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Wissensgesellschaft

Wozu wissen? Lieber googeln!

Meinung / von Thomas Ribi / 05.10.2016

Ein Mausklick genügt, und die ganze Welt ist auf unserem Bildschirm. Doch Daten erklären nichts. Wir müssen sie zum Reden bringen. Das braucht Wissen. Und das kann man nicht auf Festplatten speichern.

Wie viel Grad hat ein rechter Winkel? 30, 45, 60 oder 90? Lachen Sie nicht! Die richtige Antwort ist 100 Euro wert. Jedenfalls beim Fernsehquiz „Wer wird Millionär?“. Und wenn Sie fünfzehn Fragen später wissen, wem die Welt den Satz „Ich denke, also bin ich“ verdankt, gewinnen Sie vielleicht sogar eine Million. Zugegeben, ganz so einfach geht’s dann doch nicht. Denn zwischenhinein gibt es richtig fiese Fragen: Heißt „Video“ „Ich rieche“, „Ich lache“, „Ich weine“ oder „Ich sehe“? Findet man einen Kalmus bei der IAA, im Schuhgeschäft, an einem See oder in der Nationalgalerie? Und ist Wolfgang Schreyer ein Schriftsteller, ein Sänger oder ein Physiker? Da braucht es schon ein bisschen mehr, um sich das wohlwollende Kopfnicken von Günther Jauch und ein paar Euro zu verdienen.

Vom Göttervater Zeus zum Mayonnaise-Rezept

Nur, was braucht es denn eigentlich? Wissen? Aber was heisst das? Und ist es tatsächlich Wissen? Oder nur Versatzstücke von Wissen? Was man früher als Bildung bezeichnete, stellt das Konzept der Sendung jedenfalls schon damit infrage, dass es keinen Kanon gibt. Wichtig und unwichtig, bedeutend und unbedeutend gibt es nicht. Alles wird gleich behandelt. Vom Göttervater Zeus geht es über Schalke 04 zum Mayonnaise-Rezept, von da über ein Goethe-Zitat zur Trennung von Angelina Jolie und zum Nahostkonflikt. Alles schön kompakt. Als Antwort reicht ein Wort. Ob ich wirklich nur dann bin, wenn ich denke, spielt genauso wenig eine Rolle wie die Frage, wie ein rechter Winkel definiert ist. Hauptsache, das Stichwort stimmt. Der Zuschauer staunt, was man alles wissen kann, und lehnt sich beruhigt zurück, weil man das alles gar nicht wissen muss. Um aufs Gaspedal zu drücken, brauche ich schliesslich keine Ahnung zu haben, was ein Turbolader ist, um den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, nützt es wenig, wenn ich Schillers „Bürgschaft“ auswendig kann, und die ganze Philosophiegeschichte von Platon bis Wittgenstein bringt mich beim Ausfüllen der Steuererklärung keinen Schritt weiter. Also, was soll’s?


Credits: Illustration: Peter Gut

Wissen, so legt das Fernsehquiz nahe, ist etwas für Zirkuskünstler, nicht für den Alltag. Ein Luxus, ein Spass, der sportliche Bedürfnisse befriedigt, im besten Fall ein bisschen Prestige bringt, praktisch aber kaum verwertbar ist. Genau das reden uns auch Bildungsfachleute und Politiker ein. Und zwar mit Erfolg. Was heute zähle, sei nicht Wissen, sondern Kompetenz, lautet ihr Mantra. Gefragt sei nicht Bildung, verlangt seien konkrete Fähigkeiten. Wissen, das klingt nach bildungsbürgerlichem Dünkel. Es verbreitet Modergeruch, steht im Ruf, tot, nutzlos und elitär zu sein. Ein Ballast, mit dem man sich verbaut, was in Wirtschaft und Gesellschaft Erfolg verheisst: Tatkraft, Risikobereitschaft, Entscheidungsfreudigkeit. Die Welt gehört nicht dem, der weiss, sondern dem, der kann. Was man lernt, muss direkt anwendbar sein. Und wenn man etwas wissen muss: Google macht’s leicht. Ein paar Mausklicks genügen, und man hat das Wissen der ganzen Welt auf dem Bildschirm. Darum sollen Schüler und Studenten kein unnötiges Wissen anhäufen. Sondern lernen, wie man sich Wissen beschafft. Von dieser Haltung ist auch der Lehrplan 21 durchdrungen.

Dank Information finden wir uns in der Welt zurecht. Wissen hilft uns, die Welt zu verstehen.

Ein erstaunliches Credo für eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft bezeichnet und Bildung als wichtigsten Rohstoff preist. Die Wissensgesellschaft scheint nicht auf Menschen angewiesen zu sein, die etwas wissen. Und Wissen ist offenbar auf Festplatten und Servern besser aufgehoben als in den Köpfen. Die müssen frei sein für Wichtigeres. Für das lebenslange Lernen zum Beispiel. Dazu sind wir ja verpflichtet. Auch das bleut man uns unablässig ein. Doch was wir lebenslang lernen sollen, bleibt schleierhaft. Zwar ist da dann plötzlich von Wissen die Rede. Von Wissen allerdings, das nicht viel wert ist. Denn, auch das gehört ins Repertoire bildungspolitischer Sonntagsreden: Nichts veraltet heute so rasch wie Wissen. Es ist überholt, bevor es sich gesetzt hat. Was uns laufend in den Händen zerrinnt, ist allerdings meist angewandtes Wissen. Fertigkeiten, neudeutsch „Skills“. Das Wissen, das dahintersteht und die Grundlagen dafür liefert, ist selbst heute meist viel beständiger. Doch das spielt keine Rolle, wenn es darum geht, zu rechtfertigen, dass man Wissen nicht haben, sondern nur verwalten muss. Und dass sich der Rest von selber ergibt.

Nur, ist das, was auf Festplatten und in Datenbanken gespeichert ist, wirklich Wissen? Die Frage stellt kaum jemand. Dabei ist sie zentral. Und die Antwort heisst: nein. Was in Computern verwahrt wird, ist nicht Wissen, sondern Information. Worte, Zahlen, Bilder. Eine unüberschaubare Flut von Daten. Damit daraus Wissen entsteht, müssen die Daten gesichtet, nach sinnvollen Kriterien geordnet, klug ausgewählt, gewichtet und interpretiert werden. So interpretiert werden, dass sie in einer sinnvollen Beziehung stehen zu den Problemen, die wir lösen wollen. Wissen ist mehr als eine Ansammlung von Daten. Und mehr als Information. Wissen heisst erkennen. Heisst, Informationen zu einer konsistenten Beschreibung der Realität verknüpfen. Dank Information finden wir uns in der Welt zurecht. Wissen hilft uns, die Welt zu verstehen.

Daten geben keine Antworten. Sie sprechen auch nicht für sich, sondern müssen zum Reden gebracht werden. Und zwar von uns. Wir können die Antworten auf unsere Fragen nicht pfannenfertig aus Datenbanken abgreifen. Wir müssen sie uns erarbeiten. Indem wir die richtigen Fragen stellen. Indem wir Informationen auswerten, sie mit anderen Informationen verknüpfen, mit dem eigenen Vorwissen abgleichen. Indem wir abwägen, kombinieren, Analogien bilden, Hypothesen wagen, Schlüsse ziehen. Auch wenn uns intelligente Prozessoren mehr und mehr dabei helfen: Entscheiden, verstehen, Sinn stiften, das kann und darf uns niemand abnehmen, wenn wir trotz immer intelligenteren Computern Herr im Haus bleiben wollen.

Genau dafür brauchen wir Wissen. Wissen, das Orientierung schafft, das uns hilft, Unwesentliches von Wesentlichem zu unterscheiden, und uns das vermittelt, was man etwas altertümlich als Weltverständnis bezeichnen könnte. Niemand kann überall Experte sein, wo er sich bewegt und Entscheide fällen muss. Doch das war vor hundert Jahren nicht anders. Und dass Wissen nie abgeschlossen sein kann, ist weiss Gott nicht erst seit gestern bekannt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass man den Erwerb von Wissen auf ein erträgliches Minimum beschränken soll, blieb einer Gesellschaft vorbehalten, die vor lauter wirtschaftlichen, politischen und sozialen Sachzwängen den Kurs verloren hat.

Was man wissen muss

Natürlich sind Bildungsentwürfe nicht in Stein gemeisselt. Selbstverständlich verlangt die rasch fortschreitende Digitalisierung zum Teil nach anderen Fähigkeiten als eine Zeit, in der Schüler auf Schiefertafeln schrieben und Ingenieure mit Rechenschiebern hantierten. Nur, wo Wissen fast explosionsartig zunimmt – auch das gab es schon früher –, da braucht es Distanz. Wer verstehen will, muss einordnen. Das ist weder mit rein funktionalem Wissen noch mit plattem Lexikonwissen möglich. Und oft ist gerade das Wissen, das in einer auf unmittelbaren Nutzen ausgerichteten Sicht als unwesentlich gilt, entscheidend, wenn es darum geht, ein Problem aus ungewohnter Perspektive zu betrachten. Eine Zeile aus einem Celan-Gedicht kann dem Denken eine neue Richtung geben, auch wenn es um Mikroprozessoren geht. Und Thukydides‘ Analyse des Peloponnesischen Kriegs lehrt mehr über das Wesen politischer Macht als die „Tagesschau“. Wer „Ich denke, also bin ich“ sekundenschnell mit „Descartes“ quittiert, punktet vielleicht beim Tischgespräch oder gewinnt ein Quiz. Wem der Satz die Grundlegung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit bewusstmacht, wird seine Arbeit mit dem kritischen Abstand tun, der ihm erlaubt, in etwas, das alle sehen, das Verborgene zu erkennen, das auf neues Terrain führt. Er versteht ein bisschen mehr von der Welt. Und das heisst auch: Er denkt selbstbestimmter und entscheidet autonomer.