David Atkinson, London

10 Todesarten im Vergleich

Wie man am schönsten stirbt

von Anna Gosline / 30.10.2015

Die Frage ist tabu, aber hochinteressant: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man stirbt? Zehn Todesarten im Vergleich.

Hängen


Credits: David Atkinson, London

Als öffentliche Hinrichtungen 1868 in Großbritannien verboten wurden, sahen sich die Henker nach einer weniger spektakulären Hinrichtungsmethode um und verlängerten schließlich den Fallweg. Mit einem längeren Seil erreichten die Verurteilten eine hinreichend große Geschwindigkeit, dass ihnen das Genick gebrochen wurde. Die Seillänge musste jedoch auf das Körpergewicht des Betroffenen abgestimmt werden, denn wenn die Kraft zu groß wurde, konnte dem Opfer der Kopf abgerissen werden – ein für den Henker höchst blamables Ergebnis.

Trotz öffentlicher Angebereien mehrerer berühmter britischer Henker im ausgehenden 19. Jahrhundert ergab eine 1992 durchgeführte Analyse der sterblichen Überreste von 34 Hingerichteten, dass lediglich die Hälfte von ihnen durch eine Traumatisierung des Rückenmarks starb. Nur bei einem Fünftel fand sich die sogenannte Henkerfraktur zwischen dem zweiten und dem dritten Halswirbel. Die anderen Verurteilten waren zum Teil erstickt.

Michael Spence, Experte für physische Anthropologie an der Universität von Western Ontario in London, Kanada, hat vergleichbare Ergebnisse für US-amerikanische Fälle nachweisen können. Er kam zu dem Schluss, dass, selbst wenn der Tod letztlich durch Ersticken eingetreten sei, doch alle Opfer bereits durch die Traumatisierung des Falls bewusstlos gewesen sein dürften. „Den Henkern kam es auf ein schnelles Ende der physischen Aktivität an“, meint er. „Und sie verstanden genug von ihrem Handwerk, um dies sicherzustellen. Am meisten fürchteten sie die Abtrennung des Kopfes.“

Herzinfarkt


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Die Hollywood-Herzattacke, die mit plötzlichen Schmerzen einsetzt und bei der sich der Betroffene an die Brust greift, um dann zusammenzubrechen, kommt eher selten vor. In der Regel verläuft ein Myokardinfarkt, wie es medizinisch heißt, viel weniger dramatisch und setzt langsam mit einem leichten Unwohlsein ein.

Das häufigste Symptom ist natürlich der Brustschmerz, ein Enge- oder Druckgefühl – „als ob ein Elefant auf meiner Brust säße“, wie es oft heißt –, das andauern oder kommen und gehen kann. Dieses Gefühl kommt vom Herzmuskel, der um Sauerstoff ringt und schließlich aus Mangel daran zu schlagen aufhört. Der Schmerz kann in Kiefer, Hals, ­Rücken, Bauch und Arme ausstrahlen; weitere Symptome sind Kurzatmigkeit, Schwindel und kalter Schweiß.

Die meisten Betroffenen warten zu lange, bis sie Hilfe herbeirufen, im Schnitt zwei bis sechs Stunden. Frauen sind besonders saumselig, vielleicht weil der Anfall bei ihnen eher von weniger bekannten Symptomen wie Atem­losigkeit, Rücken- und Kieferschmerzen oder Schwindel begleitet wird, wie die Epidemiologin Jo Ann Manson von der Harvard Medical School erklärt. Überlebende sagen, sie hätten nicht so viel Aufhebens um ihre Schmerzen machen wollen; es habe sich eher angefühlt wie eine Magenverstimmung, wie Übermüdung oder wie ein Muskelkrampf als wie ein Herzinfarkt. Andere wollen die Gefahr einfach nicht wahrhaben.

Doch jede Verzögerung kann das Leben kosten. Die meisten Menschen, die an einem Herzinfarkt sterben, erliegen ihm, bevor sie das Spital erreichen. Die tatsächliche Todesursache ist oft eine Herzarrhythmie, mit anderen Worten: eine Störung des normalen Herzrhythmus.

Selbst kleinere Infarkte können die elektrischen Impulse, die die Herzmuskelkontraktion steuern, so durcheinanderbringen, dass das Herz zu schlagen aufhört. Nach etwa 10 Sekunden verliert die betroffene Person das Bewusstsein, wenige Minuten später ist sie tot. Wer schnell ins Krankenhaus kommt, hat wesentlich bessere Chancen: Etwa 90 Prozent der rechtzeitig ins Krankenhaus eingelieferten Patienten überleben die ersten dreißig Tage. Im Spital können Defibrillatoren eingesetzt werden, um das Herz durch Stromstöße in einen normalen Rhythmus zurückzubringen, es können gerinnungshemmende Medikamente verabreicht und die verschlossenen Herzkranzgefässe mit einem Katheter wieder geöffnet werden.

Verbluten


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Die Geschwindigkeit der Ausblutung hängt davon ab, wo das Blut austritt, meint John Kortbeek von der Universität Calgary in Alberta, Kanada, der zugleich dem Advanced Trauma Life Support Committee des amerikanischen Chir­urgenverbands vorsteht. Man verblutet innerhalb von Sekunden, wenn die vom Herzen wegführende Hauptschlagader, die Aorta, infolge eines schweren Sturzes oder eines Autounfalls komplett durchtrennt wurde.

Wenn dagegen eine kleine Vene oder Arterie verletzt wird, kann es Stunden dauern, bis sich der Tod heran­geschlichen hat. Betroffene machen verschiedene Stufen eines Blutungsschocks durch. Ein durchschnittlicher Erwachsener hat 5 Liter Blut. Der Verlust von bis zu 750 Millilitern verursacht im allgemeinen kaum Symptome. Wer – ob durch eine äußere Wunde oder durch innere Blutungen – 1,5 Liter Blut verloren hat, fühlt sich geschwächt, durstig und ängstlich und atmet schneller. Bei 2 Litern Blutverlust kommt es zu Schwindelanfällen, Verwirrtheit und schließlich zu Bewusstlosigkeit.

„Leute, die einen Blutungsschock überlebt haben, berichten von sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die von großer Angst bis hin zu relativer Gelassenheit reichen“, sagt Kort­beek. „Dies hängt zu einem großen Teil davon ab, worin die jeweilige Verletzung besteht und wie schwer sie ist. Eine glatte Durchtrennung der Oberschenkelarterie kann beispielweise weniger schmerzhaft sein als eine Vielzahl von komplizierten Brüchen bei einem Autounfall.“

Ertrinken


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Die Vorstellung, die wir uns vom Tod durch Ertrinken machen, ist nicht ohne dunkle Romantik: Wie viele Heldinnen der Literatur haben nicht in den Wellen ihr Ende gefunden, das Haupt von bauschigen Röcken umkränzt! In Wirklichkeit ist es jedoch weder schön noch schmerzlos, im Wasser zu ersticken, wenngleich es überraschend schnell gehen kann.

Wie schnell es geht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel von der Wassertemperatur und natürlich auch davon, ob man schwimmen kann oder nicht. In Großbritannien, wo das Meer im allgemeinen ziemlich kalt ist, ereignen sich 55 Prozent aller Todesfälle durch Ertrinken weniger als drei Meter vom rettenden Land entfernt. Laut Mike Tipton, einem Physiologen und Experten für Lebensrettung im Meer an der Universität von Portsmouth, sind dabei zwei Drittel der Opfer gute Schwimmer, was die Vermutung nahelegt, dass die Ertrunkenen in Sekundenschnelle in Schwierigkeiten geraten sein müssen.

Wer merkt, dass er den Kopf nicht mehr über Wasser halten kann, gerät typischerweise in Panik, was zu dem klassischen Überlebenskampf an der Wasseroberfläche führt. Der Ertrinkende japst an der Oberfläche nach Luft und hält den Atem an, sobald er wieder absinkt, erklärt Tipton, und weil er um Luft ringt, sobald er wieder auftaucht, kommt er nicht mehr dazu, nach Hilfe zu rufen. Der Ertrinkende streckt seinen Körper in die Länge, reckt seine Arme leicht nach oben, als ob er eine nicht existierende Leiter erklimmen wollte. Studien mit Lebensrettern in New York in den 1950er und 1960er Jahren haben gezeigt, dass dieses Stadium lediglich 20 bis 60 Sekunden andauert.

Wenn der Ertrinkende schließlich untergeht, hält er so lange wie möglich den Atem an, in der Regel 30 bis 90 Sekunden. Danach atmet er Wasser ein, er spuckt und hustet und atmet noch mehr Wasser ein. Wasser, das in die Lunge gelangt, blockiert einerseits den Gasaustausch in den empfindlichen Geweben und löst andererseits durch einen als Stimmritzenkrampf bezeichneten Reflex den Verschluss der Atemwege aus.

„Wenn Wasser in die Atemwege gelangt, stellen sich ein Gefühl des Zerreißens und ein brennender Schmerz in der Brust ein, die allmählich einer gewissen Gelassenheit und Ruhe weichen“, sagt Mike Tipton. Der Experte von der Universität in Portsmouth stützt sich dabei auf die Berichte von Überlebenden.

Diese Ruhe zeigt den beginnenden Bewusstseinsverlust wegen Sauerstoffmangels an, der schließlich zum Herzstillstand und zum Hirntod führt.

Verbrennen


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Leidvoll und langwierig war der Tod der Hexen und Ketzer, denn im Feuer zu sterben ist grausam. Heißer Rauch und Flammen versengen Augenbrauen und Haare und verbrennen Mund und ­Atemwege, so dass es immer schwerer wird zu atmen. Oberflächliche Verbrennungen auf der Haut reizen die Nozizeptoren – die Schmerznerven in der Haut – und verursachen sofort heftige Schmerzen.

Darüber hinaus lösen Verbrennungen sofort eine Entzündungsreaktion aus, die die Schmerzempfindlichkeit in dem betroffenen Gewebe und den umgebenden Bereichen stark erhöht.

Wenn die Schwere der Verbrennung steigt, verringert sich zwar die Sensibilität, aber doch nur wenig, erklärt ­David Herndon, Spezialist für Brandwunden an der Medizinischen Fakultät der Universität Texas in Galveston. ­„Verbrennungen dritten Grades tun nicht mehr so weh wie Verbrennungen zweiten Grades, weil die oberflächlichen Nerven bereits zerstört sind. Aber der Unterschied ist akademisch. Große Verbrennungen sind in jedem Fall furchtbar schmerzhaft.“

Einige Betroffene haben berichtet, sie hätten ihre Wunden nicht gespürt, solange sie noch selbst in Gefahr oder mit der Rettung anderer beschäftigt gewesen seien. Aber sobald der Adrenalinspiegel sinkt und der Schock nachlässt, setzen die Schmerzen ein. Die Schmerzbehandlung bleibt eine der größten medizinischen Herausforderungen bei der Behandlung von Brandopfern.

Die meisten Menschen, die bei einem Brand ums Leben kommen, sterben allerdings nicht an Verbrennungen. Die häufigste Todesursache sind vielmehr giftige Brandgase wie Kohlenmonoxid, Kohlendioxid oder gar Cyanwasserstoff, gepaart mit einem akuten Sauerstoffmangel. Eine norwegische Studie stellte 1996 fest, dass 75 Prozent von 286 obduzierten Brandopfern an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben waren.

Je nachdem wie groß das Feuer ist und wie nahe man ihm ist, können die in ihm herrschenden Kohlenmonoxidkonzentrationen in wenigen Minuten zu Kopfschmerzen und Schläfrigkeit und schließlich zur Bewusstlosigkeit führen. Laut Angaben der US National Fire Protection Association werden 40 Prozent der Opfer von Hausbränden ohnmächtig, bevor sie etwas zu ihrer Rettung unternehmen können.

Todesspritze


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Die Todesspritze wurde 1977 in Oklahoma als humanere Alternative zum elektrischen Stuhl entwickelt. Der oberste Gerichtsmediziner und Chefanästhesist des Bundesstaats entschied sich für eine Reihe von drei verschiedenen Injektionen. Als erstes wird das Analgetikum Thiopental gegeben, um das Schmerzempfinden zu blockieren, dann folgt eine Injektion von Pancuronium, das die Atmung lähmt, und schließlich wird Kaliumchlorid verabreicht, das fast umgehend zum Herzstillstand führt.

Jedes dieser Mittel wird in einer angeblich tödlichen Dosis verabreicht, um einen sicheren, schnellen und humanen Tod zu gewährleisten. Zeugen haben indes von Konvulsionen der Gefangenen berichtet, die sich während der Exekution aufbäumten und sich aufrichten wollten, was den Verdacht nahelegt, dass der Cocktail nicht immer so schnell wirkt wie beabsichtigt.

Der Grund hierfür, erklärt Leonidas Koniaris von der Miller School of Medicine an der Universität von Miami, dürfte in einer zu geringen Dosis Thiopental liegen. Er und seine Kollegen haben 41 chemische Hinrichtungen in North Carolina und Kalifornien untersucht und die verwendeten Dosen mit den bekannten anästhetischen Wirkungen bei Versuchstieren wie Schweinen verglichen. Da bei den Exekutionen unabhängig vom Körpergewicht stets dieselbe Dosis Thiopental verwendet werde, könne es bei schwereren Gefangenen zu einer unvollständigen Betäubung kommen.

„Meiner Ansicht nach ist es möglich, dass ein großer Teil der Hinrichtungen bewusst erlebt wird“, sagt Koniaris. Zu diesem Erleben könnten Erstickungsgefühle durch die Lähmung der Lungenfunktion und ein stechender, brennender Schmerz durch die Kaliumchloridinjektion gehören. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten ist dabei, die Rechtmäßigkeit dieser Hinrichtungsmethode zu überprüfen.

Ein anderes tödlich wirkendes Präparat, das oft diskutiert wird, ist Natrium-Pentobarbital. Das hochwirksame Barbiturat wurde vor allem in den 1950er Jahren häufig bei Suiziden geschluckt, heute wird es in der Sterbehilfe verabreicht. Das weiße Pulver wird in der Regel in Wasser aufgelöst und dem Sterbewilligen zur oralen Einnahme gereicht. Es soll sehr bitter schmecken, und die Wirkung wird laut der Sterbehilfeorganisation Dignitas mit folgenden Worten beschrieben: „Mir ist so wohl. Alles ist so leicht.“

Sturz aus großer Höhe


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Ein tiefer Sturz gehört zu den schnellsten Arten zu sterben: Die Geschwindigkeit beträgt am Ende eines Sturzes aus 145 oder mehr Metern Höhe um die 200 Kilometer pro Stunde. Eine Untersuchung, die in Hamburg durchgeführt wurde, kam zu dem Schluss, dass 75 Prozent der durch einen Sturz zu Tode gekommenen Personen in den ersten Sekunden oder höchstens Minuten nach ihrem Auftreffen auf dem Boden starben.

Die genaue Todesursache hängt von der Bodenbeschaffenheit und der Position des Körpers beim Aufprall ab. Wenn man mit dem Kopf zuerst aufschlägt, was bei kürzeren Stürzen (unter 10 Metern) und bei längeren (von über 25 Metern) häufiger vorkommt, darf man nicht damit rechnen, dass man das Spital noch lebend erreicht. 1981 wurden in einer Studie 100 Selbsttötungssprünge von der Golden Gate Bridge ausgewertet – Höhe: 75 Meter, Geschwindigkeit beim Aufprall auf das Wasser: 120 Kilometer pro Stunde. In vielen Fällen waren die Betroffenen sofort tot; sie starben an massiven Lungenverletzungen, an Lungenkollaps, an einem explodierten Herzen oder an Rippenfrakturen, die zu letalen Verletzungen an Schlagadern und Lunge führten.

Überlebende, die aus großer Höhe gestürzt sind, berichten oft über ein Gefühl der Zeitverzögerung. Die natürliche Reaktion auf den Sturz besteht darin, sich um eine Landung auf den Füßen zu bemühen, was zu Brüchen in den Beinen, der unteren Wirbelsäule und zu lebensgefährlichen Beckenfrakturen führt.

Durch den Aufprall, der sich durch den Körper nach oben fortsetzt, können die Aorta und die Herzkammern platzen. Doch obschon die Wucht des Aufpralls sich hier auf eine kleine Fläche konzentriert, bleibt die Landung auf den Füßen vermutlich die beste Alternative: Füße und Beine wirken wie eine Art Knautschzone, die die wichtigen inneren Organe schützt.

Erfahrene Bergsteiger und Fallschirmspringer, die einen Absturz überlebt haben, berichten, dass sie dabei sehr konzentriert und alert gewesen seien und über die bestmögliche Landeweise nachgedacht hätten: entspannt, mit leicht gebeugten Beinen und, soweit möglich, zum Abrollen bereit.

Sicherlich kann jedes solche Detail einem dabei helfen, einen Sturz zu überleben, doch Tipp Nummer eins ist und bleibt eine weiche Landung. 1942 wurde in einer Zeitung von einer Frau berichtet, die aus ihrer Wohnung 28 Meter tief auf frisch umgepflügte Erde fiel. Sie stand auf und hatte nur eine gebrochene Rippe und ein gebrochenes Handgelenk zu beklagen.

Enthauptung


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Die Enthauptung kann, so schauerlich sie uns anmutet, eine der schnellsten und am wenigsten schmerzhaften Todesarten sein, vorausgesetzt, der Scharfrichter versteht sein Handwerk, führt eine scharfe Klinge – und der Verurteilte hält still.

Der Höhepunkt der Enthauptungstechnologie war die Erfindung der Guillotine, die 1792 offiziell von der französischen Regierung als vergleichsweise humane Hinrichtungsmethode eingeführt wurde. Als das Fallbeil erstmals in der Öffentlichkeit benutzt wurde, waren die Zuschauer, laut Quellen über die Schnelligkeit, mit der der Tod eintrat, entsetzt.

So rasch der Tod auch kommen mag, man geht dennoch davon aus, dass das Bewusstsein die Durchtrennung des Rückenmarks für eine kurze Weile überlebt.

Eine Studie an Ratten aus dem Jahr 1991 konnte zeigen, dass es 2,7 Sekunden dauert, bis das Gehirn den Sauerstoff, der in dem im Kopf befindlichen Blut gespeichert ist, verbraucht hat; beim Menschen wird diese Zeit auf 7 Sekunden geschätzt. Makabre historische Quellen aus dem revolutionären Frankreich berichten von Augen- und Mundbewegungen noch 15 bis 30 Sekunden nach dem Fall des Beils; hierbei könnte es sich jedoch auch um postmortale Zuckungen und Reflexe gehandelt haben.

Wenn man seinen Kopf ohne die Vorzüge einer Guillotine oder zumindest einer sehr scharfen, gut geführten Klinge verliert, kann die bewusste Schmerzwahrnehmung wesentlich länger dauern. Bei Maria Stuart benötigte der Scharfrichter 1587 drei Anläufe, bis er den Kopf vom Rumpf abgetrennt hatte, und musste zuletzt sogar noch zu einem Messer greifen.

Einige Jahrzehnte vorher, 1541, sollte Margaret Pole, Gräfin von Salisbury, im Tower geköpft werden. Sie wurde zum Richtblock gezerrt, weigerte sich aber, ihren Kopf daraufzulegen. Der unerfahrene Scharfrichter traf statt des Halses die Schulter. Laut einiger Berichte sprang die Gräfin danach vom Schafott und musste von ihrem Henker gejagt werden. Er schlug elf Mal zu, bis sie starb.

Stromschlag


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Bei Stromschlägen mit niedriger Spannung, wie sie im Haushalt vorkommen, ist die häufigste Todesursache eine Störung des Herzrhythmus, die zum Aussetzen des Herzschlags führt. Laut Richard Trohman, einem Kardiologen der Rush University in Chicago, verlieren die Betroffenen durchschnittlich 10 Sekunden später das Bewusstsein. Eine Studie über durch Stromschlag verursachte Todesfälle in Montréal, Kanada, zeigte, dass 92 Prozent der Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit einer Herzarrhythmie erlagen.

Größere Stromspannungen können fast unmittelbar zur Bewusstlosigkeit führen. Der elektrische Stuhl wurde entwickelt, um – im Gegensatz zur traditionellen Methode des Hängens – einen sofortigen Bewusstseinsverlust und einen schmerzlosen Tod zu erreichen, indem man den Strom gezielt durch Herz und Gehirn leitete.

Darüber, ob dieses Ziel erreicht wird, streiten sich die Gelehrten bis heute. Eine Untersuchung an Hunden aus dem Jahr 1950 zeigte, dass die Elektroden an beiden Seiten des Kopfes angebracht werden mussten, damit die Strommenge, die durch den Kopf floss, ausreichte, um das Tier zu töten.

Tatsächlich gab es im Laufe der Jahre viele stümperhafte Hinrichtungen, bei denen zur Tötung mehrere Stromstöße erforderlich waren oder aus dem Kopf des Verurteilten Flammen hervorschossen, wie in jenem Fall, bei dem die Elektroden am Schädel des Gefangenen mit einem feuchten Schaumstoff gepolstert waren, der den Strom so schlecht leitete, dass er sich erhitzte und Feuer fing.

2005 ergab eine Untersuchung der sterblichen Überreste von 43 auf dem elektrischen Stuhl hingerichteten Gefangenen sichtbare Verbrennungen an all jenen Stellen des ­Kopfes und der Beine, wo die Elektroden befestigt waren. William Hamilton, Rechtsmediziner aus Florida und federführender Autor der Untersuchung, kam dennoch zu dem Schluss, dass der Tod in sämtlichen Fällen sofort eingetreten sei und die Verbrennungen erst post mortem entstanden seien.

Dagegen glaubt John Wikswo, Biophysiker von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, dass der relativ dicke Schädelknochen wie eine Isolierung wirke und die Stromstärke, die das Gehirn erreicht, zur Tötung nicht ausreiche. Die Verurteilten stürben entweder an einer Erhitzung des Gehirns oder erstickten aufgrund einer Lähmung des Atemzentrums – beides eher unangenehme Arten, aus dem Leben zu scheiden.

Explosiver Druckabfall


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Der Tod im Vakuum gehört zum Standardrepertoire der Science-Fiction-Literatur, wo immer ein Unglücklicher aus der Luftschleuse fällt oder ein Raumanzug reißt. Im wirklichen Leben ist es erst einmal zu einem tödlichen Unfall durch Unterdruck gekommen, und zwar während der russischen Sojus-11-Mission. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre leckte eine Dichtung. Als man die Raumkapsel öffnete, waren alle drei Kosmonauten erstickt.

Die meisten Kenntnisse, die wir über die Auswirkungen von Unterdruck besitzen, stammen aus Tierexperimenten und aus den Erfahrungen von Piloten, die in sehr großer Höhe verunfallten. Wenn der äußere Luftdruck plötzlich abfällt, dehnt sich die Luft in der Lunge aus und zerreißt das empfindliche Gewebe, in dem der Gasaustausch stattfindet. Wenn der Betroffene vor dem Druckabfall zu atmen vergisst oder die Luft anhält, sind die Schädigungen besonders schwerwiegend, weil dann Sauerstoff aus dem Blut und den Lungen austritt.

Experimente an Hunden in den 1950er Jahren haben gezeigt, dass der Körper 30 bis 40 Sekunden nach dem Druckabfall anschwillt, weil das Wasser in den Geweben verdunstet, die oberste, dichte Hautschicht jedoch das „Platzen“ des Körpers verhindert. Die Herzfrequenz erhöht sich zunächst und fällt dann steil ab. Im Blut bilden sich Dampfbläschen, die die Blutzirkulation behindern. Nach etwa einer Minute steht der Kreislauf praktisch still.

Zu den Personen, die einen rapiden Druckabfall überlebt haben, gehören vor allem Piloten, in deren Flugzeugen der Druckausgleich nicht mehr funktionierte, aber auch ein NASA-Techniker, der versehentlich in einer Vakuumkammer seinen Druckanzug dekomprimierte. Sie berichten häufig über einen heftigen Anfangsschmerz, als habe man ihnen auf die Brust geschlagen, erinnern sich manchmal an ein Gefühl, als ob Luft aus der Lunge entweiche, und daran, dass es ihnen den Atem verschlagen habe. Bis zur Bewusstlosigkeit dauerte es in der Regel nicht länger als 15 Sekunden.

Bei einem Mitte der 1960er Jahre vom US Army Aero­medical Research Laboratory in New Mexico durchgeführten Experiment kam heraus, dass ein Schimpanse nur noch 11 Sekunden lang bei halbwegs klarem Bewusstsein war, ehe der Sauerstoffmangel zur Bewusstlosigkeit führte.

Angesichts solcher anscheinend traumatischen Auswirkungen überrascht es umso mehr, dass Tiere, bei denen der Unterdruck innerhalb von 90 Sekunden wieder ausgeglichen wurde, im allgemeinen ohne bleibende Schäden überlebten.

Anna Gosline ist Journalistin in Vancouver, Kanada. © New Scientist Magazine.

Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.