Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Wie von Zauberhand

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.02.2016

Der Fasching geht zu Ende, heute soll im Kindergarten ein Zauberer auftreten. Daher begleite ich – als einzige Begleitperson noch grippefrei – meine ältere Enkeltochter E. zum Kindergarten.

Sie zappelt, ist voll nervöser Vorfreude. Und H., meine jüngere Enkeltochter, zappelt eifrig mit. Wir sind zu früh dran, stehen vor verschlossener Kindergartentüre. Inzwischen übt E. einige Zaubersprüche der Lillifee, die mir alle an den Haaren der Lillifee-Industrie herbeigezogen zu sein scheinen. Mir reicht „Simsalabim!“, was ich einem jungen Vater anvertraue, der mit seiner Tochter (beide zappeln) ebenfalls wartet.

Der Vater aber, ungefähr ein halbes Jahrhundert jünger als ich, gehört zu jener Sorte, die in ihrem pädagogischen Eifer alle Lillifee-Zaubersprüche auswendig gelernt haben. Das wiederum frustriert seine Tochter, die nur auf ihren vollen Vornamen, Anne-Sophie Maria Magdalena, hört.

Anne-Sophie Maria Magdalena rächt sich, indem sie ihren Zaubersprüche klopfenden Vater andauernd korrigiert. Keinen einzigen kann er richtig hersagen. Schließlich beteuert er, ein gekränkter Lillifee-Hascher: „Anne-Sophie Maria Magdalena ist schon richtig erwachsen.“

Meine Enkeltochter E. scheint Mitleid mit dem Hascher-Papa zu haben, denn sie sagt ihm einen Zauberspruch vor, welchen auch er wird fehlerlos nachsagen können: „Simsalabim!“ Und ihre jüngere Schwester H. bringt die Sache wieder einmal auf den Punkt: „Bim!“

Na also – die Kindergartentüre öffnet sich wie von Zauberhand.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.