PETER GRANSER; BENTELI PUBLISHERS

Jugendkult

„Wir wollen nicht mehr erwachsen werden“

von Andrea Köhler / 07.08.2016

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Kulturwissenschafter Robert Harrison über das Älterwerden und die Infantilisierung der Gesellschaft.

Mr. Harrison, wie alt sind Sie?

Ein menschliches Wesen zu sein, bedeutet verschiedene Lebensalter haben, ein biologisches, ein psychisches, ein evolutionäres, ein geologisches und ein kulturelles Alter. Mein biologisches Alter beträgt einundsechzig, zugleich ist mein Körper einige Milliarden Jahre alt, denn seine Atome sind so alt wie das Universum. Als jemand, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, gehöre ich freilich einer Generation von Sechzigjährigen an, die so jung ist wie wohl noch keine zuvor. Ein Sechzigjähriger heute ist nicht dasselbe wie ein Sechzigjähriger im 18. oder gar im 13. Jahrhundert. Ein Sechzigjähriger in der Antike wäre etwas so Ungewöhnliches, dass er als der grosse Weise verehrt worden wäre.

Die Verehrung des Weisen gehört in der Tat der Antike an. Heute hat das Altern eine sehr schlechte Reputation. Wie kam es dazu?

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Moment – es war irgendwann in den 1960er Jahren –, als meine Mutter und ihre Freundinnen anfingen, sich wie ihre Kinder zu kleiden. Alle richteten ihren Stil an der neuen Jugendlichkeit der Beat-Generation aus. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde Jugend zum Standardmodell. Früher wollten die jungen Leute so schnell wie möglich erwachsen werden, da Macht, Würde und Prestige erst mit dem Alter kamen. Mir fällt keine andere Epoche in der westlichen Zivilisation ein, in der die Alten die Jungen zu imitieren versuchten und nicht umgekehrt. Und in dem Moment, als die Erwachsenen anfingen, sich die Jugend zum Vorbild zu nehmen, wurde das Älterwerden unpopulär.

Heisst das, dass wir als Spezies immer jünger werden, oder werden wir bloss infantiler?

Das ist die zentrale Frage. Ich möchte sie freilich nicht in der einen oder anderen Richtung beantworten. Was in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren stattgefunden hat, ist ein massiver Verjüngungsprozess, ein Zuwachs an Genialität – im Sinne technologischer und wissenschaftlicher Innovation – und ein Verlust an Weisheit und Kontinuität. Weisheit gibt der Zukunft ein Fundament in der Vergangenheit. Genialität widersetzt sich den Zwängen der Tradition und erzeugt Neues. Die Herausforderung liegt darin, der Jugendlichkeit unseres Zeitalters neue kulturelle Formen der Reife zu geben.

Wie könnte das geschehen?

Indem wir unser kulturelles Erbe wieder einbeziehen. Wir haben ja nicht nur ein physiologisches, sondern auch ein kulturelles Alter, das Jahrtausende zählt. Verjüngung scheint heutzutage immer mehr mit dem Auslöschen der Erinnerung einherzugehen. Zum ersten Mal in der Geschichte kann unsere Gesellschaft ohne ein fundamentales Verständnis kultureller und historischer Zusammenhänge funktionieren. Das können Sie selbst in der Politik beobachten. Viele unserer Repräsentanten haben ein grundsätzliches Wissen darüber, wie unser politisches System funktioniert und worauf es beruht, nicht mehr parat. Eine Infantilisierung in der Politik ist eingetreten.

Sie sprechen von Donald Trump?

Trump ist nur ein Extrembeispiel, freilich eines, das die Gesamtlage spiegelt. Es gibt eine Messmethode, den sogenannten „Flesch-Kincaid grade level test“, mit der man das Altersniveau der Sprechenden einschätzen kann; das hat man bei den republikanischen Vorwahlkampf-Debatten getan. Dabei kam heraus, dass sämtliche Politiker von Trump bis Kasich sich mit nur unerheblichen Unterschieden auf dem Niveau von acht- bis zwölfjährigen Kindern artikulieren.

Das Problem scheint schon mit der Ausbildung anzufangen. Viele lernen in der Schule nicht einmal mehr das Grundwissen.

Diese fortschreitende Ahnungslosigkeit lässt sich auch schon bei Lehrenden beobachten. Der Mangel an Bildung aber führt dazu, dass die jungen Leute eine Mentalität entwickeln, die es ihnen fast verunmöglicht, kulturelle Transmissionen und historische Zusammenhänge zu verstehen. Ich will mich aber keineswegs über die Jungen beschweren. Ich beklage vielmehr die gegenwärtige Tendenz, die Jugendlichen um die wesentlichen Quellen der Identitätsbildung und der Kreativität zu bringen, nämlich Musse und Einsamkeit. Alles ist heute zielorientiert und zweckgerichtet. Erziehung kann aber nur gelingen, wenn sie den Sirenenklängen der Aktualität widersteht.

Der Erinnerungsverlust ist ja auch eine Folge der technologischen Revolution. Auf der einen Seite wird immer mehr Wissen gespeichert, auf der anderen geht immer mehr Wissen verloren.

Das Internet ist wie ein grosser Friedhof – all das gespeicherte Wissen wird nicht mehr assimiliert. Doch wenn die Erinnerung nur noch den Computern überantwortet wird, werden diejenigen, die die Zukunft gestalten sollen, um das Erbe gebracht, auf dem diese Zukunft beruht. Es ist fast, also ob wir gestern geboren worden wären. Damit einher geht eine ungeheure Naivität.

Naivität bedeutet ja nicht nur Einfalt, sondern auch Kindlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass Jugendliche heutzutage zwar einerseits durch das Internet mehr Gefahren ausgesetzt sind, andererseits aber viel behüteter aufwachsen; viele wohnen mit über zwanzig noch bei den Eltern.

Das Wichtigste heute wäre, wieder zu lernen, was es heisst, erwachsen zu sein, und das Erwachsenwerden als etwas Wünschenswertes zu begrüssen. In unserem speziellen historischen Moment gibt es kein solches Ideal, weil Altern als etwas so Unattraktives betrachtet wird. Wäre das anders, hätten wohl viele ältere Leute ein realistischeres Verhältnis zum Tod. Weisheit entspringt dem Bewusstsein unserer Endlichkeit.

Die Herausforderung für unsere Spezies läge also darin, unsere habituelle Jugendlichkeit mit neuen Formen der Reife zu verbinden. Gibt es ein historisches Beispiel, das zeigt, wie das gelingen kann?

Platon etwa hat die Philosophie zu einer ganz neuen, zukunftsweisenden Disziplin gemacht, indem er mit Sokrates an das Althergebrachte, nämlich den Mythos, anknüpfte und diesen mit dem Neuen, dem Logos, durchdrang. Erkenntnis bedeutet bei Platon Anamnesis, also das Wiedererinnern eines vorgängigen Wissens und dessen Transformation.

In Ihrem Buch „Ewige Jugend“ sprechen Sie in diesem Kontext von „kultureller Neotenie“. Das Modell der Neotenie entstammt der Biologie und bedeutet, dass eine Spezies jugendliche Merkmale bis ins Alter beibehalten kann. Wie lässt sich das auf zivilisatorische Prozesse übertragen?

„Neotenie“ bezeichnet eine evolutionäre Entwicklung, in der juvenile Züge neue Stadien der Reife annehmen, ohne ihre jugendliche Form zu verlieren. Unter „kultureller Neotenie“ verstehe ich einen Verjüngungsprozess, durch den die Tradition dank einer dynamischen Synergie zwischen den konsolidierenden Kräften der Weisheit und den jugendlichen Energien der Genialität neue Perspektiven eröffnen kann.

Nicht nur das kulturelle, auch das biologische Alter ist der Wahrnehmung unterworfen. Warum ist es in unserer Kultur für Frauen schwieriger, älter zu werden, als für Männer?

Das sehe ich etwas anders. Schauen Sie sich Madonna an oder Sharon Stone. Oder Monica Bellucci. Ein fünfzigjähriges „Bond-Girl“ wäre noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen.

Nun ja, die Genannten bedienen sich dafür im Zweifelsfall auch der kosmetischen Chirurgie. Aber zurück zur Antike: Gemäss dem Rätsel der Sphinx geht der Mensch am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien. Was ist heute aus dem Rätsel der Sphinx geworden?

Das Rätsel der Sphinx beruht auf der Annahme, dass der Mensch drei Lebensalter habe. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Generationen durch eine Differenz von etwa zwanzig bis dreissig Jahren definiert. Dagegen werden Generationen heute durch die technologischen Innovationen bestimmt. Der Unterschied etwa zwischen einer Studierendengeneration, die noch ohne eigenen PC aufgewachsen ist, und der nachfolgenden ist extrem. Oder nehmen Sie das iPhone. Diese Erfindung ist nicht einmal zehn Jahre alt, aber sie hat einen kompletten Generationen-Shift in Mentalität und Denkweise ausgelöst.

Und was unterscheidet Ihrer Erfahrung nach die Smartphone- von der PC-Generation?

Der Widerwille dagegen, sich in einer nicht medial vermittelten Form auf die Umgebung einzulassen. Ein Effekt des iPhone ist diese Phobie vor realer zwischenmenschlicher Interaktion. Es herrscht unter den heutigen Studierenden eine seltsame Angst, sich in der öffentlichen Sphäre zu bewegen. Freundschaften zu pflegen, scheint vielen fremd geworden zu sein. Die bleiben in ihren Schlafräumen. Es gibt hier in Stanford junge Leute, die haben den Campus in den Jahren ihrer Ausbildung kein einziges Mal verlassen.

Mit dem Verschwinden des „Generation Gap“ kann man auch das Verschwinden eines Phänomens beobachten, das die Welt – und die Weltliteratur – seit den Anfängen beherrscht: der Generationenkonflikt. Was bedeutet das für das Erwachsenwerden?

Der Generationenkonflikt ist eine Bedingung für das Erwachsenwerden. Man muss sich abgrenzen, rebellieren. Das ist oft schmerzhaft, denn Konflikt heisst Trennung. Wenn man Studenten nach ihren besten Freunden fragt, antworten viele: meine Eltern. Es ist natürlich auch die Unreife der Eltern, die diese antreibt, die besten Freunde ihrer Kinder sein zu wollen – der Wunsch, um jeden Preis geliebt zu werden. Auch das trägt zur Infantilisierung der Gesellschaft bei.

Die Infantilisierung, der Gedächtnisverlust und die Todesvergessenheit haben auch mit unserem Suchtverhalten in puncto Medien zu tun. Die Abhängigkeit vom permanenten Newsfeed macht uns zu Sklaven des Augenblicks. Damit einher geht im Grunde auch eine ständige Nivellierung des Neuen.

Ja, das grosse Problem heute ist die aggressive mediale Durchdringung aller Lebenssphären. Man lebt ja praktisch nur noch mit fremden Stimmen im Kopf. Darum wäre es ein Anfang, sich von dieser Dauerkommunikation häufiger abzukoppeln. Die Fähigkeit, alleine zu sein, ist ja auch eine Form der Abgrenzung, sprich: ein Schritt zum Erwachsenwerden. Nietzsche sagt in seinen „Unzeitgemässen Betrachtungen“, dass der Künstler und Schriftsteller sich von seiner Zeit abgrenzen und eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen können muss, um zum Schöpfer des Zukünftigen zu werden. Wenn man komplett in seiner Zeit aufgeht, wird man einfach nur vom Strom mitgerissen.

Robert Pogue Harrison, 1954 im türkischen Izmir geboren, lehrt italienische und französische Literatur an der Stanford University. Seit Jahren arbeitet er an einer umfassenden Kulturgeschichte der Condition humaine. Er ist Verfasser mehrerer Studien, u.a. über Wälder, den Tod und die Toten sowie über Gärten. Letztes Jahr ist die deutsche Übersetzung seiner Kulturgeschichte des Alterns unter dem Titel „Ewige Jugend“ im Hanser-Verlag erschienen.