Morgengrauen

Windelwandel, welches Handl?

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.07.2016

Ich denke mir eigentlich nie: „Was wird dieser Tag bringen?“ Ich finde die Frage deprimierend. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen fragte meine Großmutter vor sich hin, während sie mir die Butter aufs Schulbrot strich: „Was wird dieser Tag bringen?“ Ich glaube, ich habe ihr schnippisch geantwortet – was soll ein Volksschulkind auf eine solche Frage schon antworten? –: „Windelwandel, welches Handl?“

Das war ein Kinderspiel, man verbarg beide Hände hinterm Rücken, versteckte in einer Hand einen kleinen Gegenstand, streckte beide Hände wieder vor und drehte sie unter den Augen des Mitspielers rasch hin und her: Windelwandel … Der Mitspieler musste erraten, wo sich der Gegenstand befand, indem er auf eine der beiden Hände klopfte. Ein ziemlich stumpfsinniger Zeitvertreib. Der Reiz bestand jedoch darin, dass, falls die richtige Hand erraten wurde, der kleine versteckte Gegenstand den Besitzer wechselte, bis sich das Glück wieder dem anderen Spieler zuwendete.

Ich weiß nicht, was ich meiner Großmutter mit meiner schnippischen Antwort bedeuten wollte, sie aber lachte dazu. Vielleicht dachte sie, der neue Tag – das sei das kleine Geschenk. Denn heute denke ich ähnlich. Man war als Kind ja nicht wirklich enttäuscht, wenn man falsch geklopft hatte. Falls die sich öffnende Hand leer war, spürte man einen Kitzel: „Es hätte aber auch was drin sein können!“ Und so denke ich heute, dass der neue Tag auf alle Fälle eines bringen wird – den neuen Tag, nicht wahr?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).