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Der Stürmischste unserer Zeit

Zum 20. Todestag von Heiner Müller

von Alexander Kluge / 30.12.2015

Vor 20 Jahren, am 30. Dezember 1995, ist der Poet und Theatermann Heiner Müller gestorben. Für  mich bleibt er der Stürmischste und Attraktivste unter den deutschen Dramatikern unserer Zeit. Wenn ich die Flüchtlingskolonnen sehe oder die wirren Verhältnisse in der Levante mich beunruhigen, suche ich nach Texten von Müller oder frage mich, welche Stücke er in unseren Tagen geschrieben hätte. Hätte er Metaphern gefunden, die beschreiben, wie sich am 13. November 2015 der Handyhimmel über Paris plötzlich verdunkelt? Irgendwann muss man die Tagesnachrichten durchbrechen. Und dann tut man gut, nach Texten von Heiner Müller zu greifen.

„Er wollte nicht der Ort sein, an dem die Abrissbirne wütet“

Notiz von Heiner Müller auf einem Bierdeckel; es sollte eine Ode daraus werden. Müller selbst trank kein Bier. Was bedeutet dieser Satz, mein Freund? Er heißt so, wie er lautet, antwortete der Dramatiker. Ich glaubte, den lakonischen Satz folgendermaßen zu verstehen: Über Generationen hinweg, oft direkte Abkömmlinge überspringend und bei den Neffen und Nichten weiterwirkend, setzt sich die kollektive Erfahrung der Vorfahren (wie ein ZWEITES UNBEWUSSTES) im Inneren der Menschen um. Die Abrissbirnen, die in den Städten die Häuser niederrissen (auch Luftangriff), beginnen auf diese Art dreißig bis vierzig Jahre nach dem Ereignis, in Form innerer Unruhe „das Herz zu zerreißen“. Besser, man erinnert sich nicht. Niemand aber hat die Macht, sich gegen diese „Wiederkehr von Vergangenheit“ abzuschotten. Das erklärte mir Müller eine gute Stunde nach meiner Frage durch einen ähnlich kurzen Satz. Der Dramatiker war nicht der Meinung, dass Auslegung einem solchen Satz etwas hinzufügt.

Heiner Müller zur Finanzkrise

In seinem Todesjahr verfolgte Heiner Müller die Absicht, ein Drama über ÖKONOMIE zu schreiben. Er war angeregt durch Dirk Baeckers Publikation „Postheroisches Management“. Das war der Einbruch westlicher ökonomischer Analyse in Müllers Denken. Die Rasanz des Stoffes verblüffte ihn.

Müller erinnerte sich an seine Studien vor Ort im Arbeitsprozess der DDR. Er hatte sie in jener Zeit betrieben, in der er bei den Behörden der DDR in Ungnade stand. Stücke, die von der Produktion handelten, konnte er nur schreiben, wenn er Erfahrungen in den Betrieben gewann. Mit dem ganz anderen Raster Dirk Baeckers hatte er die eigenen Eindrücke erneut vor Augen. Beeindruckt hatte ihn die REPARATURINTELLIGENZ in den Betrieben. Binnen Stunden richteten die Praktiker eine havarierte Maschine wieder her (gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass dieser schon im Krieg verschlissene Apparat, der in den Jahren der DDR nie erneuert worden war, überhaupt wieder in Gang gesetzt werden könnte). Der Grund für solches Gelingen war in einer unmerklichen Kooperation zu finden, die mehr bedeutete, als „aus Irrtümern zu lernen“.

In vieler Hinsicht erinnerten solche Kooperationen an Phasen des Frühkapitalismus, meinte Müller, in denen die Ausbeuter und die Werktätigen noch physisch aufeinander einzuwirken vermochten. In seiner Skizze für das Drama, das jetzt moderne, westliche Erfahrungen am Beispiel der ostdeutschen Bundesländer dramatisieren sollte, baute er diese Erfahrung aus den siebziger Jahren gleich in der zweiten Szene seiner Skizze ein.

Übungen für „Herzensmatte“

Das Schlimmste wäre, wenn die Sterne ungestützt auf ihre Gesichter fallen. Dann würden die Toten zu Kopffüßlern. Sie sollen nicht wie der Wächter des dritten Tors in der ägyptischen Antike werden, „der das Verfaulte aus seinem Hinterteil frißt“. Stattdessen sollen sie zu Wächtern des fünften Tors werden, von insgesamt zwölf. Das sind DIE MIT DEM WACHSAMEN HERZEN.

In einem Gespräch mit mir (nicht alle sind aufgezeichnet) stellte Heiner Müller fest: Unsere Welt besteht, solange die Zahl der Toten, nämlich das TOTENGERICHT, größer als die Heere der Lebenden ist. An unsichtbaren Fäden, an Schnüren, die wir in uns tragen, halten sie das Gleichgewicht fest. Das hat Müller noch im Koma zum Jahreswechsel 1995/96 vor dem Personal der Todesklinik bezeugt.

„[…] Das große Tribunal, das ist Osiris, das ist Isis, das ist Nephthys, das ist Horus, der seinen Vater schützt …“

Und es heißt: „‚Uto, die Herrin der Flammen‘. Das ist das Sonnenauge.“

Und der Großaffe Kong spricht:

„Atem ist in meiner Nase

Und meine Augen blicken umher

Unter jenen Horizontbewohnern

An jenem Tag, an dem mit den Räubern

Abgerechnet wird.“

Heiner Müller: „Der Zug der verwilderten Geister um den ganze Erdkreis“

Der Dramatiker Heiner Müller starb am 30. Dezember 1995. In den letzten Novembertagen jenes Jahres inszenierte er, auch als ein Projekt zur Abwehr des Todes, eine Folge von Dramen über Trojas Untergang. Die Griechen zerstören das mächtige Troja bis auf den Grund. DIE NACHRICHT DAVON WIRD MIT DER WILDHEIT DER ÜBRIGGEBLIEBENEN KRIEGER ÜBER DEN ERDKREIS GETRAGEN. DEREN ENERGIE (DIE DES SCHRECKENS) GENÜGT, DAS GEWALTTÄTIGE ROM ZU GRÜNDEN. ROMS LEGIONEN UNTERWERFEN GRIECHENLAND. ALS KORINTH REVOLTIERT, WIRD KORINTH VERBRANNT. SO GESCHAH DEN GRIECHEN, WAS SIE TROJA ANTATEN.

Das poetische Auge aber, sagt Heiner Müller, sieht den ZUG DER VERWILDERTEN GEISTER, wie er den Erdkreis großräumig und in Zeitmaßen umrundet, die zwischen Geburt und Tod einzelner Menschen nicht auszumessen sind. Brüllend wie die Sterne, heißt es bei Müller, ziehen die Unglücksboten in der Geschichte umher. Besser, sie wären nie geboren. Gibt es Hebammen, so argumentiert Müller, muss es auch Anti-Hebammen geben, welche die von einem Unglücksort wie Troja ausgehende Fernwirkung hemmen. Nie hätte Äneas das Meeresufer erreichen dürfen! Zerstörte Orte gehören in Quarantäne!

Nahe Begegnung zwischen Karl May und Lord Curzon

Wie Luxusdampfer liegen die Grandhotels westlicher Investoren zur Jahrhundertwende über den Orient verteilt. Dass Dr. h. c. Karl May ein Provinzler und dass ihm das Reisen unheimlich war, sieht man daran, dass er sich auf seiner ersten großen Auslandsreise im Jahre 1899, die ihn noch bis Sumatra bringen sollte, von einem solchen Hotelpalast zum nächsten schwang. Ihm war die unübersichtliche, im Lande verborgene Informationsmasse zuviel.

In einem der großen Hotels in Persiens Süden las er in der Gästeliste die Eintragung: Lord Curzon of Keddleston und Frau Victoria. Das schien ihm eine Herausforderung: den berühmten Mann zu treffen, der ebenfalls Gelehrter war, ja ihn in ein legendäres Gespräch zu verwickeln. Er sandte seine Visitenkarte, die auf Dr. h. c. Karl May lautete, in Handschrift darunter gesetzt: HAMMURABIFORSCHER (ein Stück Hochstapelei steckte diesem Mann von seiner Herkunft aus dem Eulengebirge her im Blute).

Von dieser Begegnung, die wenig bekannt ist, hatte der Dramatiker Heiner Müller von einem Oberleutnant im Dienste des MfS gehört, den er in der Kantine des Berliner Ensembles getroffen hatte. Dieser war im Außendienst der DDR auf Horchposten im Jemen tätig gewesen und interessierte sich für persische Literatur. Der Agent hatte in seiner Freizeit die NAHE BEGEGNUNG von Lord Curzon und Karl May recherchiert. Vielleicht könnte man, habe Karl May in seinem Tagebuch notiert, indem man die Probleme des persischen Herrschers Kyros, um 610 v. Chr., debattierte, die derzeitigen Probleme des Nahen Ostens, Irak, Syrien, Bosporus, einer Lösung zuführen. Die beiden Gesprächspartner, Curzon und May hätten, so formulierte es der Oberleutnant zu Heiner Müllers Erstaunen, „Schach des Weltgeistes“ gespielt. Nein, das verkennt, dass das Ereignis nicht stattfand, antwortete der Oberleutnant.

Taub sind die Sieger, die Besiegten stumm

Heiner Müller