APA/WERNER KERSCHBAUMMAYR

Wir Österreicher blamieren uns in der Welt

Meinung / von Michael Fleischhacker / 11.09.2016

 

Dass wir Österreicher uns gerade ein wenig in der Welt blamieren, gefällt mir nicht. Ich war nie der große Patriot, aber die Vorstellung, dass wir als Chefdeppen im bewohnten Teil des Universums herumgereicht werden, verletzt meinen Stolz. Fast möchte ich sagen, dass es mich zornig macht. Heute Nacht hab ich davon geträumt, dass ich eine Flotte zusammenstelle, um über das Weltenmeer zu fahren und das galaktische Besserwisser-Troja einzunehmen, wo sich die ganzen Wahlauskenner und Demokratiekrieger versteckt halten, die uns unseren schönen Ruf gestohlen haben auf hinterfotzige Weise. Ich hab ihnen die Kanalisation mit UHU-Stick verklebt und löchrige Wahlkuverts auf sie regnen lassen, bis ihre Straßen in angeknabberter Demokratie ertrunken sind. Wer flüchten wollte, wurde von mir vor dem Stadttor erwartet, ich ließ die Gegner gegen meinen Stempelkissenschild prallen und streckte sie umgehend mit einem in der Herrengasse originalangekauten Bic-Kugelschreiber nieder. Ich hab mir ziemlich gut gefallen, wie ich da durch meinen Traum gewütet habe, auf Rache sinnend, schlau und schon auch ziemlich stark, ein hybrider Supermann, gebaut aus dem gekränkten Agamemnon, dem listenreichen Odysseus und dem zornigen Achill.

Falls Sie gerne wüssten, was man nehmen muss, um so zu träumen: Kann ich Ihnen nicht sagen. Als dilettierender Traumdeuter würde ich folgende These wagen: Ich hätte an einem Tag, der mich, angesichts der Tatsache, dass ich in einem Land lebe, das 2016 nicht dazu in der Lage ist, unfallfrei eine Wahl zwischen zwei Personen zu organisieren, relativ intensiv an der Wirklichkeit der Wirklichkeit zweifeln ließ, nicht auf die Idee kommen sollen, wieder einmal in Peter Sloterdijks „Zorn und Zeit“ zu schauen. Das muss, in Verbindung mit einem japanischen Abendmahl, in mir den Traumkrieger entfesselt haben, eine Art Samurai-Achill, der sich dann im Unbewussten einen kleinen thymotischen Exzess gönnen wollte. Ich habe mir längst Sloterdijks These, dass wir nach dem Jahrhundert des durch die Psychoanalyse geprägten Gier-Denkens (Sex, Geld, Mehr) in eine Zeit hineingleiten, in der das Zorn-Denken (Mut, Stolz, Ehre) wieder zu seinem Recht kommt, rasch zu eigen gemacht. Denn der Zorn steht am Beginn des Abendlandes. „Singe, Göttin, den Zorn des Peleaden Achilleus“ lautet die erste Zeile in Homers „Ilias“, und der Zorn nimmt, im Akkusativ stehend, den ersten Platz in der abendländischen Literatur ein.

Thymotisch heißt dieses Motivationsset, weil der „Thymos“ den alten Griechen als Sitz der Zorn- und der Mut-Seele galt. Jetzt ist es ja aber so, dass der gemeine Österreicher eher semithymotisch ist, möchte ich sagen. Mehr verhaltene Wut als stolzer Zorn, mehr Habe d’Ehre als Ehrgefühl. Ich möchte mich, in Erinnerung an die Samurai-Einsprengsel in meinem Troja-Traum, nicht zu der Vorstellung versteigen, dass die Hersteller der Kuverts sich gemeinsam mit dem Innenminister ins Kurzschwert fallen lassen sollten (obwohl Herr Sobotka die Maskenbildner von Last Samurai vor eine lösbare Aufgabe gestellt hätte), aber ein kleines Konsequenzerl wär’ halt schon fein. Eine Rücktrittsaufforderung werden Sie von mir trotzdem nicht hören. Das wäre in einem Land, in dem die Menschen dazu erzogen wurden, hinter ihre Möglichkeiten zurückzutreten, um den anderen den Vortritt ins Mittelmaß zu ermöglichen, wirklich keine gute Idee. Ein Rücktritt ist am Ende ja doch nichts anderes als ein forciertes Vortreten. Das hat der Kakanier nicht so gern, der kakanische Schreibtischsamurai hat seit jeher einen gefürchteten Schlachtruf: Schau ma mal.

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