Ullstein

Denken in Freiheit

Wozu Kunst?

von Roman Bucheli / 02.06.2016

Gerade weil die Kunst zu nichts zu gebrauchen ist, brauchen wir sie. Die Freiheit von aller Zweckmäßigkeit ist die größte Herausforderung für die Kunst – und ihre vornehmste Provokation.

Es gibt in der ganzen Opernliteratur manche Albernheit, die sich die Librettisten ausgedacht hatten. Nichts Menschliches war ihnen fremd, keine Sentimentalität, auch keine abgefeimte Rohheit. Unübertroffen in höherem Nonsens aber bleibt gewiss das Libretto der „Zauberflöte“. Nie hat ein Komponist schönere Musik geschrieben zu einem Text von solch theatralischem Unfug und zauberischem Schabernack. Doch selbst hier, zwischen Vogelfänger und Schlange, „sternflammender Königin der Nacht“ und priesterlich bewachtem Weisheitstempel, hören wir in einer Arie das schönste, das genaueste Zeugnis von der Kraft und der Macht der Kunst. Tamino hat gerade erst ein Porträtbild Paminas erhalten, der ihm bis dahin unbekannten Tochter der Königin der Nacht. Sein Entzücken ist augenblicklich grenzenlos: „Dies Bildnis ist bezaubernd schön / Wie noch kein Auge je gesehn!“ Tamino ist nicht etwa hingerissen von vielleicht strahlenden Augen, nicht von einer schmucken Nase, auch nicht von zierlichen Ohren. Das Bildnis selbst weckt seine Bewunderung. Die Kunst allein also vollbringt, was sein Herz erschüttert und erzittern lässt.

Doch Schikaneder hat sich für diese Arie noch eine zweite Pointe ausgedacht. „Ich fühl‘ es“, so lässt er Tamino singen, „wie dies Götterbild / Mein Herz mit neuer Regung füllt.“ Er könne zwar nicht nennen, was dieses Etwas sei, er fühle es nur brennen, „hier“, im Herzen, wie Feuer. Doch der Jüngling lernt schnell, und schon im nächsten Vers ist das Wort heraus: „Soll die Empfindung Liebe sein? / Ja, ja, die Liebe ist’s allein.“ Zweierlei, so sollen wir verstehen, bewirke die Kunst des Malers: dass Tamino zum einen die Welt erkennt. Das heißt für ihn, aus hormonellen Gründen vielleicht, zunächst einmal: das andere Geschlecht. Zum anderen lehrt ihn das Bildnis etwas über eine bisher vollends unbekannte Empfindung, für die ihm darum auch noch das Wort fehlt.

Ein Akt der Freiheit

Beides ist in der Kunst (und im Alltagsleben) zu einem häufigen – um nicht zu sagen: zentralen – Topos geworden. Liebende tragen mit sich das Bildnis der oder des abwesenden Geliebten herum. Die Liebe soll nicht erlöschen, auch in der Trennung nicht. Das Bildchen vergegenwärtigt das Fehlende und richtet den Kompass der Sehnsucht auf ihre bleibende Bestimmung und Richtung aus. Überdies öffnet uns die Kunst den Blick und die Sinne für das, wofür uns noch die Worte und die Namen fehlen. Sie deutet die Welt und entfaltet unsere Innenwelten gleichermaßen. Dante und Petrarca haben dieser neuzeitlichen Auffassung der Kunst das Fundament geschaffen. Eine erleuchtende Aufgabe („illuminans“) habe die Kunst, schrieb Dante. Sie lichtet die Wirklichkeit.

War Schikaneder am Ende doch nicht ganz so albern, wie es scheint? Denn noch etwas lässt sich aus seiner Arie herauslesen – und dieses freilich trifft nun in den Kern einer seit der Aufklärung wirksamen Kunsttheorie. „Was bleibet aber, stiften die Dichter“, heißt es bei Hölderlin. Damit Taminos Liebe richtig – sprich: dauerhaft – entflamme, muss die Kunst ihre Hand im Spiel haben, genauer: Sie muss sie gestiftet haben. Nach Schiller gründet alle Kunst in der Freiheit. Sie wird hervorgebracht von einem Menschen, der sich für den Augenblick aus allen Zwängen und aus allen Zweckmäßigkeiten befreit hat. Der schöpferisch tätige Mensch vergegenwärtigt darum das aufgeklärte, zu sich selbst erlöste und nur dem eigenen (kreativen) Zweck verpflichtete Subjekt. Und weil darum die Kunst das vornehmste Abbild der Freiheit darstellt, ja, in sich selbst – im geradezu spielerischen, von allen Ansprüchen entlasteten Umgang mit der Wirklichkeit – einen Akt der Freiheit vollzieht, geht der Künstler und gehen wir in der Begegnung mit der Kunst immer auch in eine Vorschule der Freiheit.

Denn in der Kunst erkannte Schiller, der ernüchterte, um nicht zu sagen enttäuschte Revolutionär, jene Kraft, die den Menschen eine Anschauung der Wirklichkeit in Freiheit ermöglichen soll. Sie sei Erziehung zur Freiheit und zum Selbstdenken. Mehr noch, sie sollte, als freiheitliche Praxis, den prekären Übergang sichern von vorrevolutionärer Herrschaft zu den nachrevolutionären Gesetzen der Vernunft und den dazwischen drohenden Absturz in den Terror verhindern, wie ihn Frankreich erlebt hatte.

Unfug im Namen der Kunst

Schillers freidenkerisches Pathos und geschichtsphilosophische Zuversicht schrumpften seither zum pathetischen Missverständnis. Wer heute von der Freiheit der Kunst spricht, meint nicht etwa die Einübung unabhängigen Denkens und Wirkens, er versteift sich auf die angebliche Lizenz, im Namen der Kunst alles tun zu dürfen und geradezu nichts lassen zu sollen. Unter dem Rechtstitel einer von der Meinungsfreiheit abgeleiteten Kunstfreiheit muss man sich heutzutage allerhand Unfug anhören oder ansehen, der mit aufgeklärter Praxis nur mehr dem Schein nach etwas gemein hat. Vielmehr verraten einschlägige Aktionen – Thomas Hirschhorn vor einiger Zeit in Paris, das Zentrum für politische Schönheit jüngst in Berlin und Zürich oder immer wieder der notorische Hitlergruß-Künstler Jonathan Meese – in ihrer zwanghaften Anstößigkeit die offenkundigste Unfreiheit. Das Maß der Unfreiheit solcher Kunst erkennt man indessen auch daran, dass die Öffentlichkeit darauf mit immer gleichen stereotypen Reflexen der Empörung reagiert – und damit gleichsam die Provokation zu legitimieren scheint.

Ungeachtet des Geredes, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf, neigt die Kunstkritik eher zum Weichzeichner als zum Weichklopfer.

Der Staat aber tut gut daran, sich bei solchen Gelegenheiten in Toleranz zu üben (und ein aufgeklärtes Staatswesen lässt sich darob auch nicht die Einsicht in Sinn und Zweck einer maßvollen Kunstförderung trüben, da die Kunst doch gerade jene freiheitlichen Voraussetzungen abbildet, die der liberal verfasste Staat nach einem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde nicht garantieren könne). Wo allerdings Rechtsgüter in Gefahr sind, kommt die Rechtsprechung zum Zuge, nicht als Richterin über die Kunst, sondern in Abwägung konkurrierender schützenswerter Rechte: vom Urheberrecht etwa bis zum Persönlichkeitsrecht. Wenn nun aber dem Staat bzw. der Politik diskrete Zurückhaltung empfohlen wird, so gilt für die Kunstkritik genau das Gegenteil: Sie soll ohne falsche Rücksicht ihres Amtes walten.

Am wenigsten in Angelegenheiten der Kunst gilt wohl das maliziöse Bonmot, jede Zeit erhalte, was sie auch verdiene. In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft gehört es gerade zu den vornehmsten Aufgaben der Kunstkritik, das Kunstschaffen an seinen eigenen Ansprüchen zu prüfen und weder Mittelmaß noch Meterware hinzunehmen. Wenn solches heute (wie vielleicht zu den meisten Zeiten) manchen zu überwiegen scheint, dann liegt es auch daran, dass die Kritik eher zum Weichzeichner als zum Weichklopfer neigt. Ungeachtet des Geredes, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, ziehen wir Kunstkritiker die Freundlichkeit der Boshaftigkeit vor, eher beißen wir uns die Zunge ab, als einen Verriss zu viel zu schreiben, eher verstecken wir uns hinter vagen Lobgesängen, als uns mit einem präzisen Urteil zu exponieren. Das ist alles menschlich und freundlich und nachvollziehbar – aber zutiefst kunstfeindlich. Denn es missachtet oder, um es schärfer zu sagen: verachtet das selbstbestimmte Fundament der Kunst.

Sich mit der Kunst zu messen, und nichts anderes heißt Kunstkritik, bedeutet auch und vor allem: ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Das wiederum verlangt nicht weniger, als ein dem Kunstschaffen ebenbürtiges Wagnis einzugehen: in Freiheit des Räsonierens und Argumentierens die kritische Auseinandersetzung mit einem Werk auszuüben. Denn darin liegt der größte Respekt sowohl gegenüber den Künstlern und ihren Werken wie auch gegenüber der Öffentlichkeit, vor der diese Reflexion geführt wird: dass dem Abenteuer der Kunst mit der Kunst des freien Denkens begegnet wird. Exponiert ist dieses wie jenes, das Risiko des Scheiterns wohnt ihnen gleichermaßen inne. Nur investiert der Kritiker weniger Lebenszeit in sein Unterfangen. Das aber soll ihn nicht zu falscher Rücksicht, doch zu höchster Redlichkeit anspornen.