Zwei Tage im Altersheim

„Wir Frauen bleiben übrig“

von Yvonne Widler / 28.02.2016

Zwei Tage im Altersheim. Was bleibt, sind gemischte Gefühle und die Gewissheit, dass man jeden Tag, an dem man gesund ist und seinen Körper oder Geist so steuern kann, wie man das möchte, einfach nur genießen sollte. Denn der Tag, an dem es anders sein wird, der kommt, ob wir wollen oder nicht. Aber selbst dann kann man auch noch sehr viel Spaß haben.

Die Frauen tragen heute feine Seidenblusen, große Perlenohrringe, an Hälsen und Fingern funkelt goldener Schmuck. Schmuck, der sonst nur noch in kleinen Schatullen in der Sockenlade versteckt ist. In den Händen halten sie Rosenkränze. Der Geruch von schwerem Parfüm liegt in der Luft. Ein Geruch, den man noch von früher kennt, wenn die Großmutter zu Besuch kam. Auch die Männer haben das schönste Sonntagsgewand und das beste Rasierwasser hervorgeholt. Etwas, das sie nicht mehr allzu oft machen.

Aber heute ist ein besonderer Tag. „Das Fernsehen kommt“, tuschelt man auf den Gängen nervös. Wenn man als junger Mensch das erste Mal ein Altersheim betritt, ist das ein seltsames Gefühl. Ich habe niemanden besucht, ich habe beruflich einige Tage dort verbracht, weil wir eine Video-Reportage über das Leben in diesen Einrichtungen gedreht haben.

Zu Recherchezwecken habe ich die Pflegewohnhäuser Rudolfsheim-Fünfhaus und Leopoldstadt besucht. Beide finanziert durch die Stadt Wien und im Rahmen des neuen Wiener Geriatriekonzeptes gebaut, hochmodern. Ein- und Zweibettzimmer, jedes mit eigenem Balkon oder Loggia und Badezimmer. In manchen sieht es aus wie im ehemaligen Wohnzimmer der Patienten, weil so viel an persönlichen Dingen von zuhause mitgenommen wurde. Auch das ist neu und war früher in dieser Form nicht möglich.

Es gibt eigene Demenzstationen mit barrierefreiem Zugang zum Demenzgarten, wo sich Menschen mit erhöhtem Bewegungsdrang ausleben können. Diese Patienten tragen Chip-Armbänder. Entfernen sie sich zu weit von der Station, geht ein Alarm los. Früher sind Demente oft weggelaufen. Das kann heute nicht mehr passieren.

Streift man durch die Gänge, fällt eines sofort auf: Hier leben weitaus mehr Frauen als Männer. Das Verhältnis ist 80 zu 20. Sie werden älter und pflegen ihre Partner, die meist vor ihnen sterben. „Wir Frauen bleiben übrig“, sagt eine Bewohnerin, die sich heute besonders schick gemacht hat. „Kommen Sie zur Gedächtnistrainings-Stunde, wir haben eine Überraschung für Sie“, sagt eine Pflegerin. Eine Frau möchte ein Gedicht für uns aufsagen.

Alle hören gespannt zu, wie sie spricht. Danach applaudieren die Damen wie wild. Sie sind stolz, das merkt man. In der Damenrunde hier sitzt auch Frau Braun. Sie trägt heute einen Seidenschal, einen Haarreifen mit goldener Masche und hat ihr weißes Haar sorgfältig zu einem geflochtenen Zopf gebunden. Die Leiterin der Stunde teilt einen Zettel aus, auf dem lauter unterschiedliche Gegenstände aufgezeichnet sind. Sie sollen erkannt werden. Frau Braun sucht eifrig.

Der hauseigene Friseur hatte die Tage vor unserer Ankunft einiges zu tun. Alle Termine waren ausgebucht. Die Damen haben sich in Schale geworfen und da gehört die richtige Frisur natürlich dazu. Und wenn mit den eigenen Haaren gar nichts mehr geht, dann wird eine hübsche Perücke bestellt. Es ist, wie es ist. Frau Moshammer macht das Beste draus, sagt sie und lacht.

Demenz, Herzleiden, Multiple Sklerose, Schlaganfälle, orthopädische Beschwerden. Viele hier sind multimorbid. Das bedeutet, mehrere altersbedingte Krankheiten treten gleichzeitig auf. In diesem Wohnhaus gibt es 24 Stunden medizinische Betreuung. Der zwischenzeitliche Transport ins Spital soll dadurch vermieden werden. Gerade für ältere Menschen bedeutet dies nämlich enormen Stress und führt zu weiteren Verwirrungen. Für jene Bewohner, die das noch möchten und können, gibt es ein breites Angebot an Aktivitäten. Heute ist Freitag. Eine ehrenamtliche Musikerin kommt und leitet den Chor.

Etwas später treffe ich eine Bewohnerin, die alleine an einem Tisch im Aufenthaltsbereich in einem Rollstuhl sitzt. „Wie geht es Ihnen?“, frage ich sie. „Man lebt“, sagt sie mit sarkastischem Unterton. Es sei die bessere Entscheidung, hier zu leben, weil ihr Pflegebedarf sehr hoch sei. Ihre Familie könne so besser schlafen, weil sie hier rundum medizinische Betreuung genieße.

Schaun’s, ich bin 88, habe das Glück gehabt, dass ich zwei gesunde Kinder auf die Welt gebracht habe, ich habe jetzt Enkerln. Aber alles, was mir Freude bereitet, kann ich nicht mehr machen. Das Lesen, weil meine Augen so schlecht sind, tut mir weh. Beim Fernsehen ist es so ähnlich. Ich war so gerne Wandern in der Natur, jetzt schieben sie mich mit dem Rollstuhl ein paar Mal am Tag in den Garten raus. Das Essen schmeckt mir nicht mehr, ich darf vieles nicht mehr zu mir nehmen. Was soll es noch? Mein Leben war erfüllt. Warum muss ich da jetzt noch dahinvegetieren?

Der Besuch im Altersheim ist ein emotionales Auf und Ab. Es wird alles geboten, aber nicht alle können oder wollen dies annehmen. Alt ist nicht alt. Mensch ist nicht Mensch.

Die gläubige Frau Urbancic, Frau Braun mit dem geflochtenen Haar, die Bewohnerin, die extra für uns ein Gedicht gelernt hat, Frau Moshammer mit der Perücke, die immer lacht, oder Herr Starkmann, der keine Verwandten mehr hat und die meiste Zeit vor dem Fernseher verbringt – sie alle haben 80 Jahre mit Höhen und Tiefen hinter sich und leben hier nun gemeinsam in diesen Räumlichkeiten. Die einen sind geistig fit, die anderen nur körperlich. Sie singen, kochen, spielen und streiten. Sie haben bessere und schlechtere Tage. Die einen bekommen fast täglich Besuch, die anderen gar keinen. Die einen wollen jeden Tag duschen, für die anderen wäre das eine Katastrophe. Die einen erkundigen sich noch nach Sexualbegleitung und lassen sich Palmers Spitzenhöschen liefern, die anderen vergraben sich in ihrem Zimmer und sind die meiste Zeit still. Die einen vermissen ihre Wohnung, die anderen leben hier wieder auf. Verbitterung trifft auf tiefen Glauben, Frustration auf herzhaftes Kinderlachen.

Ein großer weißer Wagen bleibt vor dem verglasten Gebäude stehen. Zwei Männer öffnen die hinteren Türen und lassen eine Rampe herab. Ein Mann im Rollstuhl kommt gerade in seinem neuen Zuhause an. Er trägt eine Seemannskappe, hat sein Hab und Gut in Müllsäcken dabei. Am Empfang werden seine Daten aufgenommen und dann wird er in sein Zimmer gebracht.

Währenddessen lachen die Damen in der Leopoldstadt weiter und freuen sich auf die Palatschinken, die jetzt gleich serviert werden.