Verena Hölzl

Bildung

Wo Kambodschas neue Elite heranwächst

von Verena Hölzl / 25.02.2016

In einer amerikanischen Schule bei Phnom Penh lernen Jugendliche, später einmal die Probleme ihres Landes zu lösen. Das schätzt sogar die Regierung. NZZ-Korrespondentin Verena Hölzl berichtet aus Phnom Penh. 

„Willkommen bei Liger“, sagt Samnang und streckt seine Hand zur Begrüßung aus. Ein hechelnder Welpe mit hellem Fell, Henry, schwänzelt um die Beine des jungen Kambodschaners. Samnang steht am Eingang seines Schulgeländes außerhalb der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh vor einem mit tropischen Pflanzen umwucherten Teich. Am Ende des Beckens thront eine steinerne Figur von Suryavarman II., dem König, unter dem das Land seine Blüte erlebte.

Samnang, 13 und schon einen Flaum auf der Oberlippe, wird gemeinsam mit 50 anderen kambodschanischen Jugendlichen seit 2012 an der Liger School zu einem „Agenten des Wandels“ ausgebildet. Er soll später einmal seine Heimat zu einem besseren Ort machen. Heute lernt er deshalb nicht nur Englisch und Mathe, sondern auch, wie man Unternehmen gründet, 3-D-Drucker bedient oder Wasserpumpen baut.

Kambodscha zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Korruption ist so weit verbreitet wie nirgendwo sonst in Südostasien, die Anzahl an Hilfswerken ist gemessen an der Einwohnerzahl nur in Rwanda höher. Viele von ihnen werden kritisiert, nur kurzfristig Gutes zu bewirken. Im Liger Learning Center setzt man stattdessen auf Nachhaltigkeit.

Der junge Samnang denkt viel nach, am liebsten über Roboter oder Website-Programmierung. Bis vor kurzem wollte er Regierungschef von Kambodscha werden, inzwischen interessiert er sich mehr für Technik. „Dom hat uns einen Hund gebracht, damit wir lernen, Verantwortung zu übernehmen“, sagt er. Dom, graumelierte lange Surfer-Mähne und ein silbernes Ringchen im linken Ohr, heißt Dominic Sharpe und ist Direktor der Liger School. Den ganzen Morgen über hat der Australier potenzielle „vielversprechende Kinder“, wie man sie bei Liger nennt, interviewt.

Die Schulgemeinschaft soll im kommenden Jahr um 50 neue Mitglieder wachsen. Der Versammlungsplatz im weitläufigen Schulgarten, der eine Vier-Sterne-Hotelanlage sein könnte, wird deshalb erweitert. Zweimal die Woche singen die Kinder dort die Nationalhymne. Verbundenheit mit dem Vaterland schaffen ist Teil des Lehrplans.

Monatelang reisten Sharpe und sein Team auf der Suche nach neuen Schülern durch das Land. „Wir suchen nicht nach Klassenbesten“, sagt er. Wichtiger seien Teamgeist und Kreativität. Im lichtdurchfluteten Hauptgebäude der Schule riecht es nach Jasminblüten-Putzmittel, die Fliesen sind warm von der Nachmittagssonne. An der Wand werden Fotos von Schülern ausgestellt, die sich in Kategorien wie Entschlossenheit oder Optimismus hervorgetan haben.

Insgesamt 40 Angestellte kümmern sich um Kambodschas Problemlöser von morgen. Es gibt zehn Lehrer, die Hälfte sind Einheimische. Einer von ihnen ist Bhutan Un. „Natürlich fördern wir mit viel Geld nur sehr wenige Kinder“, sagt er, „aber nur so funktioniert das Konzept eben. In ein paar Jahren werden Hunderte, wenn nicht Tausende von ihren Ideen profitieren.“

Finanziert wird die Liger-Schule vom amerikanischen Investment-Unternehmer Trevor Gile, der einen Hedge-Fund namens Liger führt. Ein gerahmtes Foto von ihm und seiner Familie in einem Vergnügungspark hängt im Besucherraum der Schule. Es gibt dort ein Schwimmbad, Slackline-Kurse und Laptops für jeden. Denen gegenüber, die keine „vielversprechenden Kinder“ sind, fühlt der Schüler Samnang sich nicht schlecht: „Meine Freunde finden es gut, dass sie etwas von mir lernen können“, erklärt er.

Inzwischen ist auch das Bildungsministerium auf die Liger School zugekommen. In einem ihrer Projekte erörtern die Kinder deshalb, wie man das kambodschanische Schulsystem verbessern könnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass elfjährige Liger-Kinder die Politik beeinflussen. Seitdem sie für Hilfswerke einfache Biogasanlagen bauen, erhalten diese dafür auch Zuschüsse vom Staat.

Schulleiter Dominic Sharpe wünscht sich auch in anderen Entwicklungsländern Liger-Schulen. „Die größte Herausforderung wird sein, Lehrer zu finden, die den Kindern tatsächlich etwas beibringen können“, sagt er. Dann verschwindet er im Entrepreneurship-Kurs. Die Kinder basteln dort an einer Marketing-Strategie für kambodschanische Chili-Sauce.