Morgengrauen

Wie rasch doch die Zeit vergeht!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 02.10.2016

Morgens wird es bereits später hell. Das veranlasst die Menschen in meiner Umgebung zu sagen: „Wie rasch doch die Zeit vergeht.“ Ich aber stehe an meinem Orchideenfenster und blicke zur Kirche gleich neben der Ausfahrtsstraße hinüber. Noch immer müht sich die hüftschwache alte Frau durch die schwere Holztür des Kirchenportals, um die Morgenmesse zu besuchen (ich weiß nicht, ob zu dieser Zeit überhaupt eine Messe gelesen wird).

Mir kommt vor, die alte hüftschwache Frau ist schwächer geworden, denn die Kirchentür scheint dem Druck ihrer beiden Hände einen immer stärkeren Widerstand entgegenzusetzen. Trotzdem habe ich das Gefühl, während ich beobachte, wie der Türspalt schließlich groß genug ist, um durchzuschlüpfen, dass die Zeit immer langsamer vergeht. Irgendwie hängt das Zögern der Welt, weiter voranzuschreiten, mit dieser kleinen Szene auf den Kirchenstufen zusammen. Und ich spüre tiefinnerlich, dass die Zeit eines Tages stillstehen wird. Dann nämlich wird die alte hüftschwache Frau nicht mehr durch die schwere Holztür kommen. Sie wird es versuchen, nichts wird sich rühren. Das Holz wird unbeweglich verharren, der eiserne Türgriff auch. Und dann, am Ende wird die alte hüftschwache Frau wegbleiben …

Ich wende mich vom Fenster ab, es ist Frühstückszeit. Und nun, eifrig zwischen Toaster – heute gibt es getoastetes Brot – und Kaffeemaschine stehend, gehöre ich wieder zur Rotte jener, die bass erstaunt in den Tag hineineilt: „Wie rasch doch die Zeit vergeht!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.