Wieder einmal eine falsche Alternative

von konrad.liessmann@univie.ac.at / 28.01.2015

Manche Islamexperten, so war in den letzten Tagen zu lesen, fordern einen interkonfessionellen Religionsunterricht, um das Verständnis zwischen den Religionen zu verbessern und damit der Gefahr der Radikalisierung vorzubeugen. Einem verbindlichen Ethikunterricht allerdings stehen diese Experten skeptisch gegenüber, aus Sorge, dass dabei das religiöse Wissen zu kurz kommen könnte.

Abgesehen davon, dass diese Ansicht auch insoweit erstaunt, als zahlreiche Vertreter des konfessionellen katholischen oder evangelischen Religionsunterrichts immer wieder betonen, wie interkonfessionell ihr Unterricht ohnehin schon sei – so sehr, dass man eher den Eindruck hat, dass das Wissen um die eigenen Religionen verschwindet, abgesehen auch davon, dass gerade viele liberale Muslime, die durch solche Maßnahmen unterstützt werden sollen, mit einem interkonfessionellen Unterricht wenig Freude haben werden, sehen sie doch in einem staatlich garantierten und maßvoll kontrollierten islamischen Religionsunterricht die besseren Chancen zur Deeskalierung, muss die Skepsis gegenüber dem Ethikunterricht doch verwundern.

Natürlich ist es richtig, dass Ethik prinzipiell etwas anderes ist als Religion, und dass eine säkulare Moral, auf der die gesamte westliche Konzeption der Menschenrechte und des Rechtsstaates beruhen, etwas anderes ist als eine Summe religiöser Gebote und Vorschriften, aber genau das macht den Ethikunterricht so notwendig. Denn es geht nicht, wie uns die Islamexperten weismachen wollen, so sehr um einen Konflikt der Religionen; es geht auch nicht darum, den Wurzeln des katholizistischen Terrorismus (den es eher nicht gibt) und denjenigen des islamistischen Terrors (den es eher schon gibt) durch wechselseitiges Kennenlernen das Wasser abzugraben. Sondern worum es geht, ist die Konfrontation einer sich als säkular verstehenden Rechts- und Gesellschaftsordnung mit religiös inspirierten Lebensmodellen. Muslime und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften und Glaubensbekenntnisse leben nicht im Lande einer anderen Religion, sondern in einem Land, dessen Grundlagen sich so weit wie möglich von religiösen Bestimmungen frei halten müssen, gerade um die unterschiedlichen Glaubensrichtungen und die Freiheit der Religionsausübung respektieren und garantieren zu können.

Allerdings: Es stimmt, dass das Wissen um die großen Weltreligionen, das einmal zum klassischen Bildungskanon gehörte, abgenommen hat. Ob die Schuld dafür an der unseligen Kompetenzorientierung liegt oder daran, dass man lange glaubte, dass solch ein Wissen in einer modernen Welt keinen Nutzen mehr bringen kann – erinnert sich noch jemand an den Finanzminister, der die Orientalistik als Orchideenfach abschaffen wollte? –, bleibe einmal dahingestellt. Ein interkonfessioneller Religionsunterricht könnte hier sicher einiges korrigieren, auch wenn sich sofort die Frage stellt: Wer unterrichtet hier dann eigentlich? Religionslehrer, die vor diesen Stunden ihre Konfession an der Garderobe abgeben? Oder pädagogisch und didaktisch geschulte Religionswissenschaftler, die überhaupt erst ausgebildet werden müssten? Oder Teams, die sich wechselseitig versichern, zwar im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, aber gerade deshalb vorgeben zu verstehen, dass auch der andere im Besitz solch einer Wahrheit sein kann? Die Realität solch eines Unterrichts möchte man sich lieber nicht vorstellen.

Aber auch wenn solch ein Unterricht gelingen könnte: Die Wiederbesinnung auf dieses religionskundliche Wissen kann nur die eine Seite darstellen. Die andere besteht in der Tatsache, dass unsere moderne Lebenswelt sich in einer Weise von religiösen Traditionen und Befindlichkeiten entfernt hat, dass sie von Strenggläubigen unterschiedlicher Konfessionen als befremdlicher erfahren wird als eine andere Religion. Dass Satire nicht zu weit gehen darf – darin sind sich radikale Muslime und der Papst einig. Die vielbeschworene und ohnehin nur halbherzig verteidigte Meinungsfreiheit – bei Schiller noch: Gedankenfreiheit – ist allerdings keine Errungenschaft einer Religion. Die Konzentration auf einen interkonfessionellen Unterricht und Dialog übersieht darüber hinaus, dass sich hinter religiös konnotierten Radikalisierungen auch andere Motive verbergen können: soziale, politische und kulturelle. Der medial vermittelten und in manchen migrantischen Jugendkulturen grassierenden Faszination der Gewalt wird man durch Interkonfessionalität ebenso wenig begegnen können wie dem Gefühl, keine Chancen zu haben.

Abgesehen davon: Räumte man der Religion diese dominante Rolle ein und teilte die These von der Rückkehr der Religionen – trotz des zunehmenden Bedeutungsverlusts der traditionellen Kirchen und der weiteren Ausdehnung säkularer Lebensstile –, würde man das religiöse Paradigma als verbindliches Modell der Weltdeutung reetablieren und akzeptieren. Wir würden uns dann in den Denkmustern des Mittelalters bewegen. Nein, die eigentliche Konfliktlinie verläuft nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen religiösen Glaubensvorstellungen und damit verbundenen Lebensformen auf der einen und säkularen Konzepten und Rechtsvorstellungen auf der anderen Seite. Eine philosophische Ethik ist deshalb auch kein Glaubensbekenntnis unter anderen, sondern Ausdruck zumindest des Willens, auch die Regeln und Normen des Zusammenlebens als Resultat vernunftgeleiteter Überlegungen und nicht als Befolgung von Glaubenssätzen zu sehen – was nicht heißt, dass es nicht in manchen Punkten Übereinstimmung geben kann. Aber alle wichtigen Ideen der Aufklärung wurden in der Regel nicht mit den Religionen, sondern gegen sie entwickelt.

Vielleicht wäre es gut, wenn Lehrer auch darin geschult würden, zu erklären, was es heißt, um vernünftige Begründungen für das gute Leben zu ringen, und was es heißt, allen dogmatischen Wahrheitsansprüchen gegenüber kritisch und selbstkritisch zu agieren. Das schließt die Auseinandersetzung mit Religionen nicht aus, sondern ein. Erst eine säkulare Ethik, deren Wurzeln bis Aristoteles zurückreichen, könnte den Rahmen vorgeben, der es den Religionen erlaubte, in einen gesellschaftspolitisch fruchtbaren Diskurs zu treten. Interkonfessioneller Religionsunterricht versus Ethikunterricht ist deshalb wieder einmal eine falsche Alternative. Dass sie überhaupt ins Spiel gebracht werden kann, zeugt von einem bedenklichen Misstrauen gegenüber den Errungenschaften und dem Erbe der Aufklärung. Vielleicht wissen wir auch darüber mittlerweile viel zu wenig.