Morgengrauen

Wie man ein Gefühl für die Realität bekommt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.12.2015

Während die renommierte Kunstkuratorin bei der Ausstellungseröffnung vor versammelter Kulturpresse dekretierte: „Die Realität ist relativ“, eröffnete die renommierte Kinderpsychologin am Rande eines Terrorkongresses – wir leben ja in der Terror-Epoche –, wie man Kindern „die“ Realität am besten erklärt.

Ein Berichterstatter, der beiden  Realitätsexpertinnen gelauscht hatte, wusste schließlich erst recht nicht, was er berichten sollte. Also stellte er, selbst mehrfacher Vater, sich selbst die Frage, die ihm am dringlichsten schien: „Wie wäre es möglich, den Kindern die Realität zu erklären, wenn die Realität doch relativ ist?“

Da der Berichterstatter keine Ahnung hatte, wie darauf zu antworten sei, rief er mich an, den befreundeten Philosophen. Das war gestern. Wir haben eine Zeit lang geplaudert, er über seine quecksilbrigen Kinder, ich über meine reizenden Enkeltöchter E. und H.

Heute Morgen lese ich seinen Bericht in der Zeitung, dem ich entnehme, dass man Kindern die Realität am besten erkläre, indem man sie ihnen nicht erkläre, denn: „Die Realität ist relativ.“ Ich bin besorgt, offenbar fehlt mir das Gefühl für die Realität der Nichtrealität (et vice versa).

Zum Glück purzeln jetzt E. und H. bei der Türe herein, um mich einfache Zaubersprüche zu lehren. E., die Ältere, sagt „Simsalabim“ – kenn ich! –; H., die Jüngere, plappert es ihrer Schwester begeistert nach: „Sim“ und „Bim“.

Das stimmt mich von Herzen froh. Langsam bekomme ich wieder ein Gefühl für die Realität.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.