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Randnotiz

Wie sicher fühlen sich die Wiener?

von Leopold Stefan / 14.05.2016

Statistische Wahrscheinlichkeiten sind für die meisten Menschen intuitiv schwer fassbar. Vor allem wenn es um die persönliche Sicherheit geht, erzeugt ein dramatischer Zwischenfall mehr Unbehagen als hundert kleinere. Vorsätzlich verursachte Gewalt, wie Terrorismus oder Überfälle, verbreiten mehr Panik als Unfälle, obwohl bei Letzteren deutlich mehr Menschen sterben.

Daher verunsichern der brutale Mord am Wiener Brunnenmarkt sowie die Vergewaltigung am Praterstern die Bewohner in der Hauptstadt, obwohl die Kriminalitätsrate nicht gestiegen ist – das schließt eine Verlagerung zu neuen Brennpunkte innerhalb der Stadt natürlich nicht aus.

Der Vergleich mit anderen Millionenstädten zeigt aber, dass sich die Sorgen der Wiener um ihre Sicherheit in Grenzen halten. Die Vergleichsplattform Numbeo führt laufend Umfragen zum subjektiven Sicherheitsgefühl in Städten durch. Einheimische und Besucher werden zu ihren Bedenken, nachts auf die Straße zu gehen und der gefühlten Entwicklung von Gewaltverbrechen und anderen Delikten befragt.

Dabei rangiertDie exakte Reihenfolge der Städte in der Numbeo-Umfrage sollte aufgrund variierender Stichprobengrößen nicht überschätzt werden. Die Liste der sichersten Städte deckt sich weitgehend mit dem exakter erhobenen Safe City Index 2015 der Economist Intelligence Unit. In diesem Index ist Wien allerdings nicht vertreten. Wien unter den sichersten Städten in den OECD-Ländern. Die Angst, auf offener Straße überfallen zu werden, ist demnach sehr gering. Am negativsten beurteilten die Befragten, wie sich die Kriminalität in den vergangenen drei Jahren in Wien entwickelt hat. Das Gefühl deckt sich nicht mit der tatsächlichen Veränderung, aber früher war es eben immer besser.

Eine Frage der Perspektive

Objektive internationale Vergleiche von Verbrechensraten scheitern zum Teil an der relativen Häufigkeit von Delikten. In Wien hat sich die Mordrate von 2014 auf 2015 verdoppelt. Das klingt zwar dramatisch, konkret handelt es sich aber um neun Einzelfälle im Ausgangsjahr.

Auch bei der Häufigkeit von Vergewaltigung verzerren kulturelle Unterschiede im Umgang mit den Opfern die Statistik. Wie stark Opfer unter Druck stehen, aus Furcht vor Schande von einer Anzeige abzusehen, führt in manchen Teilen der Welt zu erschreckend hohen Dunkelziffern.

Autodiebstähle eignen sich hingegen gut, um die Verberechensrate zwischen Orten zu vergleichen, da der Tatbestand klar abgegrenzt ist. Internationale Opferbefragungen haben gezeigt, dass Kfz-Diebstähle überall auf der Welt am häufigsten auch zur Anzeige gebracht werden.

Ein Vergleich der Kfz-Diebstahlsraten mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl, auch bei der konkreten Frage nach der Angst vor Autodieben, zeigt international wenig Zusammenhang zwischen Realität und Wahrnehmung. Bezeichnenderweise fühlen sich Bewohner in Seattle und Berlin etwa gleich sicher, obwohl in der US-Stadt viermal mehr Autos entwendet werden. Wie sicher sich der Einzelne fühlt, ist eben eine Frage der Perspektive. Ein Blick ins Ausland hilft, die Sicherheitslage in seiner Heimatstadt – trotz vereinzelter Tragödien – besser abzuschätzen.

Für Wiener gilt: Natürlich kann man sich auch beim Städtetrip nach Barcelona oder beim Thailandurlaub in Bangkok abends auf die Straße trauen, aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass sich in kaum einer Millionenstadt die Menschen so sicher fühlen wie in Wien.