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Dr. Strangelove

Wien und die Frauen

von Milosz Matuschek / 14.11.2015

In Österreich sind Frauen auf dem Vormarsch. Zumindest symbolisch.

Wer derzeit unbefangen touristisch durch Wien streift, dem fällt sofort die Präsenz der Frau im öffentlichen Stadtleben auf. Lassen wir mal Sisi beiseite. Das Freud-Museum wirbt mit einer Sonderausstellung „Das ist das starke Geschlecht“ über Frauen in der Psychoanalyse. Das Belvedere stellt „Klimt, Schiele Kokoschka und die Frauen“ aus. Lesbische Ampelweibchen helfen einem sicher über die Straßen. Da fällt es gleich stärker auf, dass zur gleichen Zeit in der Landesregierung Oberösterreichs Frauen völlig fehlen. Zufall?

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Insgesamt scheinen die österreichischen Nachbarn weitaus sensibler zu sein, was das Genderthema und den Feminismus angeht. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Präsenz der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich vielleicht nur ein symbolischer Siegeszug ist, siehe Oberösterreich. Kann nicht gerade die Betonung des Weiblichen, die feministische Perspektive auf Themen wie Kunst, Medizin, Wissenschaft usw. den gegenteiligen Effekt haben? Den Effekt nämlich, dass der Eindruck entsteht, man tue jetzt mal wirklich was für Frauen, und tatsächlich ist es nur eine Frauenhervorhebungs- und Präsentierfassade?

Alles nur hübsche Frauenfassade?

Der Fassadeneindruck drängt sich dann auch bei den Ausstellungen selbst auf. Bei „Klimt Kokoschka, Schiele und die Frauen“, sieht man grosso modo das, was man sonst auch sah, ohne den Zusatz „und die Frauen“: Frauenporträts, mal angezogen, mal nackt, mal masturbierend, mal symbolisch überhöht. Intensive, schöne Bilder eben, wie sie der kunstinteressierte Normalo eben gerne betrachtet. Recht viel mehr erfährt man nicht über die Frauen selbst, außer vielleicht über die Beziehung Kokoschkas mit Alma Mahler. Ein paar wichtige Hintergrundinformationen zur desaströsen Situation der Frau um 1900, das war’s fast schon.

Insgesamt bleibt die alte Ordnung bestehen: Die großen Meister bleiben an ihrem Platz, die Frauen sind auch gewürdigt, und der Zuschauer kann, wenn er will, auf Masturbationsakte starren, nur eben jetzt mit dem guten Gewissen, es habe damit genderpolitisch seine gute Ordnung. Dann noch etwas pädagogische Schelte der weisen Spätgeborenen an Klimt für seinen machistischen, männlichen Blick und ein Vortrag von Christiane Hörbiger, wie stark und selbstbewusst Frauen doch sind. Ach ja, schön alles. Weiter ins Kaffeehaus.

Im Freud-Museum ist der Eindruck des Alibihaften noch frappierender: Die porträtierten Psychoanalytikerinnen wie Bonaparte, Deutsch oder Andreas-Salomé wirken wie ein Anhängsel an Freud, sie bekommen ein paar Wände mit Text und Fotos, gerne auch noch auf Englisch, dann wirkt es nicht so leer. Großtönend ist der Titel „Das ist das starke Geschlecht“, letztlich erfährt man fast nur etwas über die Arbeit dieser Fackelträgerinnen von Freuds Lehre, Widerspruch und Kritik an dem Übervater Freud stand eher nicht auf der Tagesordnung. Dabei wäre die Hervorhebung dieser Reibemomente das eigentlich Interessante. So wirkt die Ausstellung insgesamt seltsam aufgeplustert, überprätenziös und letztlich dünn. Einfluss der Frauen auf Psychoanalyse? Nun ja, sicher auch, aber noch stärker bleibt der Eindruck zurück, es war eben vor allem umgekehrt.

Die gegenteilige Wirkung der Symbolik

Weitaus stärker als die zwei Ausstellungen, die den Einfluss der Frauen so überbetonen und letztlich nicht wirklich einlösen, wirkt in Bezug auf die Rolle der Frau die Ausstellung über den „Wiener Kreis“ an der Universität Wien nach. Hier fällt sofort auf, dass Frauen völlig fehlen. Der Kreis aus philosophisch interessierten Naturwissenschaftlern war eben ein Herrenzirkel. In diesen Momenten und bei einem Spaziergang im Arkadenhof der Universität, dessen Säulengang ebenfalls nur Männer porträtiert, wird einem erst die völlige Unterrepräsentierung der Frau im damaligen öffentlichen Leben bewusst. Eine nachträglich wohlgemeinte Hinzuretuschierung der Frau hätte hier symbolisch nur den gegenteiligen Effekt.

Dabei wäre auch beim Wiener Kreis der Einfluss der Frauen interessant: Was zum Beispiel trieb den Mathematiker Kurt Gödel, der für manche als größter Logiker seit Aristoteles galt, ausgerechnet in die Arme einer Nachtclub-Tänzerin? Doch das ist vielleicht eher ein Stoff für Romane.