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Terror

Wir haben keine Angst

Meinung / von Barbara Kaufmann / 24.11.2015

„Nous n’avons pas peur!“ steht auf einem Kartonschild an der Place de la Republique in Paris. Schnell hingeschrieben, aber doch eindringlich in großen, breiten Buchstaben, mit dickem schwarzem Edding. Wir haben keine Angst. Davor stehen Teelichter und Kerzen. Zur Erinnerung an die Toten. An unsere Toten. Denn diese Toten waren wie wir, sagt ein Freund von mir. Er hat stundenlang ihre Biografien studiert. Ihr Alter, ihre Berufe, ihren Familienstand. Journalisten, Künstler, Kreative.

Die Freunde

Eine Filmemacherin war sicher auch dabei, sagt er, und alle am Tisch sehen mich an. Wir haben keine Angst. Haben wir wirklich keine Angst? Das hätten wir sein können, sagen unsere Blicke. Wir, die wir uns oft für einen Abend, für ein Konzert verabreden. Die Kinderbetreuung organisieren, die Schreibarbeit ruhen lassen, die Fertigstellung der Projekte verschieben. Damit wir wieder einen Abend zusammensein können. Musik hören, singen, tanzen. Du bist alt, wenn du dir keine neuen Platten mehr kaufst, sagte einer von uns vor vielen Jahren. Heute ist es kein Vinyl mehr und keine CD, heute sind es iTunes, und es geht schneller. Ein Klick, und das Lied ist da. Aber er hatte recht. Und wir haben uns alle daran gehalten. Einige von uns spielen die neuen Musikstücke auch gleich auf die iPods und iPhones der Kinder.

Wir gehen gemeinsam zu Konzerten. Wir stehen nebeneinander. Manchmal rücken die Kids etwas zur Seite. Noch in Sichtweite, aber doch woanders. Wir sind nicht mehr die, mit denen man sich gerne sehen lässt. Die Buddys, die besten Freunde, die mit dem gleichen Kleidungs- und Musikgeschmack. Wir sind die Eltern und ihre Freunde. Wir singen an denselben Stellen mit. Wir schmusen in den gleichen Momenten. Aber wir gehören trotzdem nicht mehr ganz dazu. Wir sind die Alten.

„Die Kids fliegen jetzt nach Israel. Mit der ganzen Klasse“, sagt meine Freundin. Und sie klingt besorgt. Und ihr Tonfall durchschneidet die Stille, die Gemütlichkeit, die Entspanntheit, auf die wir uns wortlos an diesem Abend geeinigt haben. Wir haben keine Angst. Was soll schon passieren? Kerzen, Wein, sentimentale Musik im Hintergrund. Warum soll es genau uns treffen? Unsere Kids? Haben sich das die Eltern der Besucher des Bataclan im Nachhinein nicht auch gefragt?

Die Kinder

Die Kids sind sehr streng mit uns. Weil wir immer noch rauchen, weil wir nicht immer gendern, weil wir oft nicht darauf achtgeben, was wir sagen. Die Kids nerven uns oft mit ihrer Korrektheit. Und wir nerven sie, weil wir Kids zu ihnen sagen.

„Warum backst du eigentlich immer?“, fragt mich die Tochter eines Freundes beim letzten Besuch. Es liegt ein leiser Vorwurf in ihrer Stimme. Ich erkläre ihr, dass ich gerne backe, weil es mich entspannt und weil ich gerne Kuchen esse und gegen tausend Dinge allergisch bin und deshalb lieber selbst in der Küche stehe, statt beim Bäcker etwas zu kaufen. „Die Refugees am Westbahnhof  fragt niemand, ob sie Allergien haben“, sagt sie darauf patzig. Und: „Wann warst du das letzte Mal am Westbahnhof helfen?“ Noch bevor ich antworten kann, ergreift ihre Mutter, meine Freundin, das Wort, und sie sagt auch patzig: „Allergien sucht man sich nicht aus. Und den Flüchtlingen am Westbahnhof gibt auch niemand eine Schinkensemmel oder ein Schweinsschnitzel.“ – „Du bist islamophob“, sagt die Tochter und sieht sie wütend an. Mein Kuchen kann da auch nichts mehr retten. „Die Tochter schläft schlecht seit Paris“, sagt meine Freundin. „Aber sie will nicht darüber reden.“ Sie seufzt. „In zwei Wochen fliegen sie.“

Die Mutter

Abends telefoniere ich mit meiner Mutter. Pazifistin, Feministin, Alt-Hippie. Give Peace a Chance! steht auf dem Karton, den sie mit beiden Händen in die Höhe hält. Über ihren Schlapphut, über ihre breite runde Brille. Ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1971, kurz bevor sie meinen Vater kennengelernt hat. Mein Lieblingsbild von ihr. Ich denke daran, während wir telefonieren, und wir beginnen zu streiten. Das ist nichts Neues, aber diesmal ist es anders. Wir streiten über die Flüchtlinge und über Frauen mit Kopftuch und Frauen in einer Burka. Eine Frau in einer Burka ist für mich wie eine Ohrfeige, sagt sie. Ich werfe ihr vor, intolerant zu sein. Und paternalistisch. Deine Generation ist seltsam, sagt sie. Ihr kennt so viele Fremdwörter, die wir nicht kannten. Und ihr habt so viel gelesen. Aber ihr geht nicht auf die Straße, ihr tut nichts, ihr bewegt euch nicht. Und ich möchte auflegen, weil ich so wütend bin. Ich frag sie stattdessen, warum sie eigentlich nie einen Kuchen gebacken hat. Sie lacht. Laut und kräftig. „Weil mich backen nervt und weil mich backende Frauen noch mehr nerven!“ Jetzt lege ich wirklich auf.

Meine Freunde sitzen noch immer rund um den Küchentisch. Und reden darüber, dass sie keine Angst haben. Die Kerzen sind abgebrannt und die Musik ist aus. Die Reise nach Israel ist kein Thema mehr. Ich schreibe meiner Mutter ein SMS. Das haben wir uns angewöhnt, als mein Vater im Sterben lag. Glaubst du an eine friedliche Lösung? Noch immer? Und sie antwortet mit vielen Tippfehlern, weil ihre Finger manchmal streiken und die Tastatur zu klein ist. Kennedy, Vietnam, Martin Luther King. Das ist geblieben. Und: Du bist naiv, aber ich glaub, ich bin wohl daran schuld. Ich will ihr nicht antworten und kämpfe gegen den Drang, sie noch einmal anzurufen. Und denke plötzlich an die Beatles-Platten, die sie uns vorgespielt hat statt eines Babysitters. Wenn die Seite aus ist, könnt ihr mich holen kommen. Und wir haben brav zugehört, während sie im Stock darüber ihre Arbeiten für die Uni geschrieben hat.

Hast du Angst?, schreibe ich ihr. Aber es kommt keine Antwort. Wahrscheinlich ist es schon zu spät. Seit mein Vater tot ist, geht sie früh schlafen. Niemand diskutiert mehr mit ihr bis zwei Uhr Früh, warum Max Weber Adorno vorzuziehen ist. Warum Billie Holiday wichtiger ist als John Lennon. Warum die Hippies sich geirrt haben. Das Rätsel ihrer Beziehung trotz aller Gegensätze ist ungelöst mit ihm gestorben. Es ist still im Haus. Der Schlaf ist ihr lieber als die Stille. Meine Freunde trinken aus. Wir verabreden uns für ein Konzert. Demnächst. In Wien. Der Stadt, in der nichts passieren kann. Wir haben keine Angst, sagen unsere Blicke und unsere Umarmungen. Paris ist weit weg. Nichts hat sich geändert. Und doch ist alles anders. Nachts reißt mich das Vibrieren des Handys aus dem Schlaf. Es ist 2 Uhr 31. Meine Mutter hat geantwortet. Schlaftrunken lese ich ihre Nachricht. Ja, schreibt sie. Ich glaube an den Frieden. Aber ich habe Angst. Alles andere wäre naiv.