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Friedensnobelpreis für Santos

Wo ein Ego ist, ist auch ein Weg

von Tjerk Brühwiller / 08.10.2016

Präsident Juan Manuel Santos hat Kolumbien an den Punkt gebracht, an dem es den Frieden will. Er hat dafür einen beachtlichen Wandel vollzogen.

Juan Manuel Santos war 40 Jahre alt, als er im Palast des kolumbianischen Aussenministeriums stand. Der von Präsident Gaviria frisch nominierte Minister für Aussenhandel traf sich dort mit der damaligen Aussenministerin Noemí Sanín, um einige gemeinsame Aktionen zu koordinieren. In einem Salon blieb Santos‘ Blick auf den Porträts der kolumbianischen Präsidenten hängen. Eines Tages werde er auch dort hängen, soll seine Kollegin gescherzt haben. Und vermutlich war es genau das, was dem jungen Minister durch den Kopf ging.

Mit Uribes Segen

Die Karriere von Santos begann in der Privatwirtschaft im Verband der Kaffeeproduzenten und im Verlagswesen bei der Tageszeitung „El Tiempo“, die seiner Familie gehörte. Doch es war abzusehen, dass es ihn eines Tages in die Politik ziehen würde. Die Familie Santos gehört zu den einflussreichen des Landes, zum Grossbürgertum. Santos‘ Grossonkel Eduardo war zwischen 1938 und 1942 gar Präsident Kolumbiens. Sein Eintritt in die Dienste des Staates war ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Im Kabinett dreier Präsidenten – Aussenhandelsminister unter Gaviria, Wirtschaftsminister unter Pastrana und Verteidigungsminister unter Uribe – hatte Santos sich verdient gemacht, ehe er 2010 selbst an der Reihe sein sollte.

Santos war ein guter Minister, technisch und fachlich begabt, doch es fehlte ihm an Charisma, an Volksnähe und Kommunikationstalent, um Präsident zu werden. Dass es ihm dennoch gelang, und zwar mit einem historischen Resultat, war seinem populären Vorgänger Álvaro Uribe zu verdanken, der ihn aufgebaut hatte, weil er selbst nicht mehr antreten durfte. Allerdings hatte damals noch niemand geahnt, dass er vom Falken zur Taube mutieren und dieses Mandat dazu nutzen würde, Friedensgespräche mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) anzustossen, die er als Verteidigungsminister noch mit heftigsten Militäroffensiven bekämpft hatte. Doch schon am Tag seiner Amtseinsetzung gab Santos Signale und sprach davon, dass er den Schlüssel zum Frieden habe. Später drückte er in einem Interview gar seinen Wunsch aus, als „Verräter der Klasse“ in die Geschichte einzugehen.

Der Frieden als Chefsache

Santos wäre wohl ein anderer Präsident geworden, ein angepasster und traditioneller, wäre er nicht im Schatten von Uribe an die Macht gekommen. Sein Mentor war populär, und Santos suchte etwas, um seiner Präsidentschaft Glanz zu verleihen, um auszubrechen und sich zu emanzipieren – und wohl auch um seine Eitelkeit zu befriedigen. In den Friedensgesprächen mit den Farc, die er im September 2012 ankündigte, fand Santos etwas Grosses, etwas Historisches, eine Herausforderung, die seinem Ego gerecht wurde.

Die Gespräche in Havanna hätten ursprünglich keine Chefsache werden sollen. Doch das änderte sich, als sich abzeichnete, dass die Verhandlungen nicht eine Sache von Monaten, sondern von Jahren werden sollten. Santos schaltete sich aktiv in die Debatte ein und erklärte den Friedensschluss mit der Guerilla zu seinem obersten Ziel und zum Grund, für eine weitere Amtsperiode zu kandidieren. Santos setzte alles auf eine Karte. Die Wahl zwischen ihm und Uribes Kandidat wurde zu einem Referendum über die Friedensverhandlungen, das Santos für sich entschied. War es 2010 die Rechte gewesen, der er seine Wahl zu verdanken hatte, so war es vier Jahre später eine Mitte-Links-Koalition.

Fanatische Züge

Santos‘ zweites Mandat stand bisher voll und ganz im Zeichen der Friedensverhandlungen. Santos delegierte die meisten Regierungsaufgaben, doch wenn es um den Frieden ging, stellte sich der Präsident immer öfter persönlich ins Rampenlicht und begann, Gefallen daran zu finden. Diese Hingabe und Loyalität zum Friedensprozess, die manchmal fast fanatische Züge hatte, gefiel nicht allen. Selbst innerhalb der Regierung provozierte Santos Kritik. Einer dieser umstrittenen Momente war, als Santos im September 2015 nach Kuba reiste, wo es zum historischen Händedruck zwischen ihm und Farc-Führer Rodrigo Londoño kam. Man hatte dem Präsidenten davon abgeraten, doch dieser liess sich nicht beirren. Rückblickend waren Santos‘ Aktionen und Anweisungen entscheidend für den Fortgang der Gespräche und den Abschluss der Verhandlungen.

Im Eifer, den Konflikt mit den Farc zu beenden und in die Geschichte einzugehen, ist jedoch vieles auf der Strecke geblieben. Santos wird nicht zu Unrecht vorgeworfen, den Friedensschluss über alles andere gestellt zu haben. Wirtschaftliche Reformen zum Beispiel, die Kolumbien bitter nötig hätte, sind nicht vorangekommen. Es ist einer der Gründe, warum Santos‘ Beliebtheit in Kolumbien im Keller ist, während ihn die Welt feiert. Und es ist auch eine der Erklärungen für das Scheitern des Referendums über den Friedensvertrag. Trotz dem Nein zum Friedensvertrag gibt es keinen Weg zurück mehr. Santos hat den Friedensnobelpreis erhalten, weil er Kolumbien an den Punkt gebracht hat, an dem es den Frieden will.