Morgengrauen

Worauf man achten sollte

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.10.2016

Für jemanden, der sich morgens immer erst zusammenklauben muss, sind die Maximen der Lebenskunst eine Provokation. „Sei achtsam!“ Das ist, im Moment, die lebenskünstlerische Kardinalmaxime. Ehrlich gesagt, weder bevor noch nachdem ich mit dem falschen Fuß aufgestanden bin (mich dabei jeden Tag aufs Neue fragend, welcher denn der richtige wäre), finde ich es besonders hilfreich, achtsam sein zu sollen.

Denn um achtsam sein zu können, müsste ich zuerst wissen, worauf ich achten sollte, nicht wahr? Morgens, im Bett, habe ich das Gefühl, ich sollte auf alles achten. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass Hölderlin unrecht hatte, als er schrieb, dass dort, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst. Gefahr ist immer und überall, so viel glaube ich zu wissen, noch bevor ich eine Zehe gerührt habe, um mit dem wieder einmal falschen Fuß aus dem Bett zu steigen. Bin ich aber erst aus dem Bett gestiegen, und zwar nicht ohne den existenziellen Versuch, mich zusammenzuklauben, habe ich keine Zeit mehr, auf dies und das zu achten.

Denn nun gilt es, das Frühstück zu besorgen, ein Umstand, der meine ganze Achtsamkeit erfordert. Sei achtsam? Man kann nicht sein wollen, was zu sein man ohnehin dadurch gezwungen ist, dass man einigermaßen ohne zerschlagenes Frühstücksgeschirr durch den Morgen kommen will. Mir scheint die Maxime „Sei achtsam!“ genauso sinnvoll wie der Ratschlag, nicht mit dem falschen Fuß aufzustehen. Wer sie befolgt, bleibt liegen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.