Andrew Testa / PANOS

Interview mit Elif Shafak

„Wir sind in der Türkei nicht frei“

von Irene Binal / 19.09.2016

Mit ihrem Werk und Leben steht die Schriftstellerin Elif ShafakDer kosmopolitische Geist wurde Elif Shafak schon in die Wiege gelegt. 1971 als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologen geboren, studierte sie zunächst Internationale Beziehungen und Politikwissenschaften und begann daneben 1994 mit einem Erzählband ihre literarische Karriere. In ihren Büchern baut die türkische Autorin Brücken zwischen Ost und West, plädiert für ein Miteinander statt Abgrenzung. Ihr nächster Roman, «Der Geruch des Paradieses», erscheint im Oktober beim Verlag Kein & Aber. für Weltbürgertum und ein offenes Glaubensverständnis. Entsprechend besorgt verfolgt sie die Entwicklungen in ihrer Heimat.

Frau Shafak, die Türkei hat sich in den letzten Monaten sehr gewandelt. Ist das noch das Land, das Sie kennen?

Es war ein schwieriger Sommer für die Türkei. Erst die Terroranschläge und dann dieser schreckliche Putschversuch. Im Moment herrschen Verwirrung, Paranoia und Chaos.

Wendet sich das Land von der Demokratie ab?

Ich kritisiere und verurteile den Putschversuch scharf. Ich bin natürlich keine Anhängerin der AKP-Regierung, aber ich erkenne sie an, denn sie wurde demokratisch gewählt. Doch ich mache mir Sorgen wegen dieser Säuberungsaktionen. Selbstverständlich müssen die Drahtzieher des Putsches vor Gericht gestellt werden, aber derzeit werden Unschuldige stigmatisiert, Journalisten, Akademiker, Intellektuelle, die mit dem Putsch nichts zu tun haben. Ja, ich mache mir Sorgen, dass die Türkei sich von einer reifen, liberalen und pluralistischen Demokratie abkehrt. Sie bewegt sich derzeit in die entgegengesetzte Richtung.

Manche meinen, dass der Putsch von ganz oben gelenkt wurde . . .

Wahrscheinlich werden wir manche Details erst in vielen Jahren erfahren. Aber meines Wissens gibt es belastbare Beweise für eine Verschwörung in der Armee, die mit Gülen zu tun hat. Der Westen sollte auch die Gefahr erkennen und kritisieren, welche die Gülen-Kader darstellen, denn sie haben Armee und Staatsapparat infiltriert. Aber das heisst nicht, dass Lehrer, die in Gülen-Schulen arbeiten, oder Journalisten am Putsch beteiligt waren. Asli Erdogan, Necmiye Alpay, Nuriye Akan, Sahin Alpay, Mehmet Altan, Ahmet Altan – sie alle sind Autoren und Journalisten, und es ist schrecklich, dass sie im Gefängnis sitzen. Der Putschversuch hat die Nation traumatisiert, so sind die emotionalen Reaktionen teilweise verständlich; aber es läge in der Verantwortung einer Regierung, sicherzustellen, dass die Lage nicht ausser Kontrolle gerät. Ich fürchte aber, dass die Regierung das Gegenteil tut.

Was kann Europa in dieser Situation tun?

Wir müssen in Verbindung bleiben und den Traum einer türkischen EU-Mitgliedschaft am Leben halten. Wenn Millionen von jungen Türken glauben, dass sie niemals in die EU kommen, wenn ihnen eingeredet wird, dass ihre einzige Identität im Nationalismus oder in der Religion liegt, ist das sehr gefährlich. Und so nötig diese Mitgliedschaft für die Türkei ist, so nötig ist sie auch für Europa. Ist es besser, die Türkei an europäische Werte zu koppeln, oder ist es besser, wenn sie sich wegbewegt? Dieses zweite Szenario wäre auch für Europa schlecht. Daher müssen wir die demokratischen Werte und die Menschenrechte fördern und progressive Kräfte in der Türkei unterstützen. Und zusätzlich sollten wir die Regierung kritisieren, man kann beides gleichzeitig tun.

„Es bricht mir das Herz, dass die Türkei ihre Vielfalt nicht schätzen kann.“

Viele AKP-Kritiker, auch im Ausland, werden bedroht. Haben Sie Angst?

Jeder türkische Dichter, Schriftsteller oder Journalist weiss, dass er wegen eines Gedichts, eines Artikels, eines Romans, wegen eines Tweets oder Retweets Probleme bekommen kann. Wir sind in der Türkei nicht frei. Worte werden bei uns sehr ernst genommen, und wenn wir schreiben, haben wir dieses Wissen im Hinterkopf. Das Ergebnis ist viel Selbstzensur. Trotzdem mache ich einen Unterschied zwischen Romanen und Sachtexten. Wenn ich Beiträge für Zeitungen schreibe, dann denke ich oft zweimal über jeden Satz nach, aber am Ende bringe ich immer meine Meinung zum Ausdruck. Aber wenn ich Romane schreibe, bin ich mit der realen Welt nicht verbunden, ich lebe in meiner Phantasiewelt. In meinen Romanen bin ich sehr viel mutiger, schärfer, kritischer und freier. Dann kann ich fliegen.

In Ihren Büchern geht es oft um die Zerrissenheit der Türkei zwischen Ost und West. Sind die Entwicklungen, die wir sehen, auch das Resultat dieser Suche nach Identität?

Ich wünschte, wir könnten die kulturelle Vielfalt als Segen sehen, als einen Schatz. Aber viele nehmen sie stattdessen als Problem wahr, das zerschlagen werden muss. Es bricht mir das Herz, dass die Türkei ihre Vielfalt nicht schätzen kann.

Religion wird in der Türkei immer wichtiger, während man in Europa darüber diskutiert, ob der Islam mit der Demokratie kompatibel ist oder nicht.

Leider gibt es immer mehr gebildete Menschen, die glauben, dass die Demokratie nicht zum Geist des Nahen Ostens passt. Aber diese Diskussion ist gefährlich. Denn wenn man sich von der Demokratie abwendet, kann man wer weiss wo enden. Islamische Extremisten erzählen jungen Muslimen, dass sie nicht gleichzeitig Muslim und säkular und liberal und Deutscher sein können. Aber sie liegen falsch. Ich sage, man kann durchaus mehrere Zugehörigkeiten haben. Wir bestehen aus Wasser, wir sind flüssige Geschöpfe, und wir müssen uns ausbreiten, Dinge entdecken. Ich selbst bin Istanbulerin und Londonerin, in mir ist vieles aus dem Nahen Osten und der Balkanregion, ich bin Wahleuropäerin, ich schätze die europäischen Werte, und ich bin Weltbürgerin. Warum kann man nicht mehrere Heimaten haben?

Wie halten Sie es mit der Religion?

Ich bin nicht religiös. Ich mag keine organisierten Religionen, tatsächlich finde ich sie gefährlich, zerstörerisch und entzweiend. Ich interessiere mich für Mystik, für Agnostizismus, für die Frage nach Gott, und das ist etwas ganz anderes. Mich fasziniert der Tanz von Glaube und Zweifel. Glaube hat nicht unbedingt mit Religion zu tun. Einen Roman zu schreiben, ist ein Akt des Glaubens. Wenn man beginnt, weiss man nicht, wie die Geschichte enden wird, ob es funktioniert oder nicht. Wenn man sich in jemanden verliebt, lädt man einen Fremden in das eigene Universum ein. Auch das ist ein Akt des Glaubens.

„Ich glaube an den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens.“

Und wo kommt der Zweifel ins Spiel?

Glaube kommt aus unserem Inneren, jenseits der Rationalität. So gesehen interessiert mich der Glaube sehr. Aber ohne den Zweifel wird Glaube zum gefährlichen Dogma. Zweifel muss den Glauben hinterfragen, aber der Glaube muss auch den Zweifel hinterfragen. Und gemeinsam führen sie einen schwierigen und schönen Tanz auf. Ich interessiere mich für den spirituellen Weg. Ibn al-Arabi sagt in einem Gedicht: Ich folge der Karawane der Liebe. Wenn die Karawane durch eine Moschee zieht, werde ich dort beten. Wenn die Karawane in eine Kirche kommt, werde ich in der Kirche beten. Wenn sie in eine Synagoge kommt, bete ich in der Synagoge. Dann zieht die Karawane durch die Wüste, und ich werde in der Wüste beten, oder im Wald. Die Reise hat kein Ende. Diese Art der Offenheit gefällt mir.

Sie setzen sich für Frauenrechte ein – um die ist es ja im Nahen Osten oft nicht gut bestellt.

Wenn sich der Nahe Osten zurückentwickelt, haben die Frauen viel zu verlieren, nämlich ihre Freiheiten. Darüber müssen wir immer lauter und lauter sprechen. In der AKP-Regierung wollen männliche Politiker den Frauen vorschreiben, wie viele Kinder sie bekommen sollen, dass sie in der Öffentlichkeit nicht laut lachen sollen, dass Abtreibung gleichzusetzen ist mit Massenmord. Ich habe noch nie gehört, dass eine türkische Politikerin den Männern erklärt, wie sie sich kleiden müssen oder ob sie einen Schnurrbart tragen dürfen oder nicht. In der Frage der Frauenrechte hat es einen Rückschritt gegeben. Häusliche Gewalt nimmt zu, der Anstieg bei Morden an Frauen ist alarmierend. Wir müssen darüber reden; wir müssen mehr Frauen in die Öffentlichkeit bringen, ob mit Kopftuch oder Minirock.

Aber was konkret kann man tun?

Der erste Schritt ist, uns selbst und andere daran zu erinnern, dass wir in erster Linie Individuen sind. Eine Frau wird in einer patriarchalischen Gesellschaft wie der Türkei nie als Individuum betrachtet. Man wird als jemandes Tochter gesehen, als jemandes Frau oder Mutter. Und leider sehen auch die Frauen selbst sich oft nicht als Individuen. Wir müssen ihnen klarmachen: Du bist dein eigenes Universum, du bist ein Mikrokosmos, eine Spiegelung des Makrokosmos. Du bist ein Individuum, du gehörst in keine Herde, in keinen Stamm und in keine kollektive Identität. Das geht Hand in Hand mit meinem zweiten Aufruf: Versuche, andere Frauen als Schwestern zu sehen. Versuche zu verstehen, dass wir gemeinsam gegen dieses patriarchalische, homophobe und misogyne System kämpfen müssen. Dann können wir unsere Gemeinsamkeiten erkennen.

Europa ist im Sommer von islamistischen Terroranschlägen erschüttert worden. Ist es nicht verständlich, dass viele Menschen jetzt Angst vor dem Islam haben?

Das ist nachvollziehbar, aber wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen. In dieser globalisierten Welt sind wir weit mehr miteinander verbunden als je zuvor, ob es uns passt oder nicht. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass Europa sicherer wird, wenn es seine Pforten für Einwanderer oder Flüchtlinge schliesst. Die Menschen verwechseln Gleichheit mit Sicherheit.

Ist das nicht allzu einfach gedacht?

Ich bin keine Idealistin. In dieser Frage bin ich eher Anhängerin von Gramsci, ich glaube an den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens. Meine Bücher sind oft ziemlich pessimistisch, aber wir müssen den Optimismus des Willens pflegen. Was zum Beispiel in Nizza passiert ist, war schrecklich. Wir müssen zusammenarbeiten, um diese Barbaren zu stoppen. Aber ist es hilfreich, den Burkini zu verbieten? Natürlich nicht. Wenn wir die falschen Antworten geben, spielt das den Extremisten in die Hände, die sagen: Diese Menschen aus dem Westen wollen unsere Frauen entkleiden.

Die Diskussion um die Verschleierung wird ja in ganz Europa geführt . . .

Warum diskutieren wir immer über die Körper, die Kleidung von Frauen? Als in der Türkei Studentinnen nicht an die Universität durften, weil sie das Kopftuch trugen, habe ich das sehr kritisch gesehen. In patriarchalischen, konservativen Gesellschaften ist es oft die einzige Möglichkeit für Frauen, in die Öffentlichkeit zu kommen. Für mich ist es wichtiger, dass sie zur Universität gehen, dass sie lesen und lernen. Aber ich sehe es differenziert. Ich finde es falsch, wenn kleine Kinder gezwungen werden, ihre Köpfe zu bedecken. Nach dem 18. Lebensjahr ist es eine persönliche Entscheidung, das Kopftuch zu tragen. Ich habe kein Problem mit dem Kopftuch, aber wenn das Gesicht bedeckt ist, wird das zum Sicherheitsrisiko, und das verstehe ich. Wir müssen differenzierter diskutieren und Frauenrechte an die erste Stelle setzen.

Die differenzierte Diskussion, die Sie fordern, scheint aber immer weniger stattzufinden.

Uns fehlen Räume, Plattformen, die uns zusammenbringen. Wenn wir nur Menschen treffen, die so sind wie wir, wenn die Bücher, die wir lesen, von Menschen geschrieben werden, die uns ähneln, wenn alles ein Echo unserer eigenen Stimme ist, dann interagieren wir nicht mit anderen, dann sind wir im geistigen Ghetto. Leider betrifft das auch viele Türken, vor allem in Europa. Viele leben in nach innen gerichteten Gemeinschaften. Ich finde das nicht gesund. Wir müssen interagieren, wir müssen Räume schaffen, in denen wir einander zuhören können. Und wir müssen lernen, nicht gleich beleidigt zu sein. Die Dinge, die uns beleidigen, lassen uns intellektuell und spirituell wachsen. Heute ist jeder so schnell beleidigt. Ich unterstütze Redefreiheit. Die einzige Ausnahme ist, wenn jemand Gewalt gegen einen Menschen oder eine Minderheit fordert, aber abgesehen davon bin ich für absolute Redefreiheit.

Kann Literatur in einer so komplexen Situation wie der heutigen etwas verändern?

Extremisten versuchen, ihre Opfer zu dehumanisieren. Die Nazis haben das getan, der IS tut das. Literatur macht Menschen wieder menschlich. Darum ist das Erzählen von Geschichten so wichtig. Wenn ich die Geschichte von jemandem höre, ist es viel schwieriger für mich, diese Person nur als eine Nummer oder einen Namen zu sehen, es ist viel schwieriger, sie nicht als Menschen zu sehen, wenn ich mich in ihre Geschichte einfühle.