Morgengrauen

Wie Muscheln von den Augen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.05.2016

Wieder so ein Tag, der damit beginnt, dass ich die verklebten Augen nicht aufbekomme. Meine ältere Enkeltochter E. hat mir das gelegentlich so erklärt: Bevor ich einschlief, kam dem Sandmännchen das Sandsäckchen aus und dabei rieselte, was total logisch ist, zu viel Sand in meine Augen. E. gilt in meiner Familie als diejenige, die – wie meine Tochter sagt – „für alles eine Erklärung hat“.

Als ich E. fragte, warum, wenn es doch der Sand war, der dem Sandmännchen auskam, mir dann morgens die Augen verklebt, statt blankgescheuert sind, da antwortete E., indem sie sich ein wenig über meine Unwissenheit mokierte, das habe mit der Tränenflüssigkeit zu tun, die meine Augen nachts absonderten. Manche Menschen, sagte E., weinen nachts, weil sie tagsüber traurig sind, und dann verklebt der Sand in ihren Augen. Solchen Menschen, sagte E. – wobei sie sich auf die Geschichte über einen traurigen Meeresriesen berief, dem bei Flut nicht seine prallgefüllten Netze, sondern seine abenteuerlustigen Meerjungfrauen davongeschwommen waren –, fällt es dann am Morgen, wenn der Sand wieder getrocknet ist, wie Muscheln von den Augen.

Jetzt sitze ich am Bettrand praktisch blind, einem Nacktmull vergleichbar, und das stimmt mich irgendwie heiter. Laut E. werden nämlich die Meerjungfrauen zu ihrem Meeresriesen zurückkehren; hungrig – und wie! –, um mit ihm zusammen die prallgefüllten Netze schmatzend zu leeren. Da spüre ich, wie es mir wie Muscheln von den Augen fällt: Zeit, das Frühstück zu bereiten.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).