„Wir sollen nicht töten. Und auch nicht dabei helfen.“

von Yvonne Widler / 18.02.2015

„eu“ heißt gut und „thánatos“ Tod. Doch ist Euthanasie der gute Tod? Für viele ist dies eine Verfälschung der Praxis. Matthias Beck ist Theologe und Mediziner. Und als Mitglied der Bioethikkommission spricht er sich gegen eine Liberalisierung der Gesetze zur Sterbehilfe aus.

Im fünften Wiener Gemeindebezirk steht die Pfarre St. Josef zu Margareten. Gleich daneben im typischen Wiener Altbau liegt das Pfarrhaus und im Stock darüber die gemütlichen Räumlichkeiten von Matthias Beck, dem Kaplan der Pfarre. Beck hat Pharmazie, Medizin, Philosophie und schließlich Theologie studiert. Auch in dieser Reihenfolge – Stück für Stück wollte er näher an den Menschen und näher an die Beantwortung jener Fragen, die er ans Leben hatte.

„Ärzte sollen nicht töten. Und es ist zu Recht verboten“, sagt er angesprochen auf das Thema Sterbehilfe ganz bestimmt. Die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe zeige sich in Österreich glücklicherweise ziemlich einheitlich, aber es sind ja auch andere Fragen, die uns gerade umtreiben: Sollen der Arzt oder die Verwandten einem Sterbewilligen das Medikament, das er dann selber einnehmen muss, zur Verfügung stellen? Sollen Ärzte Patienten dazu verhelfen, sich selbst töten zu können, also ihnen den Becher auf den Tisch stellen? Diese Art von Beihilfe ist in Österreich derzeit strafbar.

Beihilfe gleich Beihilfe?

Sagen wir, ein junger Mensch würde sich umbringen wollen und vom Stephansdom springen. Würde man daneben stehen und nicht versuchen, ihn davon abzuhalten, wäre das im Sinne der Beihilfe zum Suizid strafbar. Dies gilt übrigens für jeden Menschen, nicht nur für Ärzte. „Das hat auch einen gewissen Sinn. Es gibt keine Religion, die Selbsttötung befürwortet. Es gibt zwar diese Perversion mit den Selbstmordattentätern. Hier würde ich gerne den Begriff Mord beibehalten, weil Mord niederträchtige Motive voraussetzt. Das allerdings setze ich bei vielen Kranken, die sich töten wollen, nicht voraus. Diese Menschen sind einfach in einer großen Verzweiflung.“

Es sind genau solche Dinge, die die Bioethikkommission in letzter Zeit diskutiert hat. Sind die unterschiedlichen Arten von Beihilfe unterscheidbar? Kann man den Selbsttötungsgedanken eines normal im Leben stehenden Menschen, der sich vor den Zug werfen will, und den eines schwerkranken 70-Jährigen juristisch trennen? „Das ist sehr schwierig“, so Beck.

Also müsse die Tendenz dahin gehen und so hat schließlich auch die Empfehlung der Kommission ausgesehen, „dass wir eine Prävention empfehlen. Gute Hospizstationen, da gibt es noch große Defizite, gerade auf dem Land. Weil wir nämlich wissen, dass der Wunsch, sich töten zu lassen, dort abnimmt, wo die Menschen gut umsorgt sind.“ Meist sei es eine Frage der Einsamkeit oder der Angst. „Das Brutale an der Selbsttötung ist die Beschleunigung der Todesherbeiführung und die Irreversibilität.“ Beck spricht nicht von schweren psychischen Erkrankungen, denen zufolge sie sich töten wollen. Er spricht vom Todeswunsch, der aus Angst vor Schmerzen resultiert. Aus Angst davor, alleine zu sein, zu viel Geld zu kosten oder lieben Menschen zur Last zu fallen. „Dem müssen wir entgegenwirken. Mit Palliativmedizin und Hospizstationen. Das ist meine Meinung als Theologe und Mediziner.“

Das Sterben gehört dazu

„Wir werden gezeugt, geboren, kommen ungefragt auf die Welt, dann stellen wir uns dem Leben, was die meisten Menschen tun, und dann, glaube ich, hat das Leben und wie es zu Ende geht eine Kurve, die man nicht auf zwei Drittel abbrechen sollte.“ Beck hat viele Sterbeprozesse in Spitälern miterlebt. Oft war es so, dass die Menschen noch etwas verarbeiten mussten, bis sie sterben konnten.

„Wenn mich jemand aus meiner Familie oder aus meinem Freundeskreis bitten würde, so ein Gift zu besorgen und bei der Selbsttötung Beihilfe zu leisten, ich denke, ich würde es nicht tun.“

Wir sollen nicht töten. Und auch dem anderen nicht dabei helfen. Sondern ihm die Schmerzen nehmen, ihm die Einsamkeit nehmen.

Beck weiß, dass die Stimmung innerhalb der Bioethikkommission eher liberal gefärbt ist und eigentlich hält auch er nichts von Kriminalisierung, aber aus den Klinikzeiten weiß er genau, welche schrecklichen Schicksale es geben kann. „Ich bin seit 15 Jahren im bioethischen Geschäft. In dem Moment, wo wir etwas straffrei stellen, wird in einem nächsten Schritt sofort diskutiert, ob es erlaubt ist. Wenn es erlaubt ist, habe ich ein Recht darauf. Wenn wir also eine kleine Tür aufmachen, bekommen wir die nie wieder zu.“ Deshalb sollte die Rechtslage in Österreich aus rein pragmatischen Erwägungen dabei bleiben wie sie ist.

Wohin Liberalisierungen führen könnten, zeige das IVF-Gesetz. Seit 1978 wird die Reagenzglas-Befruchtung durchgeführt. „Zunächst ein Mittel für Eltern, die keine Kinder kriegen können. Heute stellen wir damit Kinder als Rettungsgeschwister für Organspende her, wir stellen sie für gleichgeschlechtliche Frauenpaare her, von der ursprünglichen Idee sind wir 30 Jahre später also sehr weit entfernt.“ In puncto Sterbehilfe hat er ähnliche Befürchtungen. Beck spricht von Berichten aus den Niederlanden oder Belgien, die sehr liberal mit Sterbehilfe umgehen, und wo Menschen angeblich gegen ihren Willen getötet wurden. „Wir wissen, am Ende des Lebens verbraucht man fast die Hälfte der eingezahlten Krankenkassenbeiträge.“ Doch ökonomische Gesichtspunkte sind nur eines der Problemfelder.

Auch der freie Wille sei gerade in Zeiten der Krankheit fraglich. In dieser Phase sei der Mensch nicht mehr autonom, weil er in äußere Drucksituationen gerät. Hier müsse der Staat unter dem Aspekt der Fürsorge an die Seite der Sterbenden treten und sagen: Wir machen ein Gesetz, das nicht zulässt, dass du getötet wirst, obwohl du es vielleicht selber gewollt hast.

Bei der Enquete-Kommission zur Sterbehilfe, wo auch Beck seine Anliegen vorgetragen hat, ist ihm ein weiterer wichtiger Aspekt klar geworden. „Da hat ein Arzt etwas gesagt, das mich sehr nachdenklich gestimmt hat. Die jetzige Regelung sei auch ein Schutz für ihn, weil er sagen kann, dass er nicht helfen darf.“

Zum toten Opa gehen

Die Tabuisierung des Todes in unserer Gesellschaft ist für Beck ein großes Problem. „Oft fragen mich Eltern, ob die Kinder noch zum toten Großvater sollen. Ich sage dann immer, ja, sie sollen einen Toten anfassen.“ Der Tod gehöre schließlich zum Leben und wir hätten einen viel besseren Zugang dazu, wenn wir das akzeptieren und Platz dafür schaffen. Wir hingegen würden das Thema zur Seite schieben.

Die Medizin sagt, es ist die größte Niederlage, wenn wir nichts mehr tun können. Aber diesen Kampf wird die Medizin immer verlieren. Den Kampf werden wir auch in 1000 Jahren noch verlieren.

Da könnten wir genetisch so viel herummanipulieren wie wir wollen.