einen Fiesling, der sich vom kleinen Bruder Bauklötze auslieh, um sie mit Leim auf die eigenen zu kleben. Vor allem aber hat man an Trump einen Kämpfer, der um jeden Preis gewinnen will. Als er 13 war, deckte er sich heimlich in Manhattan mit Schnappmessern ein. Vater Fred steckte ihn daraufhin in eine Militärakademie, wo er den Siegeswillen entwickelte, auf den er sich bis heute so gern beruft.

Geboren wurde Donald Trump am 14. Juni 1946 im New Yorker Stadtteil Queens. Die Mutter, Mary Anne, war Schottin und so geizig, dass sie die Münzen aus Waschmaschinen der trumpschen Mietkasernen persönlich einsammelte. Im ausgeprägt patriarchalen Familiensetting spielte sie eine untergeordnete Rolle. „Sie kochte, putzte, stopfte Socken und machte Freiwilligenarbeit im Spital“, erinnert sich der Sohn.

Drei Geschwister standen hierarchisch über Donald: Die Schwestern Maryanne und Elizabeth wurden tüchtige Berufsfrauen, der ältere Bruder Freddy dagegen hielt dem Druck der Erwartungen nicht stand. Er war ein weichherziger Beau und guter Freund. Bei Geschäftsverhandlungen kämpfte er ohne Deckung. Donald liebte Freddy, verachtete ihn aber dafür, dass er unter der Kritik des Vaters körperlich einknickte; dass er das Geschäft schliesslich verliess und Linienpilot wurde, machte ihn in den Augen Freds, der sich seine Kinder als „Killer“ wünschte, zum Versager.

Freddy begann zu trinken und starb mit 43. Ein negatives Vorbild für Donald, der bis heute keinen Alkohol anrührt (was ihn aber nicht davon abhielt, eine eigene Wodkamarke zu lancieren). Der familiäre Umgang mit Freddys Tod wirft ein hartes Licht auf das Wertesystem des Clans. Vier Jahre danach bemerkte Vater Fred bei einer Preisverleihung, alle seine Kinder seien „erfolgreich“ – als habe es Freddy nie gegeben. Als der Vater starb, sahen sich Freddys Kinder enterbt durch ein Testament, an dem Donald mitgewirkt hatte. Sie prozessierten: Die Trump-Geschwister hätten den zuletzt dementen Patriarchen unter Druck gesetzt. Daraufhin stoppte Donald seine Zahlungen an die Behandlung von Freddys behindertem Enkel. Später sagte er, die Affäre sei gütlich beigelegt worden.

Doch zurück ins Jahr 1959 – Militärakademie. Donald, 13-jährig und verhaltensauffällig, trifft hier auf ein Milieu, dessen Gesetz lautet: „Gewinnen ist nicht alles, es ist das Einzige.“ Die Erzieher „prügelten dir die Knochen aus dem Leib“, erinnert er sich. Auf seine Internatszeit blickt er zurück wie auf einen gewonnenen Krieg. Er preist seinen Drillmeister Theodore Dobias, einen Weltkriegsveteranen mit einem Hang, „Schwachen an die Gurgel“ zu gehen.

Donald beginnt, das Leben als Kampf aller gegen alle zu begreifen. Er steht damit in der 400-jährigen Denktradition von Thomas Hobbes; mit dem Unterschied, dass der Philosoph die gesetzliche Organisation von Gesellschaften als Möglichkeit anerkannte, das Chaos der Konflikte zu mildern. Trump dagegen sieht in seiner Welt keine moralische Übereinkunft. Schon 1981 redet er von einer „Reihe von Schlachten, die mit Siegen oder Niederlagen enden“. Heute, als Präsidentschaftsaspirant, weiss er dasselbe Prinzip in einem Weltgeschehen am Werk, in dem es andere – Mexikaner, Chinesen, Muslime – darauf angelegen, dem gebeutelten Amerika („Crippeld America“ heisst es im Titel seines neusten Buches) auf der Nase herumzutanzen. Sein geostrategischer Problemlösungsansatz ist denn auch nicht die Verhandlungskunst, sondern: zurückschlagen, die Oberhand gewinnen, Amerika „wieder gross“ machen.

Die Militärakademie hat vielleicht stärker in Trumps Persönlichkeitsstruktur nachgewirkt als jede andere Entwicklungserfahrung. Die Verachtung für Verlierer bleibt ein Generalthema seines Lebens; sie zeigt sich in der Bemerkung, John McCain sei kein Kriegsheld, weil er in Vietnam in Gefangenschaft geriet; sie zeigte sich schon 1964 bei seiner Beobachtung des Schweizer Brückenbauers Othmar Ammann, der bei der Eröffnungsfeier für „seine“ Verrazano-Narrows-Brücke unbeachtet abseits stand. Trump sah nicht, dass Ammann bei den Ehrungen übergangen wurde, sondern dass er ein „Trottel“ war.

Viele Autoren haben sich mit Trumps Charakter beschäftigt. Besonders als Objekt der Narzissmus-Forschung empfiehlt er sich. Gegenüber seinem Schreibtisch im Trump-Tower hängt ein riesiger Spiegel, täglich lässt er sich einen Stapel mit Zeitungsartikeln über sich selbst auf den Tisch legen. „Er ruft beim Sex seinen eigenen Namen“, ätzte Ex-Talkshow-Moderator David Letterman. Schwerwiegender als der Umstand, dass der Mann mit dem goldenen Haar ziemlich mit sich im Reinen scheint, dürfte aber sein wutgeleitetes Temperament sein. Im Essay „The mind of Donald Trump“ („The Atlantic“) vergleicht ihn der Psychologe Dan P. McAdams mit Andrew Jackson, US-Präsident von 1829 bis 1837. Jackson focht in seinem Leben 14 Duelle aus, Kugelsplitter verteilten sich über seinen ganzen Körper. In alten Tagen nach Dingen gefragt, die er bereue, nannte er Männer, die er hätte hängen oder erschiessen sollen.

Trump sagt, er bereue, nie mit seiner Bekannten Lady Di etwas gehabt zu haben. Mit Jackson, schreibt McAdams, teile er ausser der Aggressionsbereitschaft einen „autoritären“ Charakter. Das bedeutet: Vorurteile gegen Minderheiten, Aversion gegen Geisteswissenschaften, militaristische Grundhaltung. Trumps skurrile Käfer- und Virenphobie – er gibt Menschen ungern die Hand, ohne diese sofort danach zu desinfizieren – fügt sich in die Diagnose ein. „Autoritäre“ Charaktere tendieren zu Ekelgefühlen gegenüber allem Fremden und Unreinen. Besonders Körperflüssigkeiten von Frauen scheinen Trump abzustossen. Die Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly beschimpfte er als „Bim-bo, bei der das Blut überall herausfliesst“. Eine Toilettenpause Hillary Clintons kommentierte er: „Ekelhaft!“

Mitzöglinge erinnern sich, Donald sei an der Militärakademie beliebt gewesen, habe aber keine engeren Freunde gehabt. Seine schulischen Leistungen bleiben unauffällig. Dafür ist er sportlich, wie er sagt, bald „definitiv der beste Baseballspieler in ganz New York“; Profi habe er nur deshalb nicht werden wollen, weil man damit „kein richtiges Geld verdienen“ könne. Auch bei den Mädchen beginnt er in dieser Zeit zu punkten. Im Jahrbuch küren ihn die Mitschüler zum „Frauenhelden“ seiner Klasse; sein Beiname lautet: Schrapnell.

Nach der Schule flirtet Donald mit der Idee eines Filmstudiums, geht dann aber an die Fordham University in der Bronx; für eine Elite-Uni reichen die Noten nicht. Zwei Jahre später schafft er es doch: an die Wharton School der Universität Pennsylvania. Leidenschaft kommt dabei nicht auf bei Trump, süffisant schreibt er, die Uni habe ihn gelehrt, sich von akademischen Titeln nicht beeindrucken zu lassen. Die Polemik gegen Intellektuelle bleibt ihm eine lebenslange Lust, er fühlt sich ihnen doppelt überlegen: als Praktiker und als Wunder der Klugheit. Seine Behauptung, einen der besten Abschlüsse seines Jahrgangs gemacht zu haben, lässt sich mangels Ranglisten nicht überprüfen.

Ihren pompösesten Ausdruck fand Trumps Intelligenzhuberei 2006 in der Gründung der Trump University. Dieses Marketing-Tool, geboren aus Profitgier und leerer Bildungssymbolik, wurde 2011 geschlossen, macht aber weiterhin Schlagzeilen durch zwei Gerichtsklagen, die das lausige Niveau der Kurse und die irreführende Werbung betreffen. Die University versprach, Studenten gegen ein paar zehntausend Dollars zu gerissenen Immobiliendeals zu befähigen. Zu lernen gab es wenig. Die Kurse seien nichts wert gewesen, klagen Schüler. Zudem war Trumps Behauptung in Promo-Videos, alle Dozenten seien von ihm persönlich rekrutiert worden, eine Lüge. Die Lehrer waren auch nicht, wie sie sagten, mit ihm bekannt. Trump war nur als Kartonfigur in Seminarräumen präsent.

Die Trump University war ein Trainingsprogramm ohne Anspruch, Bildung im Sinne von Empathiefähigkeit und Differenzierungsvermögen zu vermitteln. Trump steht diesen Werten tief skeptisch gegenüber. Zudem liest er – wie er dem Journalisten Michael D’Antonio, dem Autor einer gerade auf Deutsch erschienenen Trump-Biografie, erzählte – keine Bücher, interessiert sich weder für Kunst noch für fremde Sprachen und Kulturen. Sein einziger Massstab ist der Erfolg, der sich nach Dollars bemisst. Diese Eindimensionalität hat ihm die Verachtung der New Yorker Intelligenzia eingetragen, aber auch die Bewunderung jener Bevölkerungsteile, die Bildung mit Bildungsdünkel gleichsetzen.

Aber studieren musste er doch. Ausser einem Universitätsdiplom verschafft ihm die Wharton School auch einen Dispens vom Militärdienst. Ein wichtiger Nebeneffekt: Donald will nicht nach Vietnam. Später erklärt ihn eine Musterungsbehörde wegen eines Fersensporns für untauglich. Doch nicht nur dem Militär, auch den Anti-Kriegs-Demos, in denen sich Hillary Clinton profiliert, bleibt Donald fern. Es ist 1968, Sternstunde der Gegenkultur, doch Trump, Nichtraucher, Nichttrinker, Partymuffel, hat anderes im Kopf. Immobilien nämlich; und die Geltung, die von ihnen ausgeht.

Als Kind verbrachte er die Freizeit auf Baustellen, nach der Uni steigt er ins Geschäft ein. Allerdings kommt ihm das soziale Klima der Stadtteile, in denen Fred verankert ist, rau vor. In Brooklyn gibt es Mieter, die den Abfall aus dem Fenster werfen. Beim Geldeintreiben schadet es nicht, dass Donald 1,88 Meter gross und kräftig ist. Das A und O: sich beim Anklopfen immer neben die Haustüre stellen. So, erklärt ihm der Vater, träfen aus Wohnungen abgefeuerte Gewehrkugeln nur die Klopfhand. Noch erschreckender als das Risiko, erschossen zu werden, findet Donald die schmalen Gewinnmargen im subventionierten Wohnungsbau. Um günstig einkaufen zu können, suchen die Trumps Siedlungen, die gerade amtlich gepfändet werden. In Cincinnati kaufen sie 1200 Wohnungen, vertreiben die alten Mieter mit Preiserhöhungen und verkaufen für das Doppelte.

Und doch fehlt ihm am Ende der Spass. Jeden Penny dreht der Vater um, bauliche Visionen sind kein Thema. Es liegt nahe, in diesem Austeritäts-Klima den Ursprung von Donalds Prunksucht zu vermuten, von Marmor, Versailles-Stuck und goldenen Wasserhähnen. Was man ihm heute als architektonische Fehlleistung und ästhetisches Unvermögen ankreidet, ist, positiv betrachtet, Ausdruck einer Emanzipationsbewegung. Dass er für die Fassade seines Trump-Tower das teuerste Glas überhaupt – Solarbronze – wählt, stellt er selbst als Reaktion auf die Diktatur der Sachzwänge seiner Jugend dar. Fassungslos sei der Vater vor dem 68 Stockwerke hohen Monumentalbau gestanden und habe vorgeschlagen, das Glas beim vierten oder fünften Stockwerk enden zu lassen, um „ein paar Dollars“ zu sparen, schreibt er in „The Art of the Deal“. „Ich war gerührt, ich wusste, wo er herkam. Aber auch, warum ich beschlossen hatte, da rauszukommen.“

Da raus aber heisst: rein nach Manhattan. 1971, mit 25 Jahren, mietet Trump ein Studio an der Third Avenue. Er nennt es „Apartment“ und versucht, es so einzurichten, dass es möglichst gross wirkt – letztlich ist es aber eine schäbige kleine Wohnung mit Blick auf einen Wassertank. Doch eben in der Kluft zum Ideal liegt die Perspektive, die Donalds Aufstiegswillen befeuert: Der Einzug ins Apartment sei aufregender gewesen als später jener in die drei obersten Etagen des Trump-Tower an der Fifth Avenue mit Blick auf den Central Park, schreibt er. Im gleichen Jahr 1971 gibt Fred das Kommando seines Familienunternehmens „Elizabeth Trump & Son“ an Donald weiter, der dieses schon bald und – wie er selbst zugibt – reichlich hochstaplerisch in „Trump Organization“ umtauft. Jeden Abend geht nun der junge Immobilienjäger in Manhattan auf die Pirsch und beäugt die Hochhäuser. Zur Arbeit pendelt er im Cadillac-Cabrio nach Brooklyn. Vater Fred hat ihm neben einem starken Ego ein Startkässeli von (laut Trump) einer Million Dollar übergeben – viel lässt sich im Big Apple damit schon damals nicht stemmen. Trump ist gezwungen, sein wertvollstes Werkzeug zu benutzen: die Fähigkeit, andere für sich einzunehmen, sie zu charmieren und zu manipulieren.

Kaum in Manhattan, wählt er die Nummer von „Le Club“: dem Klub, in dem er „einige der erfolgreichsten Männer und schönsten Frauen der Welt“ weiss. Dann wählt er die Nummer wieder. Und nochmals. Bis ihn der Präsident auf einen Drink einlädt. Für Donalds Aufnahme stellt er eine Bedingung: Er soll die Finger von den Gattinnen älterer Mitglieder lassen.

Im Klub trifft Trump viele der reichen Leute, denen er später die teuersten Apartments in seinen Türmen verkauft. Und er trifft Roy Cohn, den Mafia-Anwalt und Ex-Berater des Kommunistenhetzers Joe McCarthy – „kein Pfadfinder“, wie Donald schreibt. Die beiden finden sich schnell. Fast immer, wenn Trump in seiner Karriere wichtige Weichen stellt, hat Cohn seine Finger im Spiel. Er entwirft die Verteidigung gegen die Rassendiskriminierungsklage, bahnt die Steuerbefreiung an, die zum Grundstein von Trumps Machtbasis in Manhattan wird, und setzt den durch seine Kaltherzigkeit legendär gewordenen Ehevertrag mit Ehefrau Nummer eins, Ivanka, auf.

Donald brilliert darin, sich einflussreiche Menschen gewogen zu machen. Doch ein geschäftlicher Coup gelingt ihm vorerst nicht. Dazu verhilft ihm erst die abkühlende Konjunktur. New York gerät in den siebziger Jahren in eine Schuldenkrise und streicht Bausubventionen; die Zinsen steigen, Industriearbeitsplätze gehen verloren, die Menschen ziehen in die Vorstädte und lassen Manhattan verkommen. Sie glauben nicht mehr an diese Stadt. Trump schreibt: „Ich kann nicht sagen, ich hätte deswegen nachts wach gelegen. Ich sah die Probleme der Stadt als Chance für mich.“

Man schreibt das Jahr 1973, als plötzlich Boden zum Verkauf steht. Unwahrscheinlich viel Boden sogar: 120 Acres am Ostufer des Hudson, ein Siebtel der Fläche des Central Park, darauf nichts als Gütergeleise, Schuppen, verlassene Betriebsgebäude. Die bankrotte Bahngesellschaft Penn Central Railroad ist dabei, ihr Tafelsilber zu verscherbeln. Als Donald in der „New York Times“ davon liest, schickt er einen Brief an die Firma, die den Verkauf abwickelt. Der Brief des 27-jährigen Nobodys sei dann sechs Monate lang liegengeblieben, schreibt die Trump-Biografin Gwenda Blair. Trump behauptet in „The Art of the Deal“, er habe die Firma angerufen: „Hallo, mein Name ist Donald Trump, ich würde gerne das Gelände an der Sixtieth Street kaufen.“ Dann habe er sich mit Firmenchef Victor Palmieri getroffen und habe sich auf Anhieb prächtig mit ihm verstanden.

Verbürgt ist, dass ihn irgendwann ein Mitarbeiter Palmieris zurückruft – und sofort in seinen Bann gerät: „Donald kroch förmlich durchs Telefon. Schon seine ersten Worte waren die eines Verkäufers, er pries seine Projekte an und versprach mir, ein Auto vorbeizuschicken für eine Besichtigungstour“, zitiert ihn Gwenda Blair. Der Mitarbeiter willigt in ein Treffen ein und ist beeindruckt von Donalds Wohnungsplänen für die Penn-Central-Parzellen. Als er nach Beweisen für Trumps Beziehungsnetz verlangt, schlägt dieser ein Treffen mit Bürgermeister Abe Beame für den nächsten Tag vor – ohne zu wissen, wie gut sein Vater Beame kennt.

Beim ersten grossen Deal gewinnt Trump Partner, indem er ihnen etwas vorgaukelt. Das riskante Spiel ‚in einer Katastrophe enden‘ können, wie er zugibt.

Tatsächlich gehört Beame neben einigen Politikern der Demokratischen Partei in Brooklyn zu den Entscheidungsträgern, die sich der menschenscheue alte Trump mit offenem Portemonnaie zweckfreundschaftlich warmhält. Die Machtdemonstration gelingt: Als der Palmieri-Mitarbeiter sich im Rathaus anmeldet, warten Beame und die Trumps schon auf ihn. Donald bekommt – nach langen Verhandlungen – das Vorkaufsrecht auf die Penn-Central-Parzellen, obwohl andere mehr Geld bieten.

Sein zweites Grossprojekt verdankt er dem Netzwerk aus dem ersten. Die Penn Central will ihm für eine Reservationsgebühr von 250 000 Dollar ein weiteres Vorkaufsrecht überlassen, diesmal auf das Hotel Commodore bei der Grand Central Station: 1900 Zimmer und ein Festsaal, in dem einst ein Zirkus samt Elefanten auftrat. Das ist vorbei. Das Hotel ist unrentabel, beherbergt Flohmärkte im Foyer, rundherum explodiert die Kriminalitätsrate. Vater Fred ist entsetzt: Eine Option auf das Commodore sei der Versuch, ein Ticket für die „Titanic“ zu kaufen, findet er.

250 000 Dollar sind damals viel Geld für Donald. Er weist seine Anwälte an, den Vertragsabschluss hinauszuzögern. Unterdessen pokert er an drei Fronten: gegenüber der Hyatt-Kette, die er als Betreiberin des Hotels gewinnen will. Gegenüber der Bank, die es finanzieren soll. Und gegenüber der Stadt, von der er einen Steuererlass fordert. Jede Partei macht die Zusage der anderen zur Bedingung. Trump blufft, der Presse lügt er vollendete Tatsachen vor. Noch bevor etwas geklärt ist, engagiert er einen Architekten mit Hang zu barocken Dimensionen, türmt Anwaltskosten und Vertragsgebühren auf – ein hochriskantes Game, von dem er selber sagt: „Es hätte in einer Katastrophe enden können.“

Im Kampf um den Steuernachlass spielt er sich als Retter auf. Er werde Menschen auf dem Bau beschäftigen, Arbeitsstellen schaffen, die ganze Gegend wieder auf die Füsse bringen. Als man eine Kopie der Vereinbarung mit Penn Central einfordert, schickt Trump ein Dokument ohne Unterschrift – und kommt damit durch. Er erhält den beispiellosen Steuererlass für 40 Jahre, New York verliert 160 Steuermillionen. Das neue Hyatt wird gebaut und ist für die beiden Anteilseigner Trump und Hyatt ein grosser Erfolg. Es ist vom Mittelklasse- zum Luxushotel gewachsen, mit einen Atrium, so gross, dass für eine Hotelauffahrt kein Platz bleibt. Als Folge davon staut sich der Verkehr in der ganzen Strasse.

Trump gilt nun als versierter Jongleur, Mischler und Promoter. Aber er will nicht anderen zu Häusern verhelfen, er will alle Bauklötzchen für sich selber haben. Das gelingt ihm mit dem 202 Meter hohen bronzeschimmernden, von Superreichen bewohnten Trump-Tower an der Fifth Avenue. Der rosa glänzende Breccia-Pernice-Marmor deutet im Atrium an, welche Exzellenz man höher oben vermuten darf: Michael Jackson, Steven Spielberg, Johnny Carson. Dass auch Prinz Charles eine Kaufabsicht hatte, ist eine strategische Falschmeldung. Trump konnte sie verbreiten, weil er wusste, dass das britische Königshaus keine Gerüchte kommentiert.

Der Trump-Tower wird das Schaltzentrum von Trumps Imperium, Geburtsort seiner Präsidentschafts-kandidatur, Sinnbild seiner unbegrenzten Möglichkeiten. Um hier landen zu können, schaut Donald erneut nach einem angeschlagenen Unternehmen aus – und findet das Warenhaus Bonvit Teller. Neben dem Warenhaus steht das Schmuckgeschäft Tiffany. Berühmt durch Kunden wie Marilyn Monroe oder Truman Capote, gehört es seit dem Film „Breakfast at Tiffany’s“ zu den Fixsternen der Pop-Kultur. Trump spinnt den Mythos des Unternehmens weiter. Er kreiert den Begriff „Tiffany Location“ und behauptet, das sei der in der Baubranche geläufige Ausdruck für den besten Standort einer Metropole.

Er macht dem Bonvit-Teller-Eigner Kaufavancen – und beisst auf Granit. Doch der Mann, der gebetsmühlenartig betont, dass ein „Nein“ für ihn kein „Nein“ sei, lässt sich nicht beirren. Wie ein Stalker wiederholt er sein Angebot. Irgendwann übernimmt ein Sachwalter die Geschäfte des Kaufhauses, und siehe da: Die unerbetenen Briefe Donalds öffnen Donald die Tür. Noch bevor andere von irgendetwas Wind bekommt, unterschreibt er eine Option auf den Pachtvertrag.

Die Toplage hat er nun im Sack. Doch das Kaufhaus ist nur wenige Stockwerke hoch. Höher darf Trump nicht hinaus, das verbietet ein Nutzungsplan. Dieser sieht aber auch vor, dass unverbauter Luftraum gehandelt werden kann. Tiffany nebenan besitzt solchen – und verkauft ihn tatsächlich an Donald. Warum?

Biograf D’Antonio geht von einer Drohtaktik aus: Trump präsentiert am Verhandlungstisch Phantasie-Pläne eines extra hässlichen Gebäudes, nur um anzudeuten, dass er das Quartier auch verschandeln könnte. Dann schiebt er so lange elegantere Varianten nach, bis die Gegenseite erleichtert zustimmt. Ähnlich geht er später beim Kauf des 118-Zimmer-Herrenhauses Mar-A-Lago in Palm Beach, Florida, ans Werk. Als die Besitzer auf sein 28-Millionen-Angebot nicht eingehen, kauft er die Nachbarparzelle und redet laut davon, den Meeresblick aus der Villa mit einem Riegel zu blockieren. Das Anwesen ist nun praktisch nicht mehr zu vermitteln, Trump bekommt es für 5 Millionen.

Den Trump-Tower baut der Architekt Der Scutt schliesslich in einem Zickzackmuster, das die Aussicht aus den Wohnungen nach zwei Seiten öffnet. Die verschwenderische Raumaufteilung kompensiert Trump durch ein Kostenregime auf der Baustelle. Den Abriss besorgen vorwiegend Papierlose aus Polen, die unter Tarif arbeiten und manchmal mit Wodka entlohnt werden. Sie höhlen das Gebäude von innen her aus – und kommen dann zum Nickel-Gitterwerk und den zwei Jugendstil-Friesen an der Fassade.

Diese Friese! Trump wird sie nie mehr loswerden. Er hat versprochen, sie dem Metropolitan-Museum zu überlassen. Der Moment, als die Polen-Brigade das Kunstwerk zerstückelt, gehört zu den Standardepisoden jeder nicht hagiografischen Trump-Biografie; der Sturz der Trümmer in die Mulde fasst den Kunst-Unverstand des Moguls, seinen Zynismus und seine Rücksichtslosigkeit in ein zeitloses Bild. Zudem ist es der Anlass für den ersten Auftritt „John Barons“, einer Telefonstimme, die sich als Vizepräsident der Trump Organization vorstellt und Reportern erklärt, wie wertlos diese Friese seien. Ihr Erhalt hätte 32 000 Dollar gekostet plus eine halbe Million für den Verzug der Bauarbeit.

Der Mann am Telefon ist Trump selbst, John Baron sein Alter Ego. Wie so vieles hat Trump auch diese Schrulle seinem Vater abgeschaut, der unter dem Decknamen „Mr. Green“ Konkurrenten anrief, um sie zu verunsichern und auszuhorchen. „Baron“ ist die Steigerung von „Mr. Green“. Er ist nicht nur der Maulwurf seines Erfinders, sondern auch sein Cheerleader und Markenpfleger – eine Selbstextension, die es ihm ermöglicht, „Dinge zu sagen, die er über sich gesagt haben wollte, von jemandem, der nicht er selbst war“ (D’Antonio).

Über John Baron manipuliert Trump die Medien. Sie zitieren ihn, als wäre er real. Baron kommentiert Gerüchte und droht mit Klagen. In delikaten Situationen vertritt ihn „John Miller“. Diesem obliegt es, heisse Luft in Trumps Reputation als Playboy zu pumpen, er sagt: „Wichtige schöne Frauen rufen ihn die ganze Zeit an.“ Offenbar ist es auch Miller, der verbreitet, Carla Bruni und Madonna seien an Trump interessiert. Miller verstummt, als Trump Marla Maples heiratet. Was „Baron“ betrifft, muss Trump seine Maske vor Gericht fallen lassen. Ein Anwalt hat Geld eingeklagt, das Trump der Polen-Brigade auf der Baustelle vorenthalten habe, und ist dafür von „Baron“ mit einer 100-Millionen-Gegenklage bedroht worden. Trump zeigt keine Reue: „Viel Leute benützten Künstlernamen. Auch Hemingway.“

Zwei Jahre nachdem die Kaufhaus-Friese mit „Barons“ Segen verstaubt sind, steht der Trump-Tower; 2,5 Millionen Menschen besuchen ihn jedes Jahr. Trump wird in den achtziger Jahren noch viele weitere Türme bauen, kaufen und verkaufen. Einiges scheitert: Die Mieter eines subventionierten Wohnhauses beim Central Park, aus dem er ein High-End-Objekt machen will, wehren sich erfolgreich dagegen. Sein Plan für den höchsten Wolkenkratzer der Welt bleibt ein Plan. Auch besitzt er nicht alles, was er zu besitzen vorgibt, oft ist er nur Anteilseigner oder hat seinen Anteil schon wieder verkauft. Doch sein Image verzeiht ihm das. Er steht für den Traum, den jeder versteht, den amerikanischen Traum.

Doch Trump ist auch ein rücksichtsloser Spekulant, der mit brachialen Methoden Preise in die Höhe treibt. Wie schafft er es, ausgerechnet in den unteren sozialen Schichten nicht als Dieb, sondern als Retter dazustehen? Vielleicht, indem er diese wahrnimmt oder wahrzunehmen vorgibt. Er ist der Mann, der bei Hoteleröffnungen mit den Parkwächtern plaudert, er schenkt einem krebskranken Kind 50 000 Dollar. Und er gibt den New Yorkern ihre kaputte Eisbahn im Central Park zurück, den Wollman Rink, bekannt aus vielen Hollywoodfilmen.

Für die Sanierung des Wollman Rink sind zwei Jahre veranschlagt. Doch als die Stadtverwaltung beschliesst, dass die Eisbahn im Sommer auch ein Teich sein soll, laufen die Arbeiten auf Grund. Ein anderes Kühlsystem muss her, eine technologische Knacknuss.

Gebieter über die Baustelle ist der neue Bürgermeister Ed Koch – ein Mann so eitel wie Trump. Es ist eine Provokation, als Trump ihm anbietet, ihm „aus der grössten Verlegenheit seiner Amtszeit“ zu helfen. Koch veröffentlicht Trumps Brief in der Zeitung mit der Erklärung, er lehne das Angebot ab, weil er den Eintrittspreis tief halten wolle. Koch wähnt die New Yorker auf seiner Seite. Doch er irrt sich und sieht sich gezwungen, Trumps Angebot anzunehmen. Dieser baut mit zinslosen Darlehen der Chase Manhattan Bank zum Selbstkostenpreis und schneller als geplant. Koch schafft es gerade noch, zu verhindern, dass die sanierte Eisbahn auch noch nach Trump benannt wird.

Dass aus Donald Trump „The Donald“, das verkörperte Gelingen, werden konnte, verdankt er auch einem Kulturwandel der siebziger Jahre. Am Nachkriegsboom hat noch die ganze amerikanische Gesellschaft teilgehabt, wer mehr als andere besass, verbarg diese Tatsache stilvoll. Nun aber tut sich zwischen oben und unten eine Kluft auf – nicht zuletzt in der Selbstdarstellung. Vermögende beginnen, mit ihrem Reichtum zu protzen, die Medien und TV-Serien wie „Dallas“ oder „Denver-Clan“ feiern ihren Lebensstil. Die unteren Schichten verschwinden derweil aus der populärkulturellen Bilderwelt.

Selbst das Intellektuellenblatt „New York Times“ trägt den von neuem Geld bestimmten Zeitgeist mit. 1976 spaziert eine Reporterin der Zeitung mit Donald durch Manhattan, schwärmt danach von seinen „blendend weissen Zähnen“; er sehe „Robert Redford zum Verwechseln ähnlich“. Trump erzählt von seiner schwedischen Abstammung, seinen Erfolg erklärt er mit seinem „Flair“. Später nennt ihn die Zeitung einen „Adonis“, der bewaffnete Bodyguards zu Meetings mitbringe. Der Ton ist süffisant, aber allein die Länge des Artikels zeigt: Der Mann fasziniert.

Die Ex-Frauen halten bis heute zu Trump. Ivana zieht ihre Bemerkung zurück, sich einmal von ihm vergewaltigt gefühlt zu haben.

Mit 30 Jahren, im gleichen Alter wie sein Vater, heiratet Donald Trump. Wie sein Vater heiratet er eine Ausländerin: die von einem österreichischen Skifahrer geschiedene Tschechin Ivana Winkelmayr. Und jedem, der es wissen will, erzählt er, dass er genauso wie sein Vater fünf Kinder haben werde. Die fünf gibt es heute wirklich. Am sichtbarsten Tochter Ivanka, die sich an vorderster Front am Wahlkampf beteiligt, daneben Donald junior, Eric, Tiffany und Barron. Alle sind erfolgreich, mit allen pflegt er einen engen Kontakt. Damit bringt Donald Freds am abgestürzten Sohn Freddy gescheitertes Ideal zur Vollendung.

Was aber seinen Umgang mit Frauen betrifft, so verlässt Donald Freds Pfad und wagt auch hier den Schritt aus der Vorstadt hinaus. Zwar war schon Fred Manns genug, um am Steuerknüppel eines Baggers zu posieren, auf dessen Schaufel er sechs Bikini-Frauen geladen hatte. Doch während der Ältere 63 Jahre lang mit der gleichen Frau verheiratet blieb, prahlt Donald mit seinen Eroberungen. Etwa in Buch „The Art of the Comeback“: „Wenn ich wirklich über meine Erfahrungen mit Frauen reden würde, oft verheirateten, sehr bedeutenden Frauen, dann wäre dieses Buch ein garantierter Bestseller.“ Eine der Geliebten, Marla Maples, wird Ehefrau Nummer zwei; die Nummer drei, Melania Knauss, kommt schon nicht mehr darum herum, sein Image als Frauenheld zu kommentieren („ich kannte seinen Ruf als ladies man“) . Gestört hat es sie nicht, die Ehe hält nun schon elf Jahre. Beide Ex-Frauen reden fast nur Gutes über Donald Trump. Ivana findet ihn „knabenhaft bezaubernd“, Marla Maples schwärmt gegenüber einer Boulevardzeitung, sie habe mit Trump „den besten Sex ihres Lebens“ gehabt (nachdem sie kurz zuvor von der Noch-Ehefrau Ivana auf der Skipiste in Aspen als „Schlampe“ beschimpft worden ist). Und was tut Trump? Er ruft, die Zeitung mit der Sex-Schlagzeile schwenkend, durch sein Büro: „Habt ihr das gelesen?“

Die Frauen bleiben loyal zu ihm. Ivana zieht eine Bemerkung zurück, sie habe sich einmal von ihm vergewaltigt gefühlt. Eine andere Geliebte dementiert Andeutungen der „New York Times“, Trump habe sich ihr gegenüber zudringlich verhalten. Trump verfügt über alle Voraussetzungen, um als kindischer, aber erfolgreicher Playboy zu gelten.

Doch das Gegenteil ist der Fall; dass Trump ein Problem mit Frauen hat, gilt unter Kritikern als ausgemacht. Hauptgrund dafür sind Beleidigungen. Einer „New York Times“-Autorin bescheinigte er ein „Hundsgesicht“, der Schauspielerin Rosie O’Donnell ein „fettes, hässliches Gesicht“, „hässlich von innen und aussen“ nannte er Arianna Huffington. Gern äussert er sich bei Frauen zu Gewichtsveränderungen. „You like your candy“, sagt er seiner Managerin Barbara Res, die Miss Universe 1996 soll er „Miss Piggy“ genannt haben. Darauf liess diese sich von der Miss-Universe-Organisation zum Training in ein Fitnessstudio einladen, nicht ahnend, dass Trump mit Vertretern von 90 Medien dort auf sie wartete. Das Trauma quält diese garantierte Trump-Nichtwählerin bis heute.

Gemessen an seiner Rücksichtslosigkeit als Immobilienspekulant bleiben die sexistischen Ausfälle Fussnoten in Trumps Sündenregister. Eine Recherche der „New York Times“ zu Trumps Verhalten gegenüber Frauen brachte keine justiziablen Grenzüberschreitungen an den Tag. Und noch etwas entlastet Donald: Im Gegensatz zum Vater spannt er ambitionierte Frauen für seine Ziele ein, hört auf ihren Rat und befördert sie in höchste Chargen seiner Firma. Allen voran Louise Sunshine, eine politische Fundraiserin, die laut der Biografin Gwenda Blair mehr Einfluss auf Donald hatte „als alle andern Frauen, mit Ausnahme seiner Mutter“. Sie verschafft ihm sein seit Kindertagen ersehntes Autonummernschild mit den Initialen DJT.

Der Ingenieurin Barbara A. Res überträgt Trump die Leitung von Grossbaustellen in einer Zeit, als die Branche fast ausschliesslich männlich ist. Res erinnert sich, wie er ihre „Killerqualitäten“ gelobt und zu ihr gesagt habe: „Männer sind generell besser als Frauen, aber eine gute Frau ist besser als zehn gute Männer.“ Bei keinem anderen ihrer Arbeitgeber sei ihr Geschlecht so nebensächlich gewesen. Doch dann habe Trump in den späten achtziger Jahren begonnen, sein Büro mit schönen Frauen zu schmücken, „die Empfangs-Mitarbeiterinnen sahen alle aus wie Models, und nur die hübschesten durften Gästen Kaffee servieren“. Der „New York Times“ erzählt Res, wie sie einmal einer Mitarbeiterin auftrug, Lunchbestellungen entgegenzunehmen. Trump ging mit einem „Nicht sie!“ dazwischen – und wählte eine hübschere aus. „Er wollte den Eindruck vermitteln, dass nur attraktive Frauen für ihn arbeiteten.“

Trumps Besessenheit von weiblichem Sex-Appeal gleicht der eines Mädchens, das Glitzersterne sammelt. Sie bestimmt nicht nur das Dekor seiner Lebensräume, sondern auch operative Entscheide. Paradebeispiel dafür ist der Kauf der Schönheitswettbewerbe Miss USA, Miss Teen USA und Miss Universe. Ein Denkmal der politischen Correctness schafft er sich damit so wenig wie der Vater mit den Bikini-Girls auf der Baggerschaufel. Eine Kandidatin berichtet von unerbetenen Küssen, eine andere meint, Trump habe sie penetranter taxiert als „ein General seinen Zug“. Nicht einmal die eigenen Kinder entgehen seiner Fixierung. Als Tochter Ivanka 16-jährig an der Miss-Teen-USA-Wahl als Helferin auftritt, fragt Trump die Miss Universe: „Finden Sie nicht auch, meine Tochter ist heiss?“

Das alles hilft nicht beim Versuch, sich bei dem Mann, der mit der Grösse seines Geschlechtsteils Wahlkampf betreibt, ein grosses Herz vorzustellen. Trumps Gefühle scheinen eher der Macho-Logik zu gehorchen, wonach die jüngere Blondine immer die bessere ist. Spulen wir den Film seiner Education sentimentale ins Jahr 1977 zurück, sehen wir ihn seiner Gattin Nummer eins einen Ehevertrag unterbreiten, den sein Spiritus Rector Roy Cohn extraknausrig gestaltet hat. „Jeder hat das Recht, sein Vermögen zu schützen“, erklärt er in „Wie man reich wird“. Ivana erzwingt eine Vertragsänderung zu ihren Gunsten. Ihr emblematischer Kommentar nach der Scheidung stammt aus dem Film „The First Wives Club“ (1996), wo sie drei verlassenen Film-Gattinnen rät: „Nicht wütend werden. Abzocken!“

Der offenbar ohne Ewigkeitsillusion vollzogenen Hochzeitsfeier wohnt Bürgermeister Abe Beame bei, die Trauung nimmt Norman Vincent Peale vor, der Positive-Thinking-Miterfinder, der Trump seit Jugendtagen die Selbstverehrung lehrt. Von der Braut weiss man, dass sie 1972 zur tschechischen Ski-Olympia-Delegation gehört haben und Siebte in der Abfahrt geworden sein will. Ein nie bestätigtes Gerücht; auf Platz sieben der Abfahrt figuriert die Schweizerin Bernadette Zurbriggen. Schwieriger zu überprüfen ist Ivanas Behauptung, eines der gefragtesten Models der Stadt Montreal gewesen zu sein. Doch selbst wenn sie ihre Erfolge erfunden hat, ihr Ehrgeiz ist echt und trägt dazu dabei, aus dem vom Geschäft absorbierten Trump eine gesellschaftliche Figur zu machen.

In der dezenten New Yorker High Society fallen die Trumps auf wie bunte Hunde. Zwar tauscht Ivana Donalds schlecht sitzenden Anzüge gegen Massgeschneidertes. Aber der Glanz ihrer eigenen Garderobe wirkt billig: bombastische, gerüschte Roben, Kostüme mit Schultern breit wie zum Eishockey, Röcke kurz wie vom Strassenstrich und mehr Gold als am Hof von Nero („Der Spiegel“). Dennoch erobern die Trumps die Zentren des alten Geldes in New York und Palm Beach. Es sind die achtziger Jahre, Gier und Geltungssucht entwickeln sich zu gesellschaftsfähigen Charaktereigenschaften.

Ihr neues 8-Zimmer-Apartment an der Fifth Avenue statten Ivana und Donald mit Spiegeln aus, die mit Blinklichtern gerahmt sind. Doch Ivana, die ambitionierteste und unterhaltsamste der drei Trump-Frauen, will mehr als Staffage sein. Donald schickt sie mit Helm und Notizblock, aber unklaren Kompetenzen ausgestattet auf Baustellen, wo sie unter Ingenieuren Angst und Schrecken verbreitet. Auf einem Kontrollgang durch das Hyatt-Hotel, einem Betrieb mit 1500 Angestellten, entdeckt sie Staub in den Ecken und treibt den Manager in den Wahnsinn. Daraufhin wird der Manager vom obersten Hyatt-Chef durch einen Osteuropäer ersetzt, der sich besser in Ivana einfühlen kann.

Die Biografin Gwenda Blair meint, die dilettierende Gattin sei für Donald ein Management-Tool „wie aus dem Lehrbuch für machiavellistische Unternehmensführung“ gewesen. Weil Trump sogar darauf verzichtet, die Aufgabenverteilung zwischen ihr und ihrem Schwiegervater Fred zu regeln, beklagen sich beide übereinander und müssen sich ihre Rolle immer neu von ihm bestätigen lassen. Trump entlohnt seine Frau mit einem Monatsgehalt von einem Dollar und einem unlimitierten Shopping-Budget. Nach der Geburt der Kinder Donald jr., Ivanka und Eric macht er sie zur Präsidentin des New Yorker Plaza-Hotels und des Trump-Castle-Casino-Hotels in Atlantic City und zur Vizepräsidentin seiner Holding.

Die Krise zeichnet sich zuerst in Ivanas Gesicht ab. An einem Dinner zu Trumps Ehren ist es plötzlich so schmal, dass man sie kaum wiedererkennt. Die schönheitschirurgische Offensive erspart ihr nicht die Schmach, bei dem Skipisten-Rencontre mit Trumps Geliebter in Aspen vom Gatten blossgestellt zu werden. Donald verfrachtet Ivana und die Kinder ins Flugzeug nach New York. Bei der Scheidung 1991 verlangt sie 2,5 Milliarden Schadenersatz – die Hälfte von dem, was Trump selbst als sein Vermögen angegeben hat. Doch weil dessen finanzielle Lage zu der Zeit als problematisch gilt, muss sich Ivana mit den rund 20 Millionen aus dem Ehevertrag begnügen.

Donald hingegen zeugt mit Marla Maples seine zweite Tochter und kann der Versuchung nicht widerstehen, ihr den Namen Tiffany zu geben. Kurz nach der Geburt wird geheiratet, 1993; unter den 1000 Gästen im New Yorker Plaza-Hotel sind die später von Trump beleidigte Rosie O’Donnell und O. J. Simpson. Als Apanage erhält Marla keine Scheinkompetenzen im Imperium wie Ivana, sondern Präsentations-Jobs in Donalds Miss-Wettbewerben. Maples gilt heute bei Wikipedia als „Schauspielerin und TV-Persönlichkeit“. Künstlerisch wird sie nach der Trennung von Trump in esoterisches Sumpfgebiet abdriften, ihr Album „Endless“ (2013) kündet vom spirituellen Erwachen.

Der Radiomoderator Howard Stern gibt Donalds Verbindung mit Marla vier Monate. Tatsächlich lassen sich die beiden nach sechs Jahren scheiden, 1999. Im Jahr davor beginnt Trumps Liebschaft mit dem slowenischen Model Melania Knauss, damals 28, Heirat 2005 in Palm Beach im Beisein von Heidi Klum, Rudy Giuliani und Hillary Clinton (die aber kein Geschenk mitbringt); trotz Einladung gefehlt haben Prinz Charles, Henry Kissinger, Arnold Schwarzenegger. Melanie ist noch ruhiger als Marla, sie widmet sich vorwiegend der Erziehung des Sohnes Barron und ihrer Schmuckkollektion.

Ist Donald Trumps Liebes-Biografie die Biografie eines Siegers? In seinen Augen bestimmt. Doch von aussen betrachtet, täuscht der Glanz seiner Hochzeitsgästelisten über den Schiffbruch der Ehen hinweg. Parallelen dazu finden sich in Trumps Art, Geschäfte zu machen: Hier sind es Wolkenkratzer, die Baissen überstrahlen, Pleiten, Notverkäufe und Vermögensverluste. Mit dem Unterschied, dass die Debakel des Unternehmers Trump andere – Banken, Gläubiger, Angestellte – mit ins Elend ziehen, Menschen, die sich durch seine Versprechungen täuschen lassen und sich durch die Kollateralschäden seines Erfolgswillens um ihren Besitz und ihre Hoffnungen geprellt sehen.

Den Keim der Krise pflanzt er in den achtziger Jahren, indem er sein Geschäftsfeld auf das Glücksspiel ausdehnt. Hat er seine Monumente in Manhattan noch vorwiegend mit dem Geld von Reichen gebaut, nimmt er nun die Ersparnisse des kleinen Mannes ins Visier. Der Gliedstaat New Jersey hat 1977 das Glücksspiel legalisiert, als zweiter Gliedstaat nach Nevada. Das Kaff Atlantic City, 200 Kilometer von New York entfernt gelegen, verspricht zum Las Vegas der Ostküste zu werden. Trump kauft Land, lässt Anfang der achtziger Jahre zwei Kasino-Hotels errichten, aber sein Hauptinteresse gilt einem seit 1983 im Bau befindlichen Riesenprojekt, das er zum grössten Kasino überhaupt, zum „achten Weltwunder“ und zu einem weiteren Markenzeichen seines Gigantismus machen will: dem „Trump Taj Mahal“.

Ein Vierteljahrhundert später gleicht Atlantic City einer Geisterstadt. Salzschichten bedecken die Fenster geschlossener Kasinos, die Teppiche im „Taj Mahal“ sind zerfranst und staubbedeckt, matte Lüster baumeln über den Köpfen der paar Gäste. Die Stadt ist insolvent. Trump ist weg, sein Trump Plaza Casino und Hotel ausser Betrieb, das Trump Marina Hotel Casino verkauft, es heisst jetzt Golden Nugget. Auch das „Taj Mahal“, hinter dem er so verbissen her war, gehört nicht mehr ihm, sondern dem noch reicheren Unternehmensjäger Carl Icahn. Was ist passiert?

Trump hat sich überschätzt. Hunderte von Millionen hat er in Atlantic City investiert – nicht sein Geld. Sein Erfolgsimage macht es ihm mittlerweile leicht, Kredite zu bekommen. Die Banken vertrauen ihm, er verspricht ihnen Gewinne in naher Zukunft. Er hat bewiesen, dass er schnell baut, und zwar aus realem, für alle Welt sichtbaren Glas und Beton. Es ist nicht zuletzt der materielle Wertcharakter seiner Anlageobjekte, der Verlässlichkeit vorspiegelt in einer Finanzwelt, die auf zunehmend abstrakten, Seifenblasen-fragilen Profitmodellen beruht – bis zum Wall-Street-Crash 2008 und darüber hinaus. „Es ist schwer, sich jemanden vorzustellen, der noch mehr als Trump eine Kreatur der komplexen Finanzwelt ist“, schreibt die Finanzjournalistin Rana Foroohar im Magazin „Time“.

Viel von seiner Kreditwürdigkeit verdankt Trump dem Umstand, dass niemand den Überblick über sein Vermögen hat. Der Marktwert seiner Immobilien ist nirgends verzeichnet, Trump kann gegenüber Gläubigern Phantasiezahlen in die Waagschale werfen. Im Präsidentschaftsrennen beziffert er sein Vermögen auf 10 Milliarden Dollar, der in solchen Fragen massgebende Informationsdienstleister Bloomberg kommt nur auf 2,9 Milliarden, das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf 4,5 Milliarden.

Zur Differenz trägt auch Trumps Markenwert bei – noch so ein schwer quantifizierbares Asset. Fachleute sehen in seinem Namen den Schlüssel seiner Macht. Trump schreibt ihn auf jeden neuen Turm, aber auch auf Mineralwasser-, Wein- und Parfumflaschen, auf Jachten und Flugzeuge, Sportlertrikots, Golfanlagen. Von 515 Firmen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, tragen 268 seinen Namen. Er ist so sehr zum Synonym für den Erfolg geworden, dass andere Unternehmer ihn in Lizenz übernehmen; Hotelbetreiber, die dafür bezahlen, die Buchstabenfolge T-R-U-M-P auf ihre Kästen heften zu zu dürfen (etwa der Trump-Ocean-Club in Punta Pacifica, Panama, oder Trumps International Hotel & Tower in Toronto).

Sein Name schützt Trump aber nicht vor der Stagnation der neunziger Jahre. Seine Immobilien verlieren an Wert, das Geschäft in Atlantic City, wo er 1990 das „Taj Mahal“ eröffnet, läuft schlecht an. Die Leute wollen ihr Geld nicht verjubeln, und wenn, dann vielleicht auch in einem jener Etablissements, die „Indian Nations“ seit 1988 auf ihrem Stammesgebiet betreiben dürfen – eine Konkurrenz, die Trump nicht vorhersah. Noch schlimmer kommt es für ihn, als die Staaten New York, Pennsylvania, Maryland und Connecticut das Glücksspiel generell zulassen. Viermal muss Trump Insolvenz anmelden, das erste Mal kurz nach der Eröffnung des „Taj Mahal“ 1991, das letzte Mal 2009.

Obwohl Trumps Atlantic-City-Abenteuer desaströs endete, stellt er es als persönlichen Erfolg dar. „Atlantic City hat mein Wachstum stark befeuert“, erklärt er. „Ich habe unglaublich viel Geld von hier mitgenommen.“ Wie kommt er zu diesem Fazit? Im Artikel „How Donald Trump bankrupted his Atlantic City Casinos, but still earned millions“ beschreiben zwei „New York Times“-Autoren, wie Trump Schulden auf seine Kasinos überwälzte und gleichzeitig Millionen von Dollars an Salären und Boni kassierte. Das Geld hatte er zu Zinsen geliehen, die so hoch waren, dass die Rechnung nie aufgehen konnte. „Die Last seines Scheiterns trugen Investoren und andere Geldgeber, die auf seinen Geschäftssinn gewettet hatten.“

1995 verschafft er sich etwas Luft, indem er mit den Kasinos an die Börse geht. Der Aktienverkauf bringt 140 Millionen Dollar ein, ein zweiter Verkauf ein Jahr später 380 Millionen Dollar. Bei den Insolvenzen rettet ihn das amerikanische Konkursrecht, das zum Schutz des Unternehmertums Schlupflöcher offenlässt: sogenannte Konkurse nach „Kapitel 11“. Diese nehmen Privatpersonen von der Haftung für ihre Firmen aus und bewerten deren Überleben höher als die Interessen der Gläubiger. Das Management bleibt weitgehend in Funktion und darf sogar neue Kredite aufnehmen, nur müssen Transaktionen vom Insolvenzgericht bewilligt werden.

Trump erweist sich als „Too big to fail“. Die Banken können es sich nicht leisten, sein Unternehmen zu zerschlagen, sie würden zusammen mit ihm untergehen. Zwar muss er Vermögensteile wie seine 90-Meter-Jacht „Trump Princess“, seinen 50-Prozent-Anteil am zum Hyatt umgebauten Commodore-Hotel und zuletzt, 2009, auch das „Taj Mahal“ abstossen. Doch seine Trump Organization überlebt und mit ihr Trumps Erfolgsmythos.

Die Lettern T-R-U-M-P blieben auf dem „Taj Mahal“ – das Unternehmen zahlt weiter dafür, den Namen benutzen zu dürfen. Wie ist das möglich? Vielleicht aus dem prosaischen Grund, den ein am Verkauf beteiligter Anwalt anführt: Weil Trump seinen Namen auf jedem erdenklichen Requisit angebracht hatte, auf Spielchips und Glaswaren ebenso wie auf Teppichen und Vorhängen, wäre es unbezahlbar gewesen, alles auszuwechseln. Noch in der Krise verdiente Trump an seiner Eitelkeit.

Nicht nur mit dem Glücksspiel- Geschäft scheitert Trump, auch seine Fluggesellschaft Trump Shuttle groundet. 1989 hat er für 380 Millionen Franken von der Eastern Airlines 20 alte Boeing 727 übernommen und mit Feenstaub besprüht: goldfarbene Armaturen, Waschbecken im Marmordesign. Doch die Geschäftsleute, sein Zielpublikum, wollen für diesen Schnickschnack nicht bezahlen. Trump entlässt Manager mit hohen Gehältern, er plant, mit nur zwei statt drei Piloten zu fliegen, vergebens. Die Airline geht an die Gläubiger über und später an US Airways. Heute besitzt Trump immerhin wieder eine Boeing 757-200 für Privatflüge.

Grossen Schaden richtet Trump auch durch seine Planspiele mit der United States Football League (USFL) an. Sie ist 1983 mit dem Ziel lanciert worden, mit der traditionellen Herbst-Sportart Football auch im Frühling Geld zu verdienen. Das gelingt passabel, man hat zwei TV-Vertragspartner. Dann tritt Trump auf den Plan, kauft den Klub New Jersey Generals und verkündet: „Wenn Gott Football im Frühling gewollt hätte, hätte er die Frühlings-Sportart Baseball nie erfunden.“ Trump will mit der USFL in den Herbst. Er möchte die übermächtige National Football League (NFL) zum Kampf um Ressourcen fordern.

Zu Beginn der dritten Saison entscheidet die USFL unter Trumps Druck, die vierte Saison tatsächlich im Herbst stattfinden zu lassen. Die TV-Vertragspartner und andere Klubbesitzer sind dagegen, das Fundament der Liga beginnt zu bröckeln. Aber Trump hat ein Lösung parat, er sagt: „Wir klagen“ – gegen die NFL wegen ihres Monopols. Die USFL bekomme im Herbst nur deshalb keine TV-Verträge, weil die NFL alle Netzwerke an sich gebunden habe. Das Gericht gibt der USFL recht, was das Monopol betrifft. Statt der geforderten 1,2 Milliarden Dollar spricht sie ihr aber eine Entschädigung von 1 Dollar zu. Es ist der Tod der Liga, hauptsächlich verschuldet von Donald Trump.

Entsprang die Football-Pleite Trumps Kampflust, gehen andere Fehlinvestitionen auf das Konto der Selbsttäuschung, dass schon sein Name allein den Erfolg garantiere. Das Brettspiel „Trump – The Game“ liegt schwer in den Verkaufsgestellen, und auch der Trump-Wodka wird zum Ladenhüter. Kaum jemandem schmecken die Trump-Steaks, „die tollsten Steaks der Welt“, die man 2007 bis 2014 per Post oder im Steakhouse in Las Vegas bestellen kann. Die Trump-Hypothekenbank schliesst nach einem Jahr, ebenso schnell verschwindet die Suchmaschine goTrump.com wieder vom Netz. Auch das „Trump Magazine“ für reiche Menschen findet zu wenig Beachtung.

Die Schiffbrüche zeigen: Trumps Talent zur Selbstvermarktung bewahrt ihn nicht vor strategischen Fehlern. Den Kasino-Boom in Atlantic City hat er überschätzt, die Konkurrenz durch anderer Kasinos unterschätzt. Er reagiert mit Verleumdungen gegen die Indianer, die die anderen Kasinos betreiben: Trump unterstellt ihnen Beteiligung am organisierten Verbrechen – in der gleichen Art, wie er heute im Wahlkampf Mexikaner pauschal als Vergewaltiger und Drogenhändler identifiziert.

Auch sein Hang, sich in betriebliche Details einzumischen, kommt Trump in die Quere. Im „Taj Mahal“ will er die Lohnkosten durch Maschinen reduzieren, die Spielmünzen für die Slot-Maschinen ausgeben – schneller als jeder Mitarbeiter. Dabei lässt er ausser Acht, dass Kunden die ausgespuckten Münzen und das Wechselgeld zählen wollten, bevor sie den Platz vor der Maschine räumen. Die Folge sind Staus und Chaos auf den Gängen.

Trumps Aktionismus zum Trotz demontieren Zeugen seiner Kasino-Abenteuer das Bild des omnipräsenten Chefs. Sein Kontrolleifer erscheint ihnen als Attitüde – als spiegle der Chef sein Engagement nur vor. Einen ähnlichen Eindruck gewinnt, ein paar tausend Kilometer weiter im Osten, auch der schottische Landlord Tom Griffin, dem Trump 2006 den Boden für einen Golfplatz abkauft. Der Handlungsreisende auf seinem Anwesen sei ihm vorgekommen wie ein Schauspieler auf einer Londoner Bühne, erzählt er Michael D’Antonio: „Da stand Donald Trump und spielte Donald Trump.“

Wollte er nicht schon immer zum Theater? Nach der Uni, als sein Platz im Familienunternehmen schon fix war, probierte er es. Unangemeldet kreuzte er im Büro des Broadway-Produzenten David Black auf und lud ihn zum Lunch ein. Black erinnert sich in der „Financial Times“, Trump habe ihm Geld für die Produktion des Stücks „Paris is out!“ angeboten – um im Gegenzug als „Produzent“ vermerkt zu werden. So geschah es. Doch das Stück floppte. „Was soll ich jetzt machen?“, fragte Trump. Black schlug vor: „Warum wollen Sie es nicht im Immobilienbusiness versuchen?“

Das Theatralische ist Donald Trump geblieben. Er verdankt ihm alles: seine Bekanntheit, sein Geld, seinen Einfluss. Trump ist im US-Immobiliengeschäft nur einer unter vielen und bei Weitem nicht der Erfolgreichste. Es war sein Showtalent, das ihn im Amerika der Reagan-Ära, in dem der schöne Schein zur harten Währung wurde und sogar der Präsident aus der Unterhaltungsindustrie kam, zum Liebling der Medien machte. Als Darsteller des Immobilien-Tycoons hat Trump Eigentümer und Kreditgeber überzeugt, noch bevor er Geld und Macht hatte, und in der gleiche Rolle wurde er später für Filmauftritte gebucht: In „Mein Geist will immer nur das eine“, „Kevin allein in New York“, „Hart aber herzlich“, „Wer ist Mr. Cutty?“, den Serien „Die Nanny“ und „Sex and the City“ – und anderen.

Trumps Minifilmrollen leben von der Situationskomik, die sich aus dem Überformat seines Images ergibt. Wie in seinem richtigen Leben vermischen sich bei seinen Leinwandauftritten Fiktion und Wirklichkeit. In „The Fresh Prince of Bel Air“ ruft ein Schauspieler bei seinem Anblick fassungslos „Donald?!“ und fällt in Ohnmacht. In „The Job“ spielt er einen selbstgefälligen Restaurantbesitzer, indem er sich so selbstgefällig aufführt, wie er es immer tut. Doch auf der Leinwand sieht es kunstvoll überhöht aus – als würde Trump spielerisch von sich Abstand nehmen. Das lässt die Filmkarikatur Trump überraschend vielschichtig erscheinen. Wenn er in „The Little Rascals“ zu seinem keinen Film-Sohn sagt, er sei „der beste Sohn, den Geld kaufen kann“, klingt es schon fast nach Selbstironie.

Doch weil sich der Leinwand-Trump offenbar weder vom bankrotten „Taj Mahal“-Chef noch vom Golfplatz-Käufer in Aberdeen unterscheidet, stellt sich die Frage: Spielt er nun eigentlich, oder ist er einfach so? Nicht einmal seine Kinder scheinen das entscheiden zu können. Im Gespräch mit Michael D’Antonio beschreibt die Tochter Ivanka das Verhalten ihres Vaters als „offenherzig“: „Er sagt immer genau, was er denkt. Er braucht die Frage oder die Geschichte vorher gar nicht zu kennen, um sich eine Antwort zurechtzulegen.“

Ein anderer Trump-Porträtist, Mark Singer vom „New Yorker“, versucht einen Blick hinter Trumps Maske zu erhaschen, indem er ihn fragt: „Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie morgens beim Rasieren vor dem Spiegel stehen?“ Eine Antwort erhält er darauf nicht. Trump scheint verblüfft. Michael D’Antonio verrät er immerhin: „Ich analysiere mich nicht gerne, weil mir das, was ich dann sehe, vielleicht nicht gefällt.“ So ist ihm die Darstellung seiner selbst wohl tatsächlich zur zweiten Natur geworden, und es gibt vielleicht wirklich keine Gedanken, die er sich beim Rasieren machen könnte, und kein „Rumpeln einer Seele“ (Mark Singer), das sein Gleichgewicht bedroht.

Während sein Immobiliengeschäft in die Krise rutscht, wird die Show für Trump immer zentraler. In Atlantic City organisiert er Boxkämpfe mit dem Ohrenbeisser Mike Tyson und Wrestling Events. Die Rolle seines Lebens findet er jedoch in der Reality-TV-Show „The Apprentice“: 2004 auf NBC erstmals ausgestrahlt, wird sie in diversen Ländern mit Erfolg kopiert (in der Schweiz als „Traumjob“ mit Jürg Marquard in der Chefrolle). Dramaturgisches Prinzip der Show ist der Sesseltanz: 16 Bewerber kämpfen um einen 250 000-Dollar-Job in Trumps Unternehmen, in jeder Folge der Staffel scheidet ein Kandidat aus, indem ihm der Boss den Satz „You are fired!“ entgegenschleudert.

„The Apprentice“ ist auf Trump massgeschneidert, die Schlussszene mit ihm im boardroom, gefilmt im Trump Tower, ist eine Art jüngstes Gericht der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Sie gerät so atemberaubend, dass der Produzent ihr mehr Platz einräumt als geplant. „You are fired“ wird zum geflügelten Wort, Trump lässt es rechtlich schützen.

Die Sendung beginnt mit einem Anflug auf New York, dazu Trumps Stimme: „Manhattan ist ein hartes Pflaster. Dieses Eiland ist der wahre Dschungel. Wenn du nicht aufpasst, frisst es dich mit Haut und Haar. Mein Name ist Donald Trump. Ich bin der grösste Immobilieninvestor von New York.“ Dass er der grösste ist, wird von anderen bestritten. Der Vergleich mit dem Dschungel dagegen erweist sich in der Show als zutreffend: Die Kandidaten demonstrieren, dass es im Aufstiegskampf weniger auf Wissen und Können ankommt als auf Ellbogen-Fertigkeit; Fieslinge bleiben länger obenauf als Teamplayer.

„The Apprentice“ bringt es auf Zuschauer-Rekordwerte von gegen 30 Millionen. Sieger der Show ist natürlich Donald Trump: 213 Millionen Dollar will er in 10 Jahren an „Apprentice“ und dem Nachfolgeformat „Celebrity Apprentice“ verdient haben. Er wird mehrmals für den Emmy Award nominiert, den bedeutendsten Fernsehpreis der USA, und das Nonplusultra: Trump bekommt einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood.

Am 16. Juni 2015 gleitet Donald Trump ein paar Meter hinter seiner dritten Gattin Melania auf der Rolltreppe ins Foyer seines Trump-Tower hinunter und verkündet, dass er für das Präsidentenamt der USA kandidiere werde. „Wir machen unser Land wieder gross“, sagt er. Die Welt lacht. Man gibt ihm nicht einmal Aussenseiterchancen. Warum eigentlich?

Ein paar Leader-Qualitäten scheint Trump ja zu haben. Er ist dynamisch und witzig, er wird als fairer und grosszügiger Chef beschrieben und soll ein guter Zuhörer sein. Der Psychologe Dan P. McAdams gibt ihm im „Atlantic“ sogar in Sachen „Offenheit“ gute Noten. Und doch fehlt ihm Entscheidendes. 61 Prozent der New Yorker hatten 2104 eine negative Meinung von ihm, sein Stern auf dem Walk of Fame wird mit Fäkalien beschmiert. Auf der Liebenswürdigkeits-Skala sieht ihn McAdams in unterirdischen Regionen. Und nur 2 Prozent von dem, was Donald Trump sagt, ist wahr: 22 Prozent liegen in einem Graubereich, schwindelerregende 75 Prozent sind falsch oder weitgehend falsch – verglichen mit 29 Prozent bei Hillary Clinton.

Doch Trumps Hauptproblem als Politiker ist die Beschränktheit seiner Dschungelmetapher. Weil er von Thomas Hobbes nur den Kampf, aber nicht den Gesellschaftsvertrag übernimmt, endet sein Aufstieg im obersten Stock des Trump-Towers: Die Siegermoral erschöpft sich in sich selbst, über den Ausgleich der Interessen hat Trump nichts zu erzählen.

McAdams beschreibt, wie Trump an einer Veranstaltung in North Carolina Angst schürt: „Es ist gerade etwas Schlimmes im Gange, etwas wirklich Gefährliches braut sich zusammen.“ Da sagt ein 12-jähriges Mädchen: „Ich fürchte mich. Was werden Sie tun, um dieses Land zu schützen?“ Trump antwortet: „Darling, weisst du was? Du wirst dich nicht mehr fürchten. Die werden sich fürchten.“