Worüber wir entsetzt sind

von Michael Fleischhacker / 08.01.2015

Das Repertoire an möglichen Reaktionen auf Ereignisse wie den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist begrenzt, und es wird rasch und routiniert ausgeschöpft.

Aufrufe zur Solidarität und zur Verteidigung der Meinungs-, Presse- und Satirefreiheit; die Aufforderung, sich durch solche feigen Anschläge nicht zur Einschränkung bürgerlicher Freiheiten hinreißen zu lassen (weil das genau das sei, was die Attentäter bezweckten); die Warnung, nun nicht alle Muslime für eine Einzelaktion von Fanatikern verantwortlich zu machen, weil das unangemessen, ungerecht und gefährlich sei. Es werden Solidaritätskundgebungen organisiert, Zeitungen treten in einen Wettbewerb um die spektakulärste optische Umsetzung der Betroffenheit, ein Wettbewerb, bei dem es nur Gewinner gibt.

Zum Ersten: Dem vielfach verwendeten Slogan „Ich bin Charlie“ oder „Wir alle sind Charlie“ liegt die Annahme zugrunde, dass es sich bei dem zwölffachen Mord von Paris um einen Anschlag auf die Pressefreiheit an sich handle, gegen den man sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln wehren müsse. Mit Blick auf Charlie Hebdo ist das so.

Aber stimmt es auch mit Blick auf die Solidaritätsolympioniken? Repräsentieren die freiheitlichen Selbstbehauptungs-Signale, die dieser Tage von vielen europäischen Zeitungen gesendet werden, tatsächlich das Meinungsklima in den politischen und intellektuellen Eliten des sogenannten Abendlandes? Oder hat nicht vielmehr längst eine flächendeckende Selbstzensur zu greifen begonnen, die den jetzigen Anschlag besonders schlimm erscheinen lässt, nach dem Muster: Jetzt lassen wir euch ohnehin in Ruhe, weil ihr so leicht beleidigt seid, und trotzdem bringt ihr uns um? Sind wir nicht auch und vor allem entsetzt darüber, dass unsere regelmäßigen Selbstbezichtigungsübungen, in denen wir bekennen, dass „wir“, also fast alle außer uns, den muslimischen Zorn durch einen Mangel an Wertschätzung schüren, nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben – nämlich Ruhe?

Die Schweizer Bundesrätin Doris Leuthard setzte als Reaktion auf den Anschlag einen Tweet ab, den ihr Büro nach äußerst kritischen Reaktionen in den sozialen Netzwerken mit dem Begriff „Missverständnis“ in Zusammenhang brachte.

Im zweiten Tweet war zu lesen: „BR Leuthard: Achtung, gab teilweise Missverständnis: Bin bestürzt über Anschlag. Pressefreiheit ist Grundrecht! Nichts rechtfertigt Attentat.“ Allein, ein Missverständnis ist nicht auszumachen. Die Formulierung „Satire ist kein Freipass. Aber …“ ist unmissverständlich, und der Nachfolgetweet stellt demgemäß auch nichts klar. Man darf davon ausgehen, dass Frau Leuthard das genauso gemeint hat, wie sie es schrieb.

Was sie schrieb, repräsentiert im Übrigen den Mainstream im Juste Milieu der Wohlgesinnten jedenfalls des deutschsprachigen Raumes, das sich im Lauf der Zeit darauf verständigt hat, im Umgang mit dem Islam von der Presse-, Satire- und Meinungsfreiheit im „Ja, aber“-Modus zu sprechen: Klar, wir müssen die Meinungsfreiheit verteidigen, aber wir müssen auch die Sensibilität der muslimischen Mitbürger berücksichtigen.

Es wird niemanden wundern, dass auch der österreichische Bundespräsident in dieser für das europäische Selbstverständnis nicht unwesentlichen Frage für ein beherztes „Ja, aber …“ plädiert. Presse-USA-Korrespondent Oliver Grimm hat folgendes Zitat aus einer Rede Heinz Fischers vor dem Europäischen Parlament im Jahr 2006 gefunden. Damals führten die Mohammed-Karikaturen der Jyllands-Posten weltweit zu Gewalttaten.

Bildschirmfoto 2015-01-07 um 18.23.21
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Nun ja, Heinz Fischer eben, möchte man sagen. Aber die Bereitschaft, das Niveau der Auseinandersetzungen mit Ideologien, Religionen und politischen Theologien an den vormodernen Bedürfnissen einer Religion zu orientieren, die sich intellektuell und kulturell vermutlich in der unproduktivsten Phase seit ihrer Gründung befindet, geht doch deutlich über die individuelle Hasenherzigkeit des österreichischen Staatsoberhauptes hinaus.

„Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“, ließ Charlie Hebdo auf einer seiner Titelseiten den Propheten klagen. Das ist seinerseits hart, und es ist der eine Angelpunkt, an dem die Debatte über den angemessenen Umgang mit den muslimischen Bewohnern Europas ansetzt: Wer nicht akzeptieren kann, dass religiöse Gefühle nicht höher bewertet werden als die Freiheit, auch extreme Meinungen zu äußern, ist hier fehl am Platz. Gerade die Vertreter extremer Richtungen des Islam profitieren ja auch – zu Recht – von dieser Tatsache: Man darf in Europa radikaler Islamist sein, solange man nicht mit den geltenden Gesetzen in Konflikt gerät (zusätzliche Regelungen wie das österreichische Islamgesetz sind daher kaum mehr als klug platzierte Public-Relations-Aktivitäten).

Der andere Angelpunkt der Debatte liegt im Umgang mit dem Unbehagen von immer mehr Menschen über die zunehmende Zahl an Mitbürgern, die einer erkennbar anderen kulturellen, ökonomischen und religiösen Praxis nachgehen als die Mehrheitsgesellschaft. Was sagen wir als Vertreter der politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten diesen Menschen, die dann neben einer ganzen Reihe von rechtsextremen Idioten und politischen Glücksrittern bei Pegida-Demos aufschlagen? Dass es die Probleme, über die sie klagen, gar nicht gibt? Dass sie bornierte Fremdenhasser sind?

Das würde zu der inzwischen ebenfalls Routine gewordenen Übung passen, Menschen, die sich skeptisch, kritisch oder polemisch gegenüber dem Islam äußern, als „Islamophobiker“ zu bezeichnen (während Menschen, die sich skeptisch, kritisch oder polemisch über das Christentum äußern, als Bollwerke der Aufklärung durchgehen). Es gibt inzwischen sogar wissenschaftliche Projekte zum Thema „Islamophobie“ an angesehenen Universitäten. Dass ausgerechnet jene, die sich für die zeitgenössische Speerspitze der Aufklärung und der politischen Korrektheit halten, Andersdenkende mit dem Segen der Sozialwissenschaften pathologisieren, ist ein besonders lustiger Treppenwitz der Ideengeschichte.

Die mehr oder weniger pathetischen Kundgebungen des Entsetzens, die nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in vielen europäischen Städten stattgefunden haben, sind gut und richtig. Ereignisse, auf die es keine angemessene Reaktion gibt, werden von uns Menschen seit jeher auf eine solche vielleicht liturgisch zu nennende Weise verarbeitet. Danach beginnen wir, das Entsetzen zu rationalisieren, wir suchen nach Gründen und fragen nach Konsequenzen. Dabei geht es dann erfahrungsgemäß weniger spektakulär zu, und es dominiert nach einer gewissen Zeit wieder das Ruhebedürfnis über das Bedürfnis nach Selbstbehauptung.

Es bildet die Grundlage dafür, dass unser Entsetzen beim nächsten Mal genauso echt ist wie dieses Mal.