Zum Tod von Götz George: Radikal und unnahbar

von Ren L. Kellem / 27.06.2016

Als „Tatort“-Kommissar Schimanski wurde er berühmt, doch wechselte Götz George immer wieder das Rollenfach und bewies sich als großer Charakterdarsteller. Nun ist er im Alter von 77 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben.

Er war keiner, der es seinem Publikum leichtmachte, keiner, der die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie kurzerhand akzeptieren und sich des Erfolges wegen anbiedern wollte. Legendär wurde diese Haltung, als Götz George 1998 zusammen mit Corinna Harfouch seinen Film „Solo für Klarinette“ auf der „Wetten, dass . . .?“-Unterhaltungscouch vorstellen sollte und mit dem nassforsch vor sich hin plaudernden Thomas Gottschalk aneinandergeriet. „Ich habe mich immer um Radikalität bemüht“, lautete einer seiner Leitsätze, und diese Ernsthaftigkeit machte es ihm unmöglich, über komplexe Filme so zu reden, als würde man ein Tennismatch kommentieren.

Sohn eines großen Schauspielers

Götz George, 1938 in Berlin geboren, wuchs mit dem auf, was den Schauspielerberuf ausmachte. Seine Eltern Berta Drews und Heinrich George zählten zu den Großen ihres Metiers. An der Figur des Vaters, des „Jahrhundertschauspielers“, wie der Sohn ihn rühmte, arbeitete sich Götz George ein Leben lang ab – bis ins Jahr 2013, als er im Fernsehfilm „George“ seinen Vater spielte. Mit denjenigen, die in moralischer Gewissheit den Stab über jene Künstler brachen, die während der NS-Zeit im Land blieben und ihre Arbeit fortführten, machte sich Götz George nie gemein – was ihn in den rebellischen sechziger Jahren zu einer Randfigur machte.

Noch ehe er zu dieser Zeit unter Heinz Hilpert am Deutschen Theater in Göttingen das Theaterhandwerk von der Pike auf erlernte, hatte er bereits in Kinofilmen debütiert, die das Sehnsuchtspotenzial der Nachkriegszeit bedienten. In „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ (1953) spielte er, von viel leichtem Liedgut und idyllisierenden Landschaftsbildern begleitet, an der Seite von Magda und Romy Schneider seine erste Filmrolle. Erwarb er sich mit solchen Auftritten erste Sporen als gutaussehender und gutgelaunter jugendlicher Liebhaber, wechselte er fortan – was sein Markenzeichen blieb – die Genres nach Belieben und stellte sich unterschiedlichen Herausforderungen. Er spielte in Wolfgang Staudtes beeindruckendem Film „Kirmes“ (1960) einen desertierenden Wehrmachtssoldaten, wirkte kurz darauf in den Karl-May-Kassenschlagern mit, stand in Köln oder Salzburg auf der Theaterbühne und trat alsbald in TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“ auf.

Dass es ausgerechnet das Genre des Ferienkrimis war, das Götz George zu einem der populärsten deutschen Schauspieler machte, hätte er sich nie träumen lassen. Als ihm der Westdeutsche Rundfunk das Angebot unterbreitete, die Nachfolge des „Tatort“-Kommissars Haferkamp, gespielt vom soigniert-ironischen Hansjörg Felmy, anzutreten, machte er zuerst seinem Unmut Luft und wetterte gegen die austauschbaren „Trenchcoat-Ermittler“. Erst als man sich darauf verständigte, mit dem Ruhrgebietskommissar Horst Schimanski eine gänzlich aus dem Rahmen fallende Figur zu entwickeln, war George Feuer und Flamme.

Der Duisburger Ermittler Schimanski, assistiert vom wunderbaren Eberhard Feik als Thanner, revolutionierte das Genre. Ein raubeiniger Gesetzesvertreter, der die von ihm zu vertretenden Gesetze sehr freizügig interpretierte, sobald es die Gerechtigkeit verlangte – das hatte es zuvor nicht gegeben. Der unangepasste Schimanski verstand sich (in insgesamt neunundzwanzig Folgen) nie als handzahmer Schreibtisch-Ermittler. Er trug statt Anzug Armeejacke, ernährte sich von Currywurst und der Liebe zahlreicher Frauen, prügelte sich permanent (ohne dafür Stuntleute zu benötigen), schoss um sich, fluchte so derb, dass die Schicklichkeitsbeauftragten des deutschen Fernsehens viel zu tun bekamen, und machte aus dem – so George – „kraftvollen und zerbrechlichen“ Duisburg eine mythische Metropole. Der stets durchtrainierte Schimanski entwarf so ein neues Bild von Virilität, das nichts mit der Sanftheit des gleichzeitig entstandenen „weichen“, ökologisch bewussten Mannes zu tun hatte und mehr als einen Hauch von verletzlicher Melancholie ausstrahlte. Götz George als Schimanski hat viel von dem vorweggenommen, was heute im „Tatort“ selbstverständlich ist. Til Schweigers Versuch, als Hauptkommissar Tschiller in die Schimanski-Fußstapfen zu treten, ist eine späte Nachwirkung.

Der Schubladisierung entkommen

So sehr Götz George, manchmal zu seinem Leidwesen, mit Horst Schimanski identifiziert wurde, so glanzvoll gelang es ihm, diese Schublade immer wieder zu verlassen und sich mit der ihm eigenen Präzision ganz andere Rollen anzueignen. Ob in dem Gangsterthriller „Die Katze“, in „Der Sandmann“, in Romuald Karmarkars „Der Totmacher“ oder in Komödien wie „Schtonk!“ und „Rossini“ – George überzeugte, egal, ob es galt, sich in einen Serienmörder oder einen Skandalreporter hineinzufinden, weil er offensichtlich nicht mit vorgefassten Meinungen an seine Aufgabe heranging. Aufhebens darum zu machen, lag dem eine gewisse Unnahbarkeit nie verlierenden Schauspieler nicht. Lapidar antwortete er, dass genau das zu seinem Beruf gehöre. Hatte er von allen unstatthaften Annäherungen, vor allem des Boulevardjournalismus, die Nase voll, zog er sich nach Sardinien zurück, wo ihn niemand behelligte. Der unnahbar radikale, der radikal unnahbare Götz George starb, wie erst jetzt bekanntwurde, am 19. Juni.