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Die neue politisch korrekte Empfindsamkeit der Rechten

Willkommen im Opferland

Gastkommentar / von Matthias Dusini / 19.05.2016

Der Kampf gegen Diskriminierung war bisher die Domäne emanzipatorischer Politik. Heute nehmen auch die Rechten, die gerne vor linkem Tugendterror warnen, am Opferwettbewerb teil. Ein Gastkommentar von Matthias DusiniMatthias Dusini ist Feuilletonchef der Wochenzeitung Falter in Wien. Zusammen mit Thomas Edlinger hat er 2012 in der Edition Suhrkamp den Band vorgelegt: „Glanz und Elend der Political Correctness“. .

Neueste Nachrichten aus dem Opferland. Am 24. April fand in Österreich die Bundespräsidentenwahl statt, bei der der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ einen spektakulär hohen Stimmenanteil von 35,1 Prozent bekam. Kurz nach der Wahl spazierte ein FPÖ-Funktionär in der Wiener Leopoldstadt an einer lesbisch-schwulen Konditorei vorbei, an der zu lesen war: „Wenn du bei diesen 35 Prozent dabei bist, geh doch bitte einfach weiter. Danke.“

Der Politiker empörte sich über die „faschistoiden Methoden gegen politisch Andersdenkende“ und erstattete Anzeige wegen Verdachts auf Verletzung der Menschenwürde. Auch wenn das Demokratieverständnis der Wirtin wenig entwickelt sein dürfte, ist die Konstellation paradox: Der Vertreter einer Partei, die nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen Nationalsozialisten gegründet wurde, als Faschismusopfer?

Das Recht, gekränkt zu sein

Der Kampf gegen Diskriminierung war bisher die Domäne emanzipatorischer Politik. In den neuen sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre traten die marxistisch begründeten Forderungen nach größerer Gleichheit in den Hintergrund. Stattdessen sollten Barrieren abgebaut werden, die nicht nur durch die Klasse, sondern auch durch Geschlecht und Hautfarbe begründet waren. Rassismus und Sexismus wurden zu Synonymen einer Leidenserfahrung, die den Betroffenen auf den Leib geschrieben ist.

Wie lässt sich diese Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen? Dem afroamerikanischen Studenten, der vom Bildungssystem benachteiligt wurde, kann durch gezielte Förderung geholfen werden. Für weibliche Führungskräfte gibt es möglicherweise eine Quotenregelung, damit sie in einen männlich dominierten Unternehmensvorstand vordringen können.

Selbst Despoten argumentieren neuerdings politisch korrekt, weil sie die Empathie hervorrufende Kraft der Opferrhetorik erkannt haben.

Aber wie steht es um den Chef selbst, der homosexuell ist und nun einer Frau Platz machen soll? Und leidet nicht auch der bei den Studierenden als Macho verschriene Professor darunter, dass er aufgrund seines osteuropäischen Akzents gehänselt wird? Die Grenze zwischen legitimen Ansprüchen und bloß gefühlter Ausgrenzung ist fließend. Universell ist lediglich das Recht darauf, gekränkt zu sein.

Das gilt auch für Konservative. Die Zeiten sind vorbei, in denen gefühlsbetonte Umweltschützer und Frauenrechtlerinnen hemdsärmeligen Rabauken à la Franz Josef Strauß gegenüberstanden. Der patriarchale Erziehungsstil verordnete den Pubertierenden gegen narzisstische Kränkungen Hausarrest.

Heute nehmen auch die, die vor linkem Tugendterror warnen, am Opferwettbewerb teil. Der Bestsellerautor Thilo Sarrazin fühlt sich, vor einem Millionenpublikum, vom angeblich linken Mainstream verfolgt. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezeichnet seine nationalistische Bewegung als „die neuen Juden“. Auch den SVP-Granden Christoph Blocher erinnerte die Kritik seiner Gegner an die „Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber“. Beide sehen sich als Opfer der Political Correctness – und verwenden deren Argumente.

In der Leidkultur sprach der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan keineswegs als Herrscher vom alten Schlag, als er den deutschen Satiriker Jan Böhmermann wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes anzeigte. Erdogan klagt nicht als Majestät, die ihren Größenwahn mit einem Hofnarren therapieren würde, sondern als gekränktes Selbst, das sich auf den Leitfaden für Nichtdiskriminierung beruft.

Jeder will eine verfolgte Minderheit sein

Political Correctness war ein konservatives Schlagwort, um progressive Anliegen als bevormundend zu desavouieren. Selbst Despoten argumentieren neuerdings politisch korrekt, weil sie die Empathie hervorrufende Kraft der Opferrhetorik erkannt haben. Ist nicht der weiße Mann, dieses Feindbild des postkolonialen Feminismus, zur Minderheit im eigenen Land geworden?

Gekränkter Stolz verbindet. Das wissen nicht nur islamistische Opferideologen, die den Westen insgesamt als neokolonialen Unterdrücker ablehnen. Auch Populisten nutzen die mobilisierende Wirkung der Moral, um vereinfachende Gegensätze aufzubauen. Sie beschwören das wahre Volk als Antithese zu den korrupten Eliten, auch wenn ihre Wortführer, etwa Christoph Blocher oder Donald Trump, selbst Teil des Establishments sind. Die Täter-Opfer-Umkehr muss keinen faktisch begründeten, sondern nur gefühlten Gegebenheiten entsprechen.

In westeuropäischen Staaten haben die etablierten Volksparteien einen Cordon sanitaire errichtet, um die als undemokratisch geltenden Protestparteien vom Zugang zur Macht abzuhalten. Diese Politik ist die beste Voraussetzung für den Erfolg des Gegners, denn sie wird nicht als Abgrenzung, sondern als Ausgrenzung empfunden.

Zu Recht warnte der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic davor, alle Wählerinnen und Wähler des freiheitlichen Kandidaten Norbert Hofer über einen Kamm zu scheren und sie als Nazis zu verunglimpfen. Denn nichts eint mehr als das Gefühl, einer verfolgten Minderheit anzugehören – die nun auf dem besten Weg ist, die Macht zu übernehmen.