Lilly Panholzer

Interview mit Thomas Druyen

„Wir sind viel zu faul“

von Christoph Zotter / 06.03.2016

Thomas Druyen will nach der Kultur der Reichen nun auch die Psyche der Zukunft erforschen. Ein Gespräch über die Nanoroboter, Jules Verne und das große Bild, das für viele nur noch schwer zu erkennen ist.

Wie geht es weiter? Bin ich auch darauf vorbereitet? Diese oder ähnliche Fragen würden sich die Superreichen jeden Tag stellen, sagt Thomas Druyen. Das unterscheide sie vom Rest der Welt: der ständige Gedanke an die Zukunft.

Der gebürtige Deutsche kennt sie gut, die Milliardäre der Welt. Seit 2007 forscht der 59-Jährige an der privaten Wiener Sigmund-Freud-Universität über Reichtum und Vermögenskultur. Nun geht er einen Schritt weiter, wird grundsätzlicher. Seit vergangenem Jahr leitet Druyen das Institut für Zukunftsmanagement und Zukunftspsychologie. Hier lesen Sie den zweiten Teil eines Gespräches mit dem Juristen, Soziologen und Anthropologen (den ersten Teil finden sie hier).

Herr Druyen, Sie forschen jetzt auch über die Zukunft. Wie macht man das?

Thomas Druyen: Erst einmal haben wir uns angeschaut, wer in den letzten 200 Jahren überhaupt etwas Zutreffendes über die Zukunft gesagt hat, was auch Gültigkeit besitzt. Am Ende waren wir sehr überrascht, dass Science-Fiction-Autoren weit vorne lagen. Kreative wie Jules Verne haben neue Welten erfunden und nicht nur die Gegenwart anhand von Trends gedanklich verlängert. Extrem spannend war die Erkenntnis, dass in den meisten Zukunftsvisionen die Welt von einer kleinen elitären Gruppe dominiert wurde. Und deren Macht gründete sich tatsächlich auf technischen Vorsprung.

Was kann da auf uns zukommen?

Eine neue Welt. Menschenähnliche Roboter und auch eine sich langsam vollziehende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Die Liste wäre lang. Wer sich dafür interessiert, braucht sich nur einmal die Homepage der Google-Universität anzuschauen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Diese Vorstellung wird vielen Menschen nicht gefallen?

Das kann ich total verstehen. Wir beobachten ein fatales psychologisches Problem: Je näher eine irritierende, aber faktische Zukunftsmöglichkeit rückt, umso nostalgischer und gegenwartsverliebter werden die Menschen. Mit dieser Mentalität wären Apple oder Amazon nie entstanden. Oder eine Nummer kleiner: Wir freuen uns, wenn wir im Notfall ein künstliches Herz und eine künstliche Hüfte haben. Wenn aber Augen oder Gehirn ersetzt werden können, wird uns ganz mulmig. Wir müssen dringend Zukunftskompetenz erlernen.

Vieles klingt aber immer noch nach Science-Fiction.

Absolut. Mit der Einschränkung: für die meisten Menschen. In Silicon Valley ist Science-Fiction Gegenwart und in einigen visionären Köpfen bereits Vergangenheit. Es gibt großartige Zukunftsliteratur und auch Hollywood-Filme wie Ex Machina oder Her, um einen langsamen Einblick zu gewinnen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal eine Oculus-Rift-Brille aufzusetzen. Dann kann man erleben, wie sich andere Welten anfühlen.

Wie soll man über die Zukunft reden, wenn die Probleme der Gegenwart schon so schwer lösbar sind, fast die Hälfte der Menschheit nicht mitkommt?

Auf den Punkt gebracht. Die Weltbevölkerung lebt durchaus in verschiedenen Zeitaltern. Dies scheint die internationale Politik überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Alle versuchen jeweils ihre Interessen durchzudrücken, je nach Gewicht und Gewalt. Das ist absurd und vollkommen zukunftsdumm. Diese Selbstsucht führt dazu, dass es kein großes Zukunftsbild – kein Big Picture gibt. Anstelle dessen sind alle in Aufruhr, haben weder Weit- noch Durchblick und sind permanent übererregt. In dieser Verwirrung läuft man den Krisen hinterher, die zwangsläufig immer zahlreicher werden und infolgedessen aus dem Ruder laufen.

Politiker sollten also mehr Jules Verne lesen und weniger Club of Rome?

Nein, die Politik muss eine andere charakterliche Konsistenz bekommen. Die Besten der Besten müssen versuchen, die Geschicke der Welt zu gestalten. Wenn nur interessen- und machtberauschte Formen der Weltbetrachtung weiter für die Zukunft der Menschheit verantwortlich sind, wird es weiter Mord und Totschlag geben. Das ist ja das, was wir jeden Tag erleben. Wir reden gerade von künstlicher Intelligenz, wir reden von Nano-Robotern, die unsere Arterien künstlich sauberputzen werden, wir reden von der Nachbildung des Gehirns. Wir müssen aber ultimativ Entscheidungen treffen, damit zum Beispiel in Syrien einem Diktator, einem Schwerverbrecher, das Handwerk gelegt wird. Diese Mentalität des Katastrophen-Gaffens auf dem Rücken der Bevölkerung ist unerträglich.

Das sind alles hochkomplexe Probleme. Gerade die Lage in Syrien, puh …

Dieses Puh ist das Puh, das jeder tausende Male am Tag macht. Je weniger wir da draußen verstehen, umso mehr werden wir emotional und treffen Bauchentscheidungen. Die Flüchtlingsproblematik entzweit zum Beispiel ganze Familien. Plötzlich hört man Sätze, die an nationalsozialistische Zeiten erinnern. Psychisch sind diese Vorgänge extrem verwirrend, da unterschiedliche Milieus und Standpunkte ein und dieselbe Sache völlig unterschiedlich bewerten. Kategorien wie Gut und Schlecht scheinen zur Disposition freigestellt. Auf der einen Seite wachsen die Produktion und der Zugang zum Wissen in einer nie dagewesenen Weise. Auf der anderen Seite verkümmern Durchblick und Verstehen. Das ist die Krise des Bewusstseins, das ist die Krise der Gegenwart.

Wie kann diese Krise bewältigt werden?

Im Moment würde ich etwas anmaßend sagen: mit der Zukunftspsychologie.

Überraschung.

Wir sind noch am Anfang. Wir erforschen die Auswirkungen der Digitalisierung, des demografischen Wandels, der Exponentialität und der virtuellen Realität auf die Psyche des Menschen. Wir müssen lernen, mit Komplexität umzugehen. Wir sind gut im Reagieren. Nun müssen wir unser Verhalten aber definitiv ändern und auf die Zukunft justieren. Die zukunftspsychologische Herausforderung ist es, sich auf schnelle Veränderungen, Unvorhersehbarkeit oder ein extrem langes Leben präventiv einzustellen und das auch zu üben. Wenn Sie so wollen, brauchen wir psychologische Navigationssysteme für die Zukunft. Daran arbeiten wir.

Warum sollte sich jeder Einzelne mit komplexen Problemen abmühen, wenn eine kleine Elite die Macht auf sich konzentriert und dominiert, wie Sie sagen?

Wenn es eine Willensbekundung geben würde, wo eine Milliarde Menschen definitiv zu etwas Ja sagen würden, hätte man Macht. So viel Macht kann Google gar nicht haben. Wenn eineinhalb Milliarden Leute Facebook abstellen, gibt es Facebook nicht mehr. Dann gibt es Herrn Zuckerberg und sein Kind, aber der kann nicht mal seine Spende loswerden, weil das Vermögen weg ist. Was ich meine, ist: Die einzige Kompensation von Macht ist Solidarität.

Nur funktioniert die erfahrungsgemäß im Großen nicht so gut wie in kleinen Netzwerken, oder?

Ja, es bedarf der Fähigkeit zur Einigung, der Fähigkeit zum geistigen Teilen. Da haben es die Produktgiganten einfacher. Die brauchen uns nur alle sechs Wochen ein neues Handy hinzuwerfen und schon scharren wir mit den Hufen. Wir müssten dazu in der Lage sein, Solidarität besser zu organisieren. Aber damit kann man kein Geld verdienen.

Man könnte es auch ganz anders machen, die schöne neue Welt bleiben lassen, sich zurückziehen und aus allem ausklinken.

Zurückziehen ist Rousseau, eine wunderschöne Idee. In einer Welt, die in den nächsten 20 Jahren vollkommen gläsern wird, ist Zurückziehen eine Übung, die extrem schwierig wird. Das heißt, sich aus der Biotonne das Essen suchen, das Handy wegwerfen, den Computer ausmustern. Ich habe Respekt davor, aber das Gros der Menschheit wird das nicht tun. Wir sind viel zu faul. Diesen revolutionären Eifer haben wir nicht. Sonst würden schon jetzt mehr Leute auf die Straße gehen, um für ihre Interessen und Wertvorstellungen aufzutreten.

Was dann?

Es gibt nur eines, von Anfang bis zum Ende: Verantwortung übernehmen. Wenn ich ein Handy in die Hand nehme, akzeptiere ich die Bedingungen. Wenn sie mir nicht gefallen, muss ich bewusst damit umgehen. Ich kann es abschalten, ich kann in den Einstellungen vieles regeln, ich kann meinen Standort zeitweise nicht verraten. Das sind alles Optionen, die mühsam, aber möglich sind. Dennoch sind es nur kleine Spiele. Das große Rad wird sich weiterdrehen, es sei denn, ein Komet schlägt ein.

Sieht der Zukunftsforscher Thomas Druyen die Zukunft eher optimistisch oder pessimistisch?

Ich bin auf alle Fälle Optimist. Ansonsten wäre die Arbeit mit der Zukunft von vornherein eine Verschwörungstheorie. Das ist nicht meine Welt. Eine pessimistische Betrachtung gilt auch nur dann, wenn es so weitergeht wie jetzt. Wenn wir nicht unsere Denkweise ändern, eine höhere Stufe erringen, dann geht dieses Zivilisationsprojekt der letzten zweihundert Jahre in die Binsen. Menschen und Gesellschaften wird es Gott sei Dank weiter geben. Also – wir müssen uns zukunftsfit machen.

Wie soll das gehen?

Es wäre anmaßend, das in einem Satz sagen zu wollen. Skizzenhaft: Zum einen analysieren wir die gesamte Bandbreite der Zukunftsforschung. Zum anderen fragen wir uns: Was ist in unserem Hirn zukunftsfähig? Wie gestalten wir Zukunft im Hirn? Welche Rolle spielt Zukunft in der Psyche des Menschen? Das ist logischerweise an der Sigmund-Freud-Privatuniversität unsere Hauptaufgabe. Das Dritte ist Cyber-Psychologie. Was macht die virtuelle Realität oder die Robotik mit Gefühlen? Kann künstliche Intelligenz Gefühle entwickeln? Im Grunde brauchen wir hunderte Millionen, um diese Forschung richtig zu machen.

Was soll am Ende dabei herauskommen?

Die Bürger, wir alle, müssen lernen, mit Komplexität besser umzugehen. Eine kleine Übung ist zum Beispiel, die Dinge vom Ende her zu denken. Wenn man sich den eigenen Tod vorstellt und zurückdenkt, kommt man zu Punkten, auf die man Wert legt. Machen die wenigsten. Ein Programm dazu heißt System-Engineering. Bei Raumflügen werden unfassbar viele Eventualitäten vorher durchdacht, damit die Astronauten dann nicht mehr überrascht werden. Das ist eine Supertechnik, in der Psychologie nennen wir das Probehandeln. Daraus entwickeln wir dann zum Beispiel handfeste und praxisnahe Programme.

Sie entwickeln also Techniken, die dann zukunftspsychologisch eingesetzt werden?

Ja, individuell aber auch für die Gesellschaft oder die Politik. Wir wollen ein Instrumentarium zur Antizipation entwickeln. Es geht darum, vorsorgend zu denken. Wenn heute ein Mädchen geboren wird, hat es eine Lebenserwartung von 105 Jahren. Wir haben aber festgestellt, dass junge Leute nicht über einen Zeitraum von zwei, drei Jahren hinausdenken. Manche denken nur bis zum nächsten Geburtstag. Diese Paradoxie müssen wir überwinden.

Was sagt das dem Zukunftsforscher?

Die Gefahr eines unfassbaren Fatalismus ist groß. Die Weltauffassung wird viel grober. Man ist schnell dafür oder dagegen. Menschen sind viel schneller sauer, in der Sprache sieht man das: Wir beobachten eine Verrohung, eine innere Bereitschaft, sich sprachlich, emotional und psychisch drastisch auszudrücken. Die Zukunft fängt in der Psyche an, das scheint die Welt übersehen zu wollen.