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Studie

Wirtschaftstudium schadet nicht dem moralischen Kompass

von Hansueli Schöchli / 26.05.2016

Die Ausbildung zum Theologen bringt dem moralischen Kompass nicht mehr als ein Wirtschaftsstudium. Das zeigt eine Zürcher Studie. Deren Ergebnisse sind für die Universität Zürich aber kein Ruhmesblatt.

Seit Dienstag ist es offiziell: Die Schweizer Bank BSI hat im Korruptionsfall um einen malaysischen Staatsfonds die Schweizer Bestimmungen zur Geldwäschereibekämpfung massiv verletzt. Das war das Verdikt der Finanzmarktaufsicht (Finma). Die BSI-Affäre ist das jüngste und sicher nicht das letzte Beispiel in einer langen Reihe von Fällen mit krassem Fehlverhalten in der in- und ausländischen Wirtschaft. Die Stichworte reichen von Bilanzskandalen während des Internetbooms über Marktmanipulationen im Finanzsektor und Korruption im Pharmageschäft bis zum Abgasskandal des VW-Konzerns.

Schlimmer als andere?

Auch die Politik ist voll von Unehrlichkeit und anderen Skandalen. Doch politische Akteure suggerieren gerne, dass es im Wirtschaftsleben zu oft an einem moralischen Kompass fehle. Wissenschafter, und nicht zuletzt die Ökonomen, stellen zuweilen die Frage, ob das Problem in der (angeblich „egoistischen“) Denkhaltung liegen möge, welche das Wirtschaftsstudium vermittle, oder ob moralisch ohnehin schon fragwürdige Personen überdurchschnittlich häufig im Ökonomiestudium anzutreffen sind. Eine neue Untersuchung von drei Forschern der Universität Zürich, publiziert im Journal of Business Ethics, gibt in beiden Punkten weitgehend Entwarnung.

Die Analyse beruht auf Befragungen von knapp 2.300 Bachelor- und Masterstudenten der Universität Zürich. Die Befragten wurden mit zwei Dilemmasituationen konfrontiert (Sterbehilfe eines Arztes und illegale Selbsthilfe von Arbeitnehmern gegen fehlbares Verhalten von Chefs). Es gab jeweils nicht ein „richtiges“ und ein „falsches“ Verhalten; die Forscher suchten vielmehr, ob die Studenten moralisch konsistente Antworten gaben (also einen stabilen moralischen Kompass haben) oder opportunistisch überlegten. Die Mutmaßung dahinter: Je schwächer der moralische Kompass ausgebildet ist, desto höher ist die Anfälligkeit für zweifelhaftes Verhalten.

Entwarnung für die Ökonomen

Für die Ökonomen mag ein Kernbefund beruhigend sein: Ihr Studium schneidet in Sachen Moralkompass nicht signifikant schlechter ab als andere Studienrichtungen. Laut der Analyse ist zunächst keine Negativselektion ersichtlich: In der statistischen Analyse unter Berücksichtigung diverser Einflussfaktoren finden die Forscher keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem moralischen Kompass und der Studienwahl. Dies gilt nicht nur für den Vergleich des Ökonomiestudiums mit jenem für Juristen, sondern auch verglichen mit Theologen, Medizinern und anderen Gebieten. Einen statistisch signifikanten Einfluss haben laut der Analyse dagegen das Geschlecht (Männer kommen besser weg als Frauen, wenn auch völlig unklar ist, weshalb) und die politische Einstellung (Linke kommen besser weg als Rechte).

Lässt man dagegen mit Ausnahme der Studienrichtung alle Einflussfaktoren weg, ergibt sich laut den Daten schon eher ein Bild, das dem Klischee entsprechen mag: Zu Beginn des Studiums schneiden die Theologen in Sachen Moralkompass am besten ab, vor den Medizinern, und die Ökonomen hinken etwas hinter den anderen her (bei allerdings eher kleinen Differenzen).

Treten an Ort

Immerhin bringt laut der Analyse das Bachelorstudium den Moralkompass der angehenden Ökonomen nicht noch weiter durcheinander. Das gilt mit einer Ausnahme auch für die anderen untersuchten Studienrichtungen.

Die Ausnahme ist ironischerweise das Medizinstudium, das laut der Untersuchung den moralischen Kompass signifikant aufweicht. Die Zürcher Forscher verweisen auf andere Studien, welche auf das gleiche Ergebnis gekommen seien und dies mit dem „ungünstigen Lernumfeld“ für die mutmaßlich gestressten Medizinstudenten begründet hätten.

Auch für die Universität als Ganzes sind die Ergebnisse der Zürcher Studie kein Ruhmesblatt. Demnach hat ein Bachelorstudium unabhängig von der Studienrichtung keinen positiven Effekt auf den moralischen Kompass. Das muss nicht unbedingt überraschen. Doch wer erwartet, dass ein Studium nicht nur Wissen vermitteln soll, wird sich damit nicht begnügen können.