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Die Qual der Wahl

Wollen wir wählen?

Meinung / von Barbara Kaufmann / 24.04.2016

Zu viele Auswahlmöglichkeiten überfordern Kunden und führen zum Nichtkauf, sagen Marketing-Experten. Die sexuelle Wahlfreiheit mündet im New Biedermeier, prognostizieren Psychologen. Und die scheinbar grenzenlose Wahlfreiheit ist ein Hauptgrund für die Zunahme von Depressionen, befürchten zeitgenössische Philosophen. Wollen wir noch wählen?

Publius Clodius Thrasea Paetus hat sich Zeit genommen für seine Entscheidung. Der römische Senator hat sich zurückgezogen, mit Freunden Wein getrunken, über die Trennung von Körper und Geist diskutiert, bis er sich am Abend seines Hinrichtungstages schließlich sicher war, wie er sterben wollte. Er durfte nämlich wählen. Zwischen mehreren Todesarten. Paetus entschied sich für die blutigste Variante. Er ließ sich abends von den Henkern die Pulsadern aufschneiden.

Die freie Wahl der Todesart durch den Deliquenten – sie stand natürlich nur hochrangigen Verurteilten zu – galt in Neros Rom als Zeichen des Respekts, der Kultur, des Humanismus. Es wäre würdelos für den Verurteilten gewesen, so sahen es damals Zeitgenossen wie Tacitus, die Art seiner Exekution über seinen Kopf hinweg zu entscheiden. Würdelos für den Staat gleichermaßen wie für den Hinzurichtenden.

Glücklich der, der wählen kann

Die Wahl zu haben, bedeutete lange Zeit, frei zu sein. Der Freiheitsbegriff der Aufklärung ist ohne die Wahlfreiheit und die daraus resultierende Verantwortung, Verpflichtung, aber auch moralische Selbstbegrenzung nicht denkbar. „Glücklich der, der wählen kann, wie du!“ ruft der Revolutionär Billaud-Varenne seinem Mitstreiter Tallien in Robert Hamerlings Bühnenstück über die französische Revolution zu. Robespierre, Danton und ihre Anhänger setzten den Freiheitsgedanken der Aufklärung recht radikal und kompromisslos um, aber auch sehr selektiv. So war Billaud-Varenne als Präsident des Konvents während der Schreckensherrschaft von Robespierre dafür berüchtigt, das Revolutionstribunal – vor das er persönlich die Königin Marie Antoinette gebracht hatte – dazu anzufeuern, die Guillotinen durch ihre Urteile in ständiger Bewegung zu halten. Wahlmöglichkeiten gab es weder für die Verurteilten noch für die Urteilenden.

In der Szene aus Hamerlings Stück überlegt Tallien laut, ob er nach dem Tod von Danton lieber für Robespierre weiterkämpfen soll oder sich stattdessen ins Bett seiner Geliebten begeben. Pflicht oder Lust, eine Frage, die von den studentischen Revolutionären der 68er klar beantwortet wurde. Das Sexualverhalten galt gleichzeitig auch als Sozialverhalten, die freie Liebe als Ausdruck persönlicher Befreiung. Doch aus Wahlfreiheit wurde in einigen Kommunen Wahlzwang. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, war die Vorgabe, die laut Altkommunarde Rainer Langhans mit der Zeit für viele zu nicht unerheblichen sozialen und physischen Stress führte.

Freie Liebe und New Biedermeier 

Ein Phänomen, das Sexualforscher bei der Analyse des Sexualverhaltens der heutigen Digital Natives, die gerne als „Generation Youporn“ oder „Generation Tinder“ bezeichnet werden, erneut und verstärkt beobachten. Wenn potenzielle Sexualpartner durch die Digitalisierung quasi rund um die Uhr verfügbar wären, wenn Pornografie Teil des Schulhofalltags wird, weil man sich gegenseitig als Mutproben Fotos der Genitalien auf WhatsApp oder Snapchat schickt, wird Sexualität zur Leistungsschau. Wer bei dieser Fülle an Angebot keinen Sexualpartner vorzuweisen hat, der hat nicht gewählt, sondern versagt. So die Wahrnehmung der anderen.

Sexualtherapeuten orten als Resultat dieses Dauerwettkampfs eine zunehmende Sehnsucht nach Monogamie, Familie und Zweisamkeit. Die Enkel der 68er-Revolutionäre beruhigt das Biedere. Sie wollen in der Kleingartensiedlung sitzen, stricken gegen den Stress, und Selfies vom Händchenhalten mit der einzigen wahren Liebe im Sonnenuntergang auf Instagram stellen. So wird der weltweite Erfolg der Vampir-Serie „Twilight“ von Stephenie Meyer von vielen Kritikern auf die altmodische Beziehung des Paares zurückgeführt, die traditionellen, konservativen Regeln folgt – kein Sex vor der Ehe – und damit den jugendlichen Kinobesuchern bzw. Lesern romantischer erschien als der brutale Exhibitionismus, den die Social-Media-Kultur in ihrem Alltag mit sich bringt.

Überforderung im Onlineshop

Das Netz mit seinem endlosen Angebot an den Konsumenten, seinen 24-Stunden-Öffnungszeiten, seiner Vielfalt an Waren bedeutet jedoch für die meisten Kunden kein lustvolles Erlebnis, sondern schlichte Überforderung. Marketing-Experten der Harvard University, allen voran Luc Wathieu, haben festgestellt, dass die vielen Wahlmöglichkeiten beim Einkauf im Internet zu einer massiven kognitiven Überlastung („cognitive overload“) beim Käufer führen.

Nachdem der Entscheidungsspielraum endlos ausgedehnt scheint, steigt die Angst vor der falschen Wahl, und selbst wenn etwas online erworben wurde, ist das Bedauern über die nicht gewählten Alternativen so hoch, dass Unzufriedenheit entsteht. Und zwar so starke, dass der Anspruch an das gekaufte Produkt ein viel zu hoher ist. Es soll ja die Ablehnung der anderen Produkte aufwiegen. So lassen sich auch die harschen Bewertungen bei Onlinehändlern erklären. Wenn man sich schon für einen unter tausenden Artikeln entschieden hat, so die innere Erwartungshaltung, dann muss er auch perfekt sein.

Wahlfreiheit und Depression

Der Perfektionsanspruch gilt jedoch auch für uns selbst. Vorbei sind die Zeiten der vorhersehbaren Biografien, der abgrenzbaren Identität, der klaren Lebensläufe. Alles ist im Wandel, alles ist möglich. Geschlecht, Aussehen, Lebensstil? Jeder kann sich selbst täglich neu erfinden. Was nicht passt, kann operiert, therapiert oder kaschiert werden. Nach Jahrtausenden streng hierarchischer Gesellschaftsformen, in denen der Aufstieg aus dem Milieu, in das man hineingeboren wurde, oftmals kaum möglich war, ist man plötzlich scheinbar so frei wie nie zuvor. Doch die Freiheit der unendlichen Wahlmöglichkeiten ist trügerisch, meinen etwa der Philosoph Byung-Chul Han oder die Soziologin Eva Illouz.

Die sprichwörtliche Qual der Wahl wird tatsächlich eine körperliche. Sie macht uns müde, krank und depressiv. Denn der Druck, die richtige Wahl zu treffen, steigt. Nicht nur in der Arbeitswelt, die längst mit dem Privatleben verschmolzen ist. Auch in der Freizeit, im Liebesleben, in der Sexualität. Die durch die Digitalisierung endlos gewordenen Möglichkeiten, sich zu entscheiden – zu kommunizieren, sich auszuprobieren, sich zu inszenieren – führen zu Orientierungslosigkeit, Erschöpfung und Burn-out. Byung-Chul Han plädiert daher für eine Besinnung auf das Wesentliche, eine bewusste Entschleunigung des Alltags, eine sanfte, selbst auferlegte Beschränkung der Wahlfreiheit. Offeriert ein Lokal zwölf verschiedene Fruchtsäfte vom Biobauern, selbstgemachte Limonaden, vegane und glutenfreie Getränke, landet man nach dem Studium der mehrseitigen Karte schlussendlich doch wieder beim Mineral-Zitron. Warum es dann nicht gleich bestellen?

Weil Verzicht nur möglich ist, wenn man die Freiheit hat zu wählen. Wählen strengt an, und Entscheidungen zu treffen kann für manchen harte Arbeit sein. Aber wer keine Wahl hat, ist ausgeliefert, ohnmächtig, fremdbestimmt. Das sollte man gerade an einem Wahlsonntag nie vergessen.