Daniel Etter / Laif / Redux

Frauenbilder unter Erdoğan

„Wir sollen alle wie Emine werden“

von Veronika Hartmann / 31.10.2015

Präsident Erdoğan hat zwar seine Gattin gern neben sich, an einem progressiven Frauenbild ist ihm aber wenig gelegen. Trotzdem bietet die Türkei Freiräume für Frauen – freilich längst nicht für alle. NZZ-Redakteurin Veronika Hartmann über den Widerstreit weiblicher Rollenbilder in der Türkei.

Die „Schwarze Fatma“ wurde sie genannt, vielleicht wegen ihrer dunklen, entschlossenen Augen. Oder weil sie viele Menschen das Fürchten gelehrt oder ihnen den Tod gebracht hat: Fatma Seher Erden, geboren 1888 in Erzurum, kämpfte im Rang eines Leutnants an jeder Front, an der ihre Heimat bedroht war. Auch an der Seite von Mustafa Kemal Atatürk im Großen Befreiungskampf, nach dessen siegreichem Ende 1923 die Republik Türkei gegründet wurde. Für ihre Verdienste im Kampf wurde sie mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und bekam eine lebenslange Rente. Die sie übrigens, trotz ihrer Armut, lieber dem Roten Halbmond spendete. Eine echte Heldin also.

Kinder, Küche, Koran

Das dürfte der heutige Staatschef Recep Tayyip Erdoğan sicherlich anders sehen. Nicht nur, weil im Südosten des Landes erneut der blutige Bürgerkrieg entbrannt ist und viele Frauen dort an vorderster Front kämpfen, sondern auch, weil sein Frauenbild und das der von ihm gegründeten Regierungspartei AKP ein ganz anderes ist. Seine Frau Emine jedenfalls könnte man sich schwerlich vorstellen, wie sie, bis an die Zähne bewaffnet, ingrimmig eine Schar von rund 300 Männer zum Angriff aufruft. Emine Erdoğan, geboren 1955, zeigt sich eher gefühlvoll und weint auch in der Öffentlichkeit, wenn das Mitleid sie ergreift. Sonst hält sie sich dezent im Hintergrund. Die Frau, die nie einen Schulabschluss gemacht hat und mit Selbstmordgedanken spielte, als sie von ihrer Familie gezwungen wurde, ein Kopftuch zu tragen, hat früh gelernt, dass sie nicht weiterkommt, wenn sie sich auflehnt. Heute trägt sie zwei Kopftücher übereinander und ist First Lady.

Immerhin hat ihr Gatte bemerkt, dass Frauen ihren Wert haben: „Wer in der Küche an der Macht ist, wird auch in der Türkei an der Macht sein. Denn eine Festung wird von innen erobert“, stellte er bereits Ende der 90er Jahre fest und beschloss dieses Potenzial zu nutzen. Damals war er Mitglied der religiös-konservativen Millî-Görüş-Bewegung, in der man sich eher mit der Frage beschäftigte, ob Frauen mit Kopftuch und langem Mantel ausreichend verhüllt seien.

In jenem Milieu war es eine kleine Revolution, dass Erdoğan Frauen auf Stimmenfang von Tür zu Tür schickte und sogar kandidieren ließ. Dabei geht es ihm und seiner Partei aber nicht um eine Befreiung der Frau aus den religiös-konservativen Strukturen. So polterte der Staatspräsident ausgerechnet an einem Gipfel zum Thema Frauen und Gerechtigkeit: „Man kann Frauen und Männer nicht als Gleichberechtigte behandeln. Das ist wider die Natur.“ Dies war kein einmaliger verbaler Ausrutscher, wie viele weitere Zitate Erdoğans und seiner Parteispitze belegen, sondern Überzeugung. Das mag zwar Feministinnen und Frauenrechtlerinnen auf den Plan rufen, nicht aber die Masse der Bevölkerung, die sich größtenteils als muslimisch-konservativ betrachtet.

Deswegen können viele Frauen in der Türkei von Selbstbestimmung oder gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur träumen. Laut dem Türkischen Amt für Statistik sind 9,4 Prozent der weiblichen Bevölkerung Analphabetinnen. Nur 30 Prozent gehen einer erwerbsmäßigen Beschäftigung nach, während das immerhin 71 Prozent der Männer tun. Bei denen liegt der Anteil derer, die nicht lesen und schreiben können, bei 1,9 Prozent.

Guerilla als Alternative

„Ohne die kurdischen Frauen und ihren Kampf um Gleichberechtigung, wäre die Situation noch viel dramatischer“, glaubt Arzu Demir. Die Autorin hat sich intensiv mit der kurdischen Frauenbewegung, insbesondere innerhalb der Arbeiterpartei Kurdistans, also der PKK, beschäftigt. Seit den 1990er Jahren sind immer mehr Frauen als Guerilla-Kämpferinnen in die kurdischen Berge gegangen, um gegen den türkischen Staat zu kämpfen. Doch die PKK versteht sich nicht ausschließlich als Kampfeinheit, gleichzeitig fordert sie den politisch-gesellschaftlichen Wandel. „Für kurdische Frauen ist die Guerilla eine Alternative, um dem klassischen Rollenvorbild zu entkommen“, erklärt Demir. Wie dieses klassische Modell aussieht, kann man im Istanbuler Stadtteil Tarlabasi sehen, wo viele Kurden leben, die vor dem Bürgerkrieg in die westliche Metropole geflohen sind. Sehriban ist eine davon. Ihr weißes Kopftuch hat sie grün, gelb und rot umhäkelt, in den Farben der Kurdenbewegung. „Ich war nie in der Schule“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wann auch? Ich wurde mit zwölf verheiratet, neun Monate später hatte ich das erste Kind.“

„Öcalan hat viel für die Gleichberechtigung und die Befreiung der Frau getan“, behauptet Demir. Dazu gehört auch, dass die Frauen in der PKK nicht in die typische Frauenrolle gedrängt werden, sondern tatsächlich an vorderster Front kämpfen. Anfangs keine Selbstverständlichkeit, aber ein ausdrücklicher Befehl Öcalans mit weitreichender Konsequenz: „Männer ändern ihr Verhalten signifikant, wenn die Frauen plötzlich eine bewaffnete Macht sind“, glaubt Demir, die bei der Recherche für ihr Buch über die Guerilla-Frauen tiefe Einblicke in die Dynamik in den Bergen gewinnen konnte. „Die Männer geben ihre Privilegien nicht freiwillig auf“, sagt die Feministin und fürchtet, dass darin auch die Krux der feministischen Bewegung in der Türkei liegt: „Im Westen des Landes sind wir Frauen stets in der Opferrolle.“

Was sie damit meint: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden 160 Frauen von Männern ermordet, die Dunkelziffer schätzt Demir um einiges höher und macht deutlich: „Ermordet werden nur die, die sich den Regeln der Männer widersetzen. Der Staat schützt die Frauen nicht. Wir sollen alle wie Emine Erdoğan werden.“ Während Männer auf Strafminderung hoffen können, wenn sie ihre Frau oder ihre Tochter töten, schlägt die Härte des Gesetzes voll zu, wenn Frauen Gattenmord verüben.

„Mittlerweile holt auch die AKP Frauen ins Parlament, aber man hindert sie daran, Schaltstellen zu besetzen“, so glaubt Gülümser Yıldırım, eine Geschäftsfrau, die auch mit Anfang sechzig noch ihr Haar blondiert, einen knappen Rock trägt und dezent roten Lippenstift. Sie hat ein schickes Büro in einem renovierten Altbau an zentralster Lage in Istanbul. Darüber, dass sie keinen Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe gehabt hätte, kann sie sich nicht beschweren. In ihrer Familie verehrt jedes Mitglied den Staatsgründer Atatürk glühend, und Gleichberechtigung, Bildung und Beschäftigung sind seit Generationen eine Selbstverständlichkeit.

Auch Frauen haben in der Türkei Zugang nach ganz oben, das lässt sich daran ablesen, dass stolze 12 Prozent der Führungspositionen von Frauen wie Yıldırım besetzt sind. Deswegen unterstellt die Geschäftsfrau der AKP-Regierung Absicht hinsichtlich der Tatsache, dass noch immer so viele ihrer Geschlechtsgenossinnen unausgebildet und unemanzipiert von einem männlichen Versorger abhängig sind, und liefert auch eine Begründung für ihre These: „Das Problem ist der Arbeitsmarkt. 62 Prozent der Hochschulabsolventen finden derzeit keinen Job. Fesselt man die Mädchen ans Haus, bleiben die knappen Arbeitsplätze den Männern.“

Mehr Solidarität

Einen Ausweg sieht Yıldırım nicht darin, Frauen zu bewaffnen, sondern in der Solidarität: „Diese Aufgabe fällt insbesondere uns intellektuellen Frauen zu“, findet sie, denn sie glaubt an die Vorbildfunktion. Deshalb unterstützt sie die virtuelle Ausstellung des Frauenmuseums Istanbul, die türkische Pionierinnen auf verschiedensten Gebieten vorstellt und zum traditionellen Rollenbild eine Alternative bietet.

Einen alternativen Lebensentwurf böte auch die Biografie der unerschrockenen Kriegerin Fatma, doch als leuchtendes Vorbild dient sie nicht. Während man der männlichen Veteranen häufig mit Paraden und vielen Flaggen auf den gepflegten Soldatenfriedhöfen gedenkt, sucht man ihr Grab heute vergeblich. Es musste vor vielen Jahren einer Straße weichen. Sie führt zur ersten gemeinsamen Wohnung von Recep Tayyip und Emine Erdoğan.