Morgengrauen

Worauf nicht zu antworten sei

Gastkommentar / von Peter Strasser / 18.09.2016

Im Traum meinem Philosophieprofessor vom Gymnasium begegnet. Sein Gesicht, das ich nach Jahrzehnten schon fast vergessen hatte, stand mir wieder klar vor Augen. Und damit auch das Gefühl, das dieses Gesicht bei mir als Schüler auslöste: maßlose Ehrfurcht darüber, wie viel man als Lehrer aus dem Schatz philosophischer Werke auswendig gelernt haben konnte, verbunden mit der unbeschreiblichen Angst, selbst alles vergessen zu haben, was ohnehin nur ein winziges Sammelsurium der Liebe zur Weisheit war.

In meinem Traum stehe ich also in der Schulbank meinem Philosophieprofessor gegenüber, der mich fragt, was denn nun die „drei berühmten Fragen Kants“ seien. Mir bricht der Traumangstschweiß aus, denn mir fällt nur eine Frage – es ist die letzte, ultimative – ein: „Was darf ich hoffen?“ Da erweist sich mein Philosophieprofessor als gütige Sphinx; seine Frage: „Und …?“ Darauf ich: „…??“ Darauf er: „Und was darfst du hoffen, Strasser?!“ Hinter mir macht sich schadenfrohes Mitschülergemurmel breit, aus dem ich die Worte „Nicht genügend, setzen!“ herauszuhören glaube. Ich bleibe aber stehen, während mich mein Philosophieprofessor unverwandt anlächelt.

Und dies ist der Moment, in dem das Traumbild einfriert. Nichts rührt sich, stattdessen wache ich in die Dunkelheit hinein auf. Ich wage nicht, mich im Bett zu rühren. Denn im Aufwachen wurde mir eine wichtige Einsicht zuteil: Solange ich auf die Frage, was ich hoffen dürfe, keine Antwort gebe, darf ich hoffen, nicht wahr?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform: „Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.