Zur Schau gestellte Terror-Opfer

Meinung / von Rainer Stadler / 22.03.2016

Die Anschläge in Belgien bestätigen eine kulturelle Kluft in der Berichterstattung. Durch die digitale Globalisierung ist sie umso sichtbarer geworden. Die Unterschiede manifestieren sich beim Gebrauch von Fotos. Im deutschsprachigen Raum herrscht – zumindest außerhalb der Boulevardzonen – die Meinung vor, Personen in Notlagen sollten in der Öffentlichkeit nicht exponiert werden. In diesem Sinn hat der Großteil hiesiger News-Sites darauf verzichtet, die teilweise blutverschmierten Opfer der aktuellen Anschläge in Brüssel abzubilden. Der Spiegel publizierte zwar solche Bilddokumente, doch er machte die Gesichter der Betroffenen unkenntlich.

Diese Kultur des Respekts ist kein globaler Standard. Im angelsächsischen Raum hält man sie nicht für nötig, wie ein kleiner Rundgang zeigt. Nicht nur die boulevardeske Daily Mail, sondern auch der Telegraph, die Times und die New York Times veröffentlichten das Bild einer schockierten Frau, die bloß noch halb bekleidet in einem Stuhl sitzt. Der Schnappschuss ist gar auf den Titelseiten der News-Sites zu sehen.

Rücksicht erfahren manchmal die Kinder; deren Gesichter sind teilweise technisch verschleiert worden. Die spanische El País und der italienische Corriere della Sera – eigentlich der Qualität verpflichtete Organe – stellten das Opferbild ebenfalls auf ihre Frontseite.

All diese Meldeläufer scheint es nicht zu kümmern, dass sie sich dadurch von den Terroristen instrumentalisieren lassen – indem sie deren Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten, durch entsprechende bildliche Botschaften unterstützen. Angesichts des zunehmend grenzüberschreitenden Nachrichten-Verkehrs fragt man sich, wie lange im deutschsprachigen Raum die publizistische Kultur der Vorsicht noch Bestand haben wird.